Spiegel

Jagoda Marinić: “Die Seele braucht Geschichten”

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ich warte auf die wirklichen Tage. Das hier, denke ich jeden Tag, kann doch nicht mein Leben sein. Das ist allerdings ein altes Gefühl in mir, das ich in einem Gedicht von Hilde Domin verstanden habe: 

Auf der anderen Seite des Mondes

gehen

in goldene Kleider gehüllt

deine wirklichen Tage

heißt es da. Das begleitet mich immer. Doch noch nie so stark wie jetzt.

Und wie empfinden Sie den Zustand Ihrer Nation?

Meine Nation – das ist etwas, das ich nicht im Besitz habe. Aber das Land, in dem ich lebe, befindet sich in einer Art Selbstzerfleischungsmodus. Dieser Eindruck verstärkt sich wohl durch die zu viele Zeit, die ich seit März in den sozialen Medien und im Netz verbringe. Das, was wir gesellschaftlicher Diskurs nennen, zersetzt sich. Ich habe den Eindruck, das Thema wechselt (Corona, Rassismus, Klima,…), aber die Drehzahl bleibt durchgehend hoch, ohne Ergebnisse zu erzeugen oder zu einem Ziel zu führen. Manchmal wünsche ich mir in dieser Nation die Nachmittage als Jugendliche zurück, als das Wichtigste war, ob Goran Ivanisevic gegen Boris Becker gewinnt.

Corona, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – wo sehen Sie die größte Bedrohung für eine humane Gesellschaft?

Soziale Ungleichheit und mit ihr der fast verlorene Glaube an die politischen Möglichkeiten, etwas für soziale Gerechtigkeit zu tun. Wer Humanität fordert, sollte naturgemäß als erstes den Menschen sehen und seine Verortung im Wertesystem einer Gesellschaft. Denkt man die Probleme vom Menschen her oder was setzt man an seine Stelle? Gerechtigkeit müsste bedeuten, jedem Menschen einen würdigen Platz zu ermöglichen, weil er ihm zusteht. Durch Geburt, nicht durch Status oder Stand. Der Reichtum der Wenigen ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, die Auswirkungen auf das Klima hat, die Digitalisierung usw. Dem Klimanotstand wird beispielsweise nicht zu begegnen sein, ohne Fragen nach sozialer Gerechtigkeit zu stellen. Wenn die Politik zaudert, dann tut sie das gern mit dem Argument: “Aber die Arbeitsplätze!” Die Industrialisierung hat zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen, die heutzutage jedoch Leerlaufarbeitsplätze sind. Die hohlen Positionen dieses Systems sind menschenunwürdig. Man erhält sie aufrecht, weil man keine anderen Wege wagt, Menschen das Überleben zu sichern. In den letzten Jahren ist jedoch so viel Reichtum erwirtschaftet worden, dass man, wenn man soziale Ungleichheit radikal bekämpfen wollte, mit Mitteln des nachhaltigen Wachstums auch das Klimaziel von 1,5 % erreichen könnte, zum Beispiel. 

Die Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wurden mal die goldenen genannt, dann die roaring twenties. Welches Adjektiv fällt Ihnen für unser Jahrzehnt ein?

Das gespiegelte Zeitalter. The mirroring twenties? Kein schönes Adjektiv, nein. Aber ich sehe uns in diesen Zeiten wie durch ein Spiegellabyrinth irren. Alles, was uns “Welt” sein soll, wird dabei gespiegelt, vergrößert, verkleinert, verzerrt, multimedial repräsentiert. Auch “das Selbst.” Franz Kafkas Prozess würde heute von einem Josef K. erzählen, der vor der Tür Selfies macht, zwischen Smartphone und sonstigen LED-Displays sitzt oder mit simulierten Welterfahrungen zu kämpfen hätte. Noch weniger als zu Kafkas Zeiten kann man Antworten auf das Leben in sich selbst – oder bei einem Wärter – finden, weil alle voll sind mit Bildern von Weltverzerrungen. Erfahrung ist ja nur möglich, wenn da ein Selbst ist, das sie verarbeiten kann.

Ich gehe davon aus, dass es heute, in dieser Flut von Bildern, Dauervernetzung, Inszenierungen, Analysen von Inszenierungen, Repräsentation und Kritik von Repräsentation keine Klarheit mehr geben kann. Ich hätte auch einfach antworten können: Wer weiß schon noch, wer er ist.

Jede Buchmesse hat ein Thema, was halten Sie für das zentrale Thema in diesem Herbst?

Nähe. Und damit Einsamkeit.

Liberté, égalité, fraternité – welcher der drei Begriffe der Französischen Revolution braucht eine Wiederbelebung? 

Was heute fehlt, ist die Idee der Brüderlichkeit. Es gibt allerdings bereits Tendenzen, das wiederzubeleben: Fridays for Future tun das. Auch #MeToo. Es kommt jedoch von Frauen, daher würde ich es “Sisterhood” nennen. 

Wenn ich eine Anekdote erzählen darf dazu: Vor einigen Sommern war ein Jugendfreund mit seiner Familie in Kroatien. Wir verabredeten uns in einem Fischerdorf zum Abendessen. Meine Mutter war dabei, und als wir einen Parkplatz suchten, was im Hochsommer in diesen kleinen Fischerdörfern nicht einfach ist, winkte uns eine Dame, etwa im Alter meiner Mutter, zu sich auf einen Privatparkplatz. Wir parkten dort. Ich stand schon mit meinen deutschen Freunden an der Uferpromenade, als wir merkten, meine Mutter fehlt. Wir drehten uns um: Sie stand noch immer mit dieser fremden Frau auf dem Parkplatz. Sie redeten, als seien sie miteinander groß geworden, selbst ihre Körpersprache hatte etwas Ähnliches. Mein Freund sah mich an: “Stehen nebeneinander wie seit Ewigkeiten.” Wir lachten, weil es seltsam war, diese Vertrautheit dieser beiden reifen Frauen, die, allein aufgrund ihrer Lebensorte, unterschiedliche Lebenserfahrungen haben müssten. Ich sehe heute in der Vertrautheit dieser beiden Frauen so ein grundsätzliches Einverständnis darüber, dass die eine es auf Erden nicht viel anders haben kann als die andere, selbst, wenn sie es etwas besser hätte. Diese banale Erkenntnis, dass existenzielle Erfahrungen des Lebens uns alle treffen werden, ganz gleich was wir tun oder worin wir uns eingerichtet haben. Wir sind heute auf die Unterschiede fixiert. Es gelingt uns nur noch selten, über sie hinweg zu sehen, daher: Mehr Sisterhood.

Über welches Problem denken Sie gerade nach?

Ich sitze gerade an meinem nächsten Roman, das erste Mal seit acht Jahren, und möchte unter anderem von Deutschland, meiner Nation, wie Sie das nennen, und der Generation meiner Eltern erzählen. Nur: Wie erzählt man von Menschen, die in einem historischen Sinn völlig unbedeutend sind, die in keinem Geschichtsbuch vorkämen? 

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt?

Ta-Nehisi Coates “Between the world and me.” Das Buch beschäftigt mich seit Jahren, schon aufgrund der Tonalität, in der Coates in diesem Buch mit seinem Sohn spricht. Diese Wärme, trotz des politisch-analytischen Textes. Und Annie Ernaux´ Buch “Der Platz”

Vermittelt die Pandemie irgendeine Botschaft?

Der Mensch vermittelt sich bei jedem Erleben eine Botschaft. Ob diese Botschaft dann ausgerechnet die Botschaft der Pandemie ist, das bezweifle ich. Ich gehe da eher von einer Gleichgültigkeit der Natur aus. Der Mensch braucht die Geschichten, den Sinn ­– die Natur aber nicht. Der Mensch braucht sie, oder wenn ich es etwas pathetischer sagen darf: Die Seele.

Gibt es eine Überzeugung, der Sie seit der Jugend treu geblieben sind?

Loyalität.

Serien ersetzen den Roman, Podcasts die Zeitungen – würden sie zustimmen?

Ich vermute, dass viele sich das wünschen, weil es so von einem Fortschritt erzählen würde. Philip Roth sagte, kurz vor seinem Tod, der Roman würde in etwa dreißig Jahren gesellschaftlich den Stellenwert einnehmen, den Lyrik gegenwärtig hat. Sie kennen die Auflagen von Lyrik? Ich hasse die Vorstellung einer solchen Gesellschaft. Ich kann Ihnen auch leicht sagen, weshalb: Der Roman ist eine spezifische Form der menschlichen Phantasie. Diese Freiheit, für ein Kunstwerk kaum anderen Materials zu bedürfen als der Phantasie und Schreibwerkzeugs. Die Freiheit haben nur wenige Kunstformen. Ich will jetzt nicht weiter ausschweifen, ich mag Podcasts ja, weil sie ein Stück mündliche Tradition zurück in den Alltag gebracht haben, man hat ja in Deutschland fast nicht mehr gewusst, wie man eine Geschichte erzählt, das haben Podcasts uns zurückerobert, daher schön, dass es das gibt. Aber mir wäre das alles als Erweiterung des vorhandenen Angebots weitaus lieber denn als Evolution. 

Worüber sollten Medien mehr berichten?

Über Handlungsoptionen für Bürgerinnen und Bürger. Müsste man medial nicht auch die Frage in den Mittelpunkt stellen, was zum Beispiel angesichts von Moria zu tun wäre, statt immer noch mehr Bilder von Kindern in diesen elenden Lagern zu senden? Dieser Selbstzweck der Berichte, das scheint mir unzeitgemäß. Mir erklärt das auch das Abwandern zu sozialen Medien.

Wie hat Corona Ihren Alltag beeinflusst?

Ich fürchte, Corona hat viele meiner Verdrängungsleistungen zunichte gemacht. Verdrängung ist ja ein legitimes Mittel der Lebensbejahung, Corona hat so manche Ängste stärker ins Bewusstsein gerückt: Ängste um ältere Menschen, die man liebt, Ängste um die Belastbarkeit der Welt, in die man täglich hinaustritt. Wahrscheinlich hat Corona bei mir das geschafft, was die Klimakrise hätte schaffen sollen, aber mein Verdrängungsmotor lief zu gut.

Es ist kein einfaches Jahr. Gab es einen besonders schönen, privaten Moment und würden Sie ihn beschreiben? 

Ich hatte die ersten Monate kaum mehr persönliche Kontakte, social distancing, ging nicht mehr in Cafés, Restaurants, keine Inlandsreisen, all das. Im August habe ich mich dann entschieden, trotzdem ins Land meiner Vorfahren zu reisen, wie ich es seit meiner Kindheit tue. Dort leben Menschen, von denen ich nach jedem Sommer nicht weiß, ob sie nächsten Sommer noch da sein werden. Gleichzeitig hätte ich diesen Sommer eine Gefahr sein können für diese Menschen, Kroatien hatte im August noch weit weniger Corona-Infektionen als Deutschland. Vor dem Haus des ältesten Menschen, den ich liebe, stand ich dann ratlos herum und wagte mich nicht näher als drei Meter an meinen Lieblingsonkel heran. Ich könnte ja eine von denen sein, die das Virus trägt und es nicht weiß, ihn anstecken, ich sah ihn und hatte nichts als Vorsicht in meinem Kopf. Mein Onkel ist zwar inzwischen recht alt, aber er hat noch immer Augen wie Paul Newman. Mit diesen Augen fokussierte er mich und kam dann mit diesem unglaublichen Lebenswillen im Körper auf mich zu, umarmte mich fest. Das Letzte, wovor er sich in seinem Alter noch fürchten will, ist zu sterben, sagte er. Das kannst du ja machen, schimpfte er. Spotten kann er auch noch ziemlich gut.

Kennen Sie eine Lieblingszeile oder einen Zauberspruch, mit dem man gut durch diese Zeiten kommt?

Ich bin da. 

Was macht Ihnen Mut?

Ich bin eher kein mutiger Mensch. Aber das Leben hat sich immer seinen Weg gebahnt. Das wage ich jetzt einmal als allgemeine Wahrheit, auch für diese Zeit, in die Welt zu setzen – oder von der Welt zu erwarten. 

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