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Israel: Auf der Spur der heiligen Schrift

Die Bibel ist das Buch der Bücher, sie wurde in unzählige Sprachen übersetzt, jährlich werden viele Millionen Exemplare gedruckt. Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass sich die Menschheit mit keinem Buch intensiver beschäftigt hat – schließlich prägte das Werk sowohl das Christen- wie auch das Judentum.

Aber noch immer liegt manches zum Ursprung der Heiligen Schrift, die aus einer Sammlung von etlichen Einzeltexten entstand, im Dunklen. Forscher diskutieren beispielsweise, ob frühe Bibeltexte noch im judäischen Reich entstanden oder erst später. Ein magisches Datum bei dieser Debatte ist das Jahr 586 vor Christus. Damals eroberte der babylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem, seine Soldaten zerstörten den Tempel des Salomos mit der Bundeslade. Die großen Zeiten des nach biblischer Darstellung von König David gegründeten Reichs waren vorbei. Jüdische Aristokraten und Gelehrte mussten ins Exil nach Babylon. Und genau hier sind die ersten biblischen Texte entstanden, glauben manche Forscher.

Doch könnten entsprechende Schriften nicht auch schon vor 586 aufgeschrieben worden sein?

Um das zu ergründen, untersuchen Archäologen sehr genau die Reste des alten Reichs. Was für Schriftstücke sind erhalten und wer konnte damals überhaupt alles lesen und schreiben? Solche Fragen geben möglicherweise Hinweise auf die intellektuelle Infrastruktur der damaligen Zeit in der Region.

Indizien liefern Funde aus dem Alltag der Menschen damals. Nun untersuchten Forscher aus Israel Entdeckungen aus Sechzigerjahren: Tonscherben aus Tel Arad. Der staubige Ort nur wenige Kilometer westlich des Toten Meers liegt in der Negev-Wüste. Vor 2600 Jahren stand hier auf einem Hügel eine kleine Militärstation. Der winzige Stützpunkt bot wohl nur für 20 bis 30 Soldaten Platz, die die Südgrenze des Königreichs Juda beobachteten.

Die Scherben, die Archäologen hier fanden, waren besonders. Sie waren mit hebräischer Schrift bemalt, Fachleute nennen sie Ostraka – nach dem griechischen Wort für Tonscherben. Im Gegensatz zu wertvollem Papyrus oder Leder waren solche Scherben die einfachste Art von Schreibunterlage. Ostraka wurden für alle möglichen Alltagsnotizen verwendet, manchmal für Quittungen oder kleine Briefchen. Die Menschen ritzten die Schrift direkt in den gebrannten Ton oder sie verwendeten Tinte. Archäologen gruben schon ganze Ostraka-Archive aus.

Für eine aktuelle Studie, die im Fachmagazin “PLOS One” erschien, haben Wissenschaftler um Israel Finkelstein, Direktor des Archäologischen Instituts der Universität von Tel Aviv, nun 18 solcher beschrifteten Scherben untersucht. Sie stammen aus der Zeit um Jahr 600 vor Christus. Die Experten wollten wissen, was sich über die Analyse der Handschriften herausfinden lässt. Dafür erhielten die Forscher auch Unterstützung von der Staatsmacht: Die forensische Handschriftspezialistin Yana Gerber arbeitet seit Jahren für die Kriminalabteilung von Israels Polizei und prüfte bei Fälschungverdacht Handschriften. Auch sie nahm die uralten Schriften unter die Lupe.

Das überraschende Ergebnis der Forscher: Gleich zwölf unterschiedliche Schreiber haben sich auf den Scherben verewigt. Das ist umso überraschender, als das in der kleinen Militärstation sicher keine hochgebildeten Soldaten ihren Dienst verrichteten. Aber anscheinend war die Alphabetisierungsrate damals weitaus fortgeschrittener als gedacht. Das Schreiben schien zumindest im Alltag keine hohe Kunst zu sein, bei der die Menschen auf die Dienste von einigen wenigen Schriftgelehrten angewiesen waren.

Bei der Studie griffen die Experten auch auf selbstlernende Computerprogramme zurück. Zwei Algorithmen wurden entwickelt, mit deren Hilfe Bildverarbeitungsprogramme zwei Ostraka miteinander verglichen und die Frage beantworten konnten, ob sie zwei verschiedenen Personen geschrieben hatten. Bereits im Jahr 2016 hatten dieselben Forscher die Schriftbilder untersucht. Damals konnten aber nur vier bis sechs verschiedenen Autoren ausgemacht werden. In der aktuellen Untersuchung arbeiteten die Altertumsspezialisten mit verbesserter Software und zogen zusätzlich die Handschriftenexpertin hinzu. “Uns erwartete eine große Überraschung: Yana Gerber identifizierte mehr Autoren als unsere Algorithmen”, so Arie Shaus, einer der Mitautoren.

“Das war die vielleicht aufregendste Studie meiner beruflichen Laufbahn”, sagt Yana Gerber. “Ich hatte es mit alten hebräische Inschriften zu tun, die mit Tinte auf Keramikscherben geschrieben wurden. Dabei wurde ein Alphabet verwendet, das mir vorher nicht vertraut war”. Laut der Expertin zeigt sich in jeder Handschrift ein unbewusstes Gewohnheitsmuster. Es ist für jeden Menschen einzigartig – keine zwei Menschen schreiben exakt gleich. Bei der Handschriftanalyse komme es darauf an, Merkmale aufzuspüren, die für eine Person typisch sind.

“Nicht die ausschließliche Domäne einer Handvoll königlicher Schreiber”

Laut Gerber schrieben sich die Soldaten simple Dinge, um ihren Nachschub zu organisieren. Es ging auf den Scherbenschriften um die Versorgung mit Wein, Öl und Mehl. Zudem tauschte man sich mit benachbarten Festungen aus. Und manchmal trafen über die Scherben auch Befehle von hohen Rängen des jüdischen Militärs in Tel Arad ein. Doch die meisten Inhalte betrafen die alltäglichen Sorgen der Menschen, wie sie heutzutage kaum anders sind. “Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war und dass zwischen den Autoren der Ostraca und uns keine Kluft von 2600 Jahren steht”, so Gerber.

Die Frage nach dem Ursprung der Bibel kann die Studie selbstverständlich nicht klären. Aber sie liefert einen wichtigen Beitrag zu der Frage, zu welchen Schriftstüclen man damals überhaupt fähig gewesen wäre. Manche Forscher glauben, dass einige der historischen Texte in der Bibel am Ende des 7. Jahrhunderts vor Christus geschrieben wurden – also sehr nahe an der Zeit der Ostraka aus Arad. Dazu zählt beispielsweise das Buch Josua, in dem von der Besiedlung Kanaans und von der Zeit nach dem Tod Moses berichtet wird. Nach der bisherigen Vorstellung hätten die wenigen Schriftgelehrten damals vor Menschen gestanden, die weder lesen noch schreiben konnten, und die Texte vorgetragen.

Doch so war es nicht, glaubt Finkelstein. “Wenn es an einem abgelegenen Ort wie Tel Arad über einen kurzen Zeitraum mindestens zwölf Autoren von 18 Inschriften gab, bedeutet dies bei einer geschätzten Bevölkerungszahl von nicht mehr als 120.000 Menschen in Juda, dass die Alphabetisierung nicht die ausschließliche Domäne einer Handvoll königlicher Schreiber in Jerusalem war.”

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