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Joe Biden im Wahlkampf gegen Donald Trump: Der Krisengewinner

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Joe Biden liegt deutlich vor Donald Trump in den Umfragen, er musste dafür bislang relativ wenig tun


Joe Biden liegt deutlich vor Donald Trump in den Umfragen, er musste dafür bislang relativ wenig tun

Matt Slocum/ AP

Es gibt derzeit einige Anzeichen dafür, dass Joe Biden der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, zum Beispiel, dass sie im Lager des Amtsinhabers nervös werden.

Wenn Präsident Donald Trump nicht bald seinen Kurs ändere, werde er bei der Wahl im November verlieren, sagt Chris Christie, ein alter Trump-Spezi. “Der Trend bewegt sich in Richtung Biden.”

Bei Trumps Haus- und Hofsender Fox News werden anonyme Strategen der republikanischen Partei mit der Einschätzung zitiert, Trump könnte noch vor der Wahl hinschmeißen, “wenn sich seine Umfragewerte nicht bessern”. Die Psyche des Präsidenten sei sehr “fragil”.

Für Joe Biden kommt der Aufschwung unverhofft. Noch vor wenigen Monaten war es durchaus denkbar, dass Trump dank der Wirtschaftsentwicklung trotz aller Skandale im November wiedergewählt werden könnte.

Doch die steigenden Corona-Infektionszahlen im Land und Trumps Vorgehen gegen Demonstranten nach dem Tod von George Floyd haben die Stimmung zu Bidens Gunsten gedreht. In den Umfragen liegt er zehn Prozentpunkte und mehr vor Trump. Nach zwei gescheiterten Bewerbungen um das höchste Amt im Staate könnte der Demokrat bei der Wahl im November endlich am Ziel seiner politischen Träume ankommen.

Doch Biden und seine Berater stellt das Hoch auch vor eine ganze Reihe von Fragen: Kann der Kandidat den Vorsprung bis zur Wahl halten? Welche Hürden gibt es noch für ihn bis zum Sieg? Und vor allem: Was soll er mit der Macht anfangen, wenn er denn tatsächlich gewählt würde?

Bidens Vorteil ist bislang, dass Trump seine Wahlchancen täglich selbst zerstört. Der designierte Kandidat der Demokraten muss eigentlich gar nicht viel tun. Er kann von seinem Privathaus im Bundesstaat Delaware aus entspannt dabei zuschauen, wie Trump von einer Krise zur nächsten stolpert.

Biden setzt auf Attacke und Pathos

Die öffentlichen Liveauftritte Bidens beschränken sich auf ein Minimum. Ab und zu gibt er kritische Statements zu Trumps Corona-Politik ab. Zu sehen ist er sonst vor allem in Werbespots und in kurzen, geschickt choreografierten PR-Clips im Internet.

Da präsentiert er sich stets als Gegenentwurf zu Trump. Biden der Staatsmann, Biden der Mann mit klarem Kurs, Biden der Versöhner, so lauten die Botschaften, die der Kandidat und seine Berater unters Wahlvolk bringen.

Dazu passt, dass Biden von seinem Twitteraccount fast täglich Nachrichten absetzt, die den Eindruck vermitteln sollen, dass allein er in der Lage wäre, das Land vor dem weiteren Niedergang zu bewahren. Zeitweilig klingen seine Sprüche wie Einträge aus einem Poesiealbum für Politiker. Viel Inhalt oder Substanz bietet er nicht an, eher Pathos.

“Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern, was uns als Amerikaner ausmacht. Wir behandeln einander mit Würde und Respekt, wir lassen niemanden zurück und wir geben Hass keine Heimat. Wir sind all das, was Donald Trump nicht ist”, twitterte Biden unlängst. Oder: “Ich weiß, dass dies dunkle Stunden sind, aber ich glaube fest daran, dass unsere besten Zeiten noch vor uns liegen.”

Biden führt einen Wahlkampf auf Sparflamme. Schon bald könnte diese Taktik aber nicht mehr ausreichen. Spätestens mit dem Parteitag der Demokraten Mitte August in Milwaukee muss er trotz Coronavirus häufiger ins Freie treten, mehr Interviews geben, Reden halten – und seine politischen Pläne für das Land schärfen und stärker kommunizieren.

Zwar wissen viele Amerikaner, wofür Biden in etwa steht. Er gilt als moderater Demokrat, als einer, der sich gern für den sogenannten kleinen Mann einsetzt, zum Beispiel in Sachen Gesundheitspolitik. Nur wenn es darüber hinaus konkret wird, sind da bislang etliche Leerstellen. Was der Kandidat etwa in der Steuerpolitik vorhat, bleibt eher vage, ebenso wie seine Pläne in der Klimapolitik oder im Verhältnis zu China.

Wichtig könnten hier vor allem die großen TV-Debatten werden: Insgesamt drei Duelle zwischen Trump und Biden sind für den Herbst geplant. Die jüngere amerikanische Geschichte ist voll von solchen Duellen, in denen sich vermeintliche Favoriten innerhalb weniger Minuten um Kopf und Kragen redeten.

Derzeit sind es deshalb vor allem Trump und seine Strategen, die in den Duellen eine Chance wittern. Ihr Hauptziel ist es, den 77 Jahre alten Biden als “senil” und “unfit” zu brandmarken. Sie hoffen, die Tatsache, dass Biden bei öffentlichen Auftritten immer wieder Zahlen und Namen durcheinanderbringt, gegen ihn nutzen zu können.

Trump testet Botschaften gegen Biden

Der Präsident selbst testete bei einem Interview mit Fox News unlängst bereits eine ausgebaute Variante dieser Angriffslinie. Da zeichnete er seinen Kontrahenten nicht nur als wirr, sondern auch als willfährige Marionette radikaler linker Kräfte in der demokratischen Partei. Sobald Biden das Präsidentenamt übernehme, werde er nichts mehr zu melden haben, so Trump. Stattdessen würde das Land dann quasi von Sozialisten regiert.

“Ich denke nicht, dass Biden ein radikaler Linker ist, aber es spielt keine Rolle, weil sie einfach tun werden, was sie wollen”, so Trump. “Ob es ihm gefällt oder nicht, er ist erledigt. Die radikale Linke wird ihn übernehmen.”

Im Biden-Lager haben sie die Gefahr erkannt. Die Anfrage der Trump-Berater, ein viertes TV-Duell im September abzuhalten, lehnten Biden und seine Leute ab. Zu groß ist offenbar die Sorge, dass Trump solche Showereignisse besser bestehen könnte als Biden.

Und dann ist da noch ein Risiko für Biden. Auch wenn das paradox klingen mag, es sind seine guten Umfragewerte. Die schönen Zahlen haben nicht nur Vorteile.

Ein Effekt, den sie bei den Demokraten wohl fürchten: Viele Wähler könnten am 3. November zu Hause bleiben, weil sie glauben, dass Biden sowieso gegen Trump gewinnen wird. So könnte dann das genaue Gegenteil eintreten.

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