Spiegel

Jens Spahn kündigt neue Corona-Strategie für Herbst und Winter an




Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im September im Bundestag


Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im September im Bundestag


Foto: Clemens Bilan / EPA-EFE / Shutterstock

Mit sogenannten Fieberambulanzen und besonderen Schutzvorkehrungen für Risikogruppen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das Land für den befürchteten Anstieg der Corona-Infektionszahlen in der kühleren Jahreszeit wappnen.

Für Patienten mit klassischen Atemwegssymptomen, die auf eine Corona-Infektion oder Grippeinfektion hindeuten, solle es zentrale Anlaufstellen geben, sagte Spahn der “Rheinischen Post”. Er setze darauf, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen solche “Fieberambulanzen” vor Ort anbieten würden. “Konzeptionell gibt es die schon – sie sollten im Herbst idealerweise flächendeckend zugänglich sein.” Ziel ist unter anderem, Hausärzte zu entlasten.

Im Anschluss konkretisierte Spahn die Pläne. “Es geht darum, eine Infrastruktur zu haben, die sicherstellt, dass nicht im Wartezimmer sich die Menschen untereinander anstecken. Das macht Sinn für Corona und auch bei der Grippe und einer möglichen Grippewelle”, sagte er am Montag. Der CDU-Politiker sprach von “Schwerpunktsprechstunden”, “Schwerpunktpraxen” und “regionalen Fieberambulanzen”, an die sich Patienten mit entsprechenden Symptomen künftig wenden können sollen.

“Infekte können selbstverständlich in den Praxen behandelt werden”

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht zumindest keinen Bedarf, Covid-19-Patienten deutschlandweit aus den Arztpraxen zu holen. “Die Praxen der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sind gut vorbereitet für die kommenden Wochen und das vermehrte Auftreten von Erkältungskrankheiten, grippalen Infekten und potenziellen Covid-19-Fällen”, erklären Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), und Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorstandsvorsitzender, in einem gemeinsamen Statement auf SPIEGEL-Anfrage. Dafür gebe es eine ganze Reihe an Maßnahmen.

“Infekte können selbstverständlich in den Praxen behandelt werden”, so Hofmeister weiter. “Dazu gibt es beispielsweise Fiebersprechstunden, die ja bereits zum Einsatz gekommen sind und die Hausärzte, Kinderärzte sowie Fachärzte jederzeit wieder einrichten können.” Eigenständige Covid-19-Einrichtungen könnten laut KBV zwar hinzukommen – über ihren Aufbau sollte jedoch abhängig unter anderem von der Zahl der Neuinfektionen auf regionaler Ebene entschieden werden.

Reihentests in Pflegeheimen

Abgesehen von den Fieberambulanzen kündigte Spahn spezielle Maßnahmen an, um Gefahren für Risikogruppen zu minimieren. “Wichtig ist, dass wir die besonders betroffenen Risikogruppen weiter besonders schützen und die Konzepte dafür im Alltag wieder schärfen”, sagte der CDU-Politiker. “Deshalb werden präventive Reihentests in den sensiblen Bereichen wie zum Beispiel Pflegeheimen ein fester Bestandteil der Teststrategie für Herbst und Winter. Dort müssen wir den Eintrag des Virus verhindern. Es gilt weiter höchste Wachsamkeit.”

Spahn erwartet, dass in Abstimmung mit den Ländern bis Mitte Oktober feststehen dürfte, wie die allgemeine Teststrategie für den Herbst und Winter weiterentwickelt wird. Antigen-Schnelltests seien ebenso vorgesehen wie neue Vorgaben des Bundesinnenministeriums zur Quarantänezeit für Rückkehrer aus Risikogebieten. Spahn erklärte weiter, dass die Testkapazitäten enorm hochgefahren worden seien. “Allein in den letzten vier Wochen wurde etwa ein Drittel aller Tests seit Beginn der Pandemie gemacht.”

Mehr zum Thema

“Deutlich besser vorbereitet, als wir es im Frühjahr waren”

In Nachbarländern wie Österreich, Frankreich und den Niederlanden steigt die Zahl der Infektionen aktuell stark an. Angesichts dessen zeigte sich Spahn zwar besorgt. Deutschland sei aber gut aufgestellt, sagte der CDU-Politiker: “Wir sind deutlich besser vorbereitet auf alles was kommen kann, als wir es im Frühjahr waren”. In Deutschland seien derzeit immer noch mehr Intensivbetten frei, als Frankreich und Italien zusammen insgesamt hätten. Zudem sei die Belegung besser zu steuern als noch zu Jahresbeginn.

Die Gesundheitsämter in Deutschland hatten am Freitag mit fast 2300 Neuinfektionen so viele Fälle gemeldet wie seit April nicht mehr, wie das Robert Koch-Institut (RKI) bekannt gab. Zum Vergleich: Bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr lag der Höhepunkt der an einem Tag gemeldeten Neuansteckungen bei mehr als 6000 Fällen.

Am Sonntag war der Wert mit 1345 neuen Ansteckungen erwartungsgemäß niedriger, auch weil am Wochenende nicht alle Gesundheitsämter Daten melden. Das RKI spricht in seinem Lagebericht vom Sonntag jedoch von einem “weiteren Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung”. Die Zahl der Todesfälle unter den übermittelten Covid-19 Fällen sei derzeit allerdings niedrig, heißt es weiter. Das liege hauptsächlich daran, dass zuletzt bei relativ vielen jungen Menschen eine Infektion nachgewiesen wurde.

Allerdings nimmt der Anteil der Infizierten in der älteren Bevölkerung laut RKI aktuell leicht zu. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, müsse damit gerechnet werden, dass wieder mehr Menschen ins Krankenhaus kommen und auch sterben. Ältere Menschen gelten als anfälliger für einen schweren Verlauf von Covid-19.

Icon: Der Spiegel