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Junge Chefs: “Ich schlafe pro Nacht exakt 4:49 Stunden”

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Samuel Pemsel:


Samuel Pemsel: “Ich möchte irgendwann einmal bei den ganz großen Unternehmern mitspielen, dafür investiere ich enorm viel”


Foto: Hendrik Jelen

“Die Motivation für meine Agentur ist eine andere als für die Schule”

Samuel Pemsel, 17, führt eine fünfköpfige Generation-Z-Agentur. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.  

“Dass ich Unternehmer werden will, geht auf einen Italien-Urlaub mit meiner Familie zurück, da war ich 14. Davor war es immer mein Traum, einmal Tierarzt zu sein. 

Ich habe damals, mit 14, viel Computer gespielt. In Minecraft konnte ich versinken. Irgendwann, als mein bester Kumpel in der siebten Klassen sitzen geblieben war, habe ich mir die Frage gestellt: Was bringt mir das ganze Spielen am PC eigentlich? Ich entwickelte den Drang, irgendetwas richtig gut können zu wollen: Latein sprechen, dachte ich damals, das wäre toll. Meine Mutter warf dann während des Urlaubs ein, ich solle mich doch mit etwas beschäftigen, mit dem sich auch Geld verdienen lässt: Aktien zum Beispiel.

Drei Monate später hatte ich über den Namen meines Vaters dann meine ersten ETFs gekauft. Ich war angefixt, hatte aber als 14-Jähriger kaum Geld, das ich hätte investieren können. Also trug ich Zeitungen aus. Parallel dazu begann ich Bücher von Unternehmern zu lesen, die mit wenig begonnen und viel daraus gemacht haben, Elon Musk zum Beispiel. Mich fasziniert sein Arbeitsethos und seine Art, Ideen anzugehen. In dieser Phase fragte mich eine Freundin unserer Familie, ob ich Websites programmieren könne, sie wollte ihre Zielgruppe noch besser kennenlernen und erreichen, sagte sie mir. So blöd es klingt: Es war der Beginn meiner Leidenschaft.

Ich vertiefte das Thema Social Media, verdiente mein erstes Geld und begann, mit Unterstützung von Freelancern, eine kleine Social-Media-Agentur aufzubauen. Mittlerweile haben wir auch unsere Zielgruppe noch genauer erschlossen: die Generation Z, meine Generation also.

Was im ersten Moment ziemlich simpel klingt, war ein langwieriger Prozess: Damit ich als Minderjähriger allein Geschäftskonten eröffnen, Rechnungen und Verträge ausstellen oder ein Büro anmieten kann, musste ich zuerst meine uneingeschränkte Geschäftsfähigkeit attestiert bekommen. Man braucht die Erlaubnis der Eltern, ein Referenzschreiben der Schule, dem Amtsgericht musste ich einen Businessplan und Zeugnisse vorlegen und zeigen, dass ich etwas von Recht und Finanzen verstehe.

Am Ende hat dann eine Rechtspflegerin beurteilt, ob ich fähig bin, unter 18 ein Unternehmen zu leiten und allein dafür zu haften. Als ich dann vom Familiengericht das Okay bekommen habe, konnte ich zum Gewerbeamt gehen und meine Agentur gründen. Allein das hat fast elf Monate gedauert. Unser Wachstum war daher lange Zeit sehr eingeschränkt. Zwar konnten wir Kunden akquirieren und Projekte betreuen, ich musste meine freien Mitarbeiter aber immer aus eigener Tasche bezahlen.

Freunde von früher? Einmal im Quartal

Nur wenige Jungunternehmer gehen den Weg der uneingeschränkten Geschäftsfähigkeit. Der Großteil macht es so, dass sie einen Inkubator, also ein großes Unternehmen, hinter sich haben, das für sie haftet. Das wollte ich jedoch ganz bewusst nicht. Ich wollte unabhängig sein. Natürlich ist der Weg hart, rückblickend würde ich ihn wahrscheinlich nicht mehr gehen. Andererseits ist es auch gut, dass er so steinig ist – dann gründen auch nur die Jungunternehmer, die richtig Lust und eine Vision haben. Trotzdem würde ich mir auf diesem Weg mehr Klarheit und weniger Bürokratie wünschen.  

Ich möchte irgendwann einmal bei den ganz großen Unternehmern mitspielen, dafür investiere ich enorm viel. Ich schlafe pro Nacht exakt 4:49 Stunden, das ist gerade mein effizientester Schlaf. Kommendes Jahr schreibe ich mein Abitur, nebenbei möchte ich regelmäßig ins Fitnessstudio und mit meiner Agentur etwas bewegen – damit all das klappt, muss ich meine Zeit optimal nutzen. Mein Freundeskreis besteht mittlerweile zu 95 Prozent aus Gründern, die ein ähnliches Mindset haben. Gute Freunde von früher habe ich noch drei oder vier. Sie treffe ich einmal im Quartal, dann spielt mein Unternehmer-Sein weniger eine Rolle.

Meine Golden-Retriever-Hündin Amy hilft mir sehr, die Balance zu halten. Ich verbiete mir nichts, auch keinen Schlaf. Aber ich weiß, wofür ich all das mache. Ich bin sehr selbstkritisch und ungeduldig; Dinge muss ich schnell umsetzen. Jeden Tag möchte ich in dem, was ich tue, ein bisschen besser werden. 

In der Schule bin ich nicht schlecht, mein Abitur möchte ich unbedingt machen. Die Motivation für meine Agentur aber ist eine andere als für die Schule, das muss ich zugeben. Dass es meine Zukunft ist, mit dem Abi etwas Großes zu bewegen, glaube ich nicht. Studium oder Ausbildung habe ich erst einmal hinten angestellt – meine ganze Energie möchte ich der Agentur widmen. 

“Nicht jeder kommt mit meinem Veränderungsdrang zurecht”

Dass mich andere nicht ernst nehmen oder nicht wahrnehmen könnten, damit habe ich mich nie auseinandergesetzt. Ich weiß, wo ich hin möchte und dafür gebe ich alles. Beim Führen ist mir Empathie und Menschlichkeit wichtig. Auch, wenn es am Ende ums beste Ergebnis geht, möchte ich Mensch bleiben. Unser Team besteht aus freien Mitarbeitern, selten haben wir Leute dabei, die älter als 28 Jahre sind. Haben wir ein Projekt, und einer schafft seine Deadline nicht, dann kann sie oder er mir schreiben und wir finden eine Lösung. Menschen sind keine Computer. Es macht riesigen Spaß, ein Team zu leiten, wenn man eine Unternehmenskultur hat, die stimmt; wenn man eine Atmosphäre schafft, in der Dinge entstehen.

Nicht jeder kommt mit meinem Veränderungsdrang zurecht, aber damit kann ich gut leben. Die Entscheidung, all das zu investieren und nicht jedes Wochenende am Abend loszugehen, die treffe ich jeden Tag ganz bewusst neu.”   

Das habe ich gelernt: Glaube an dich selbst – harte Arbeit zahlt sich aus.  

Was würde ich anders machen: Ich wäre nicht mehr so ungeduldig, wie ich es früher war. Auch, wenn ich dies immer noch tagtäglich aufs Neue lerne.” 

“Ich habe mir den Respekt der Mitarbeiter erarbeitet” 




Judith Beck


Judith Beck


Foto: Deutsche Post

Judith Beck, 23 Jahre, leitet seit knapp einem Jahr für die Deutsche Post das Briefzentrum 57 in Freudenberg.

“Als die Kollegen erfahren haben, dass ich ihre Chefin werde, waren einige erstmal verdutzt. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Wochen lang meinem Vorgänger bei der Arbeit über die Schulter geschaut hatte, wussten die meisten noch nicht, wer ich bin. 

Wir arbeiten hier in drei Schichten, und ich habe mich in jeder als neue Leiterin vorgestellt. ‘Wie alt sind Sie?’, war eine der ersten Fragen. Auch ich selbst hatte großen Respekt davor, dass ich mit 22 Jahren und direkt nach meinem Bachelorabschluss Personalverantwortung für 170 Leute übernehme, von denen manche vom Alter her meine Großeltern sein könnten. Aber ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und überzeugt davon, dass man sich Herausforderungen stellen sollte. Egal, wie schwer eine Aufgabe ist – selbst wenn man mal scheitert, kommt etwas Positives dabei heraus, denn man lernt immer dazu. 

Und so habe ich auch keine Sekunde gezögert, als ich von meinen Chefs gegen Ende meines dualen BWL-Studiums gefragt wurde, ob ich mich auf die Stelle als Leiterin des Briefverteilzentrums der Deutsche Post DHL Group in Freudenberg bewerben mag. 

Als Chefin ist ein dickes Fell wichtig

Im dualen Studium bei der Post wechseln sich Theorie- und Praxisphasen im Dreimonatsrhythmus ab. Ich habe viele verschiedene Abteilungen durchlaufen, und in jeder Station positives Feedback bekommen, aber die Arbeit im Briefverteilzentrum hat mich von Beginn an fasziniert. Auch jetzt packe ich gern selbst mit an und habe auch kein Problem damit, die Nachtschichten mitzumachen. So habe ich mir den Respekt meiner Mitarbeiter erarbeitet. 

Kommunikation auf Augenhöhe ist für mich das Wichtigste, mit dieser Maxime habe ich meinen Posten angetreten, und das wissen alle zu schätzen. Die Leute kommen nicht nur zu mir, um mir ihre Probleme zu schildern, sondern auch, wenn etwas gut gelaufen ist, und darauf bin ich sehr stolz. Wir sind zu einem echten Team geworden. 

Mir war klar, dass es aufgrund meines Alters gerade am Anfang durchaus Skepsis geben würde. Im Großen und Ganzen bin ich aber mit offenen Armen aufgenommen worden. Als Chefin braucht man ein dickes Fell, und das habe ich mir schnell zugelegt. Sofort aktiv werden würde ich allerdings, wenn ich mitbekäme, dass jemand gemobbt wird. Mir ist es wichtig, dass sich alle im Team vertrauen und aufeinander verlassen können.

Die Post war mein Wunscharbeitgeber. Mein Vater arbeitet als Zusteller bei der Deutschen Post, und ich war schon als Kind fasziniert davon, wie Briefe innerhalb eines Tages von A nach B kommen. Auch jetzt, wo ich schon seit mehr als einem Jahr im Briefverteilzentrum arbeite, bin ich noch immer fasziniert von dem Maschinenpark. Rund 650.000 Briefe werden jeden Tag auf Postleitzahl, Bezirk und sogar Gangfolge für die Zusteller bei uns sortiert, die meisten maschinell, aber vieles ist auch noch Handarbeit, weil die Maschinen mit dickeren Briefen, zum Beispiel Warensendungen, nicht klarkommen. 

Die Erste aus der Familie, die studiert hat

Auch meine Schwester ist mittlerweile Postzustellerin – das scheint in unserer Familie zu liegen. Ich glaube, in meinen Adern fließt gelbes Blut. Ich bin die Erste aus meiner Familie, die studiert hat. Ich will immer viel und habe auch noch einige Karriereziele. 

Als nächstes will ich berufsbegleitend einen Master in BWL machen. Ich weiß, dass das hart werden wird, aber ich will meinen Posten nicht aufgeben und meine Leute nicht im Stich lassen. Und ich habe auch keine Zweifel daran, dass ich das schaffen werde. Ich weiß, was ich kann. Die nächste Stufe bei der Post wäre Leiterin eines Zustellstützpunktes. Da hat man dann schon Personalverantwortung für bis zu 500 Menschen. Jetzt konzentriere ich mich aber darauf, meinen Job so gut wie möglich zu machen. 

Das habe ich gelernt: Egal, wie viel Angst man vor einer Aufgabe hat – es lohnt sich, sich dieser zu stellen und sich klarzumachen: Man kann nur gewinnen. Denn selbst wenn man scheitert, kommt man weiter. Aus jeder Herausforderung lässt sich etwas lernen.  

Diesen Tipp kann ich anderen geben: In Assessment Centern wird darauf geachtet, wer die Initiative übernimmt und Führungsverantwortung zeigt. Das kann man relativ einfach, indem man bei Gruppendiskussionen als erste aufsteht, einen Stift nimmt und für alle die Überlegungen an einem Flipchart mitschreibt. So wird man automatisch zur Gesprächsführerin – und ist am Ende auch diejenige, die die Lösung präsentieren darf.”

“Die Not war groß, so wurde ich Abteilungsleiter” 




Viktor Stoyanov ist dualer Student und leitet die Bankett-Abteilung eines Hotels


Viktor Stoyanov ist dualer Student und leitet die Bankett-Abteilung eines Hotels


Foto: Michel Buchmann

Viktor Stoyanov, 21, ist Abteilungsleiter eines Tagungshotels in Berlin.  

“Ich bin Student – und schon vor zwei Jahren Abteilungsleiter in einem großen Hotel geworden. Ich studiere Tourismuswirtschaft mit Schwerpunkt Hotelmanagement an der IUBH Berlin. Beim dualen Studium ist man immer eine Woche an der Hochschule und eine beim Praxispartner. Bei mir ist das ein großes Vier-Sterne-Tagungshotel bei Berlin: 270 Zimmer und Suiten und ein Kongresszentrum für bis zu 2000 Gäste.  

Zunächst habe ich im Front Office gearbeitet. Die Kollegen dort organisieren das Übernachtungsgeschäft. 2018 ging ich zum Bankett, dem Herzstück des Hauses: Das ist für Tagungen, Konferenzen und große Feiern zuständig. Dort war Krisenstimmung: Die beiden Führungskräfte hatten kurzfristig gekündigt – das ist in der Branche nicht unüblich, es gibt viel Fluktuation, auch gezielte Abwerbungen. Für Veranstaltungen brauchten wir fast immer Leihpersonal, weil einfach nicht genug Leute da waren. Allein 2019 hatten wir 80 Hochzeiten – und das ohne Chefs und mit nur fünf Mitarbeitern statt der nötigen 20. Und ich als dualer Student mittendrin. Also bin ich zum Direktor gegangen und habe mich übergangsweise selbst als Abteilungsleiter vorgeschlagen. 

Als Student ist man in der Hierarchie eigentlich ganz unten. Aber die Not war groß. So wurde ich Bankett Supervisor, verantwortlich für den reibungslosen Ablauf aller Veranstaltungen, das Personal, den Einkauf. Ich musste als einzige Führungskraft in der Abteilung Meetings einberufen, Dienst- und Urlaubspläne machen. Die Reaktionen der Kollegen waren unterschiedlich. Zwei Kollegen waren zwar erstaunt, haben aber den Sinn dahinter verstanden. Die anderen beiden waren sehr distanziert und ziemlich erschrocken. Sie dachten zuerst, das wäre ein Witz. Aber sie haben sich relativ schnell auf das “Experiment” eingelassen und ich konnte sie überzeugen. Als erstes habe ich die Abläufe und die Organisation richtig definiert und gemeinsam mit den Mitarbeitern Pläne dafür erstellt. 

Corona hat den Karriereweg verändert

Den Respekt im Unternehmen musste ich mir hart erkämpfen. Ich habe Überstunden gemacht, auch in den Uni-Wochen gearbeitet und all mein Herz und meine Energie in den Job gesteckt. Ich habe es geschafft, ein Team aufzubauen, das zusammenhält. Wir haben sogar die Umsätze gesteigert – und es in der knappen Besetzung geschafft, alle Kunden zufrieden zu stellen. Wir hatten keine einzige Beschwerde. Manchmal habe ich Freunde und Kommilitonen angerufen, wenn wir dringend Verstärkung brauchten. Aber allmählich wurden wieder mehr Leute eingestellt – auch ein Bankett Manager. 

Tja, und dann kam Corona. Plötzlich hatten wir nichts mehr zu tun. Auf einmal stand ich wieder an der Rezeption. Aber alle, auch die älteren Mitarbeiter, fanden: Es hat nicht mehr gepasst, dass ich einfach wieder nur Student bin. So bin ich immer noch Bankett Supervisor. Außerdem bin ich bei meinen Eltern tätig: Die haben drei Restaurants in Berlin, da bin ich verantwortlich für Arbeitsabläufe, Dienstpläne, Serviceentwicklung und Qualitätsüberwachung. 

Im Tagungshotel bin ich noch bis Mitte 2022. Ich studiere an einer privaten Uni, die Studiengebühren zahlt der Arbeitgeber. Ich habe für die Führungsaufgabe nicht nach mehr Geld gefragt. Ich war ja auch Chef von zweien meiner Kommilitonen – da wäre es ein Problem gewesen, wenn ich der Besserverdiener gewesen wäre. Aber die Überstunden habe ich mir bezahlen lassen. Während der Krise haben wir schon jetzt neue Konzepte und Ideen für die Zeit nach Corona entwickelt. Wir können es kaum erwarten, sie anzuwenden. 

Das habe ich gelernt: Wie man mit Krisen umgeht. Ich habe zwei große erlebt: Erst die Personalkrise, dann Corona. Am wichtigsten ist: Ruhe bewahren. Hektik bringt gar nichts. 

Das würde ich heute anders machen: Ich habe meine Freunde vernachlässigt. Die haben gedacht, ich sei arrogant geworden, weil ich jetzt Chef bin. Dabei hatte ich nur keine Zeit. Heute würde ich besser kommunizieren.” 

“Skepsis habe ich nie gespürt”




Sophie Zeller


Sophie Zeller


Foto: Thomas Kruse

Sophie Zeller, 27, ist seit Februar 2018 Geschäftsführerin der Stadtbau- und Wohnungsverwaltungsgesellschaft Oederan in Sachsen.

 

“In der Schule war ich nie Klassen- oder Schulsprecherin. Im Beruf war für mich aber von vornherein klar: Ich möchte Verantwortung übernehmen.  

Schon meine Ausbildung habe ich bei der Stadtbau- und Wohnungsverwaltungsgesellschaft Oederan gemacht. Auch während meines Bachelors an der Berufsakademie in Leipzig war ich alle drei Monate für die Praxisphasen im Betrieb. Der Kontakt ist also nie abgerissen. Als ich im Oktober 2017 mein Studium in der Tasche hatte, kündigte meine damalige Chefin an, in Ruhestand gehen zu wollen. Ich habe nicht lange gezögert und mich auf ihre Nachfolge beworben. 

Ich musste mich dem Stadtrat präsentieren, dem Gemeinderat, den Aufsichtsräten, den Bürgermeistern. Skepsis habe ich dabei nie gespürt. Ich wurde von Beginn an voll akzeptiert und hatte das Gefühl, dass es von allen als Chance begriffen wurde, dass nun eine junge Führungskraft da ist. Das ist bis heute so. Ich war mit Ausbildung und Studium ja auch schon mehr als sechs Jahre in der Firma, das war ein großer Pluspunkt – auch, wenn ich natürlich keine Erfahrungen darin hatte, wie es ist, Menschen und einen Betrieb zu führen.    

Der Übergang von der ehemaligen Auszubildenden zur Geschäftsführerin war weniger komisch, als ich es vielleicht auch selbst erwartet hätte. Ich bin ein ziemlich strukturierter Mensch, das hilft mir jetzt. Ohne meinen digitalen Kalender würde mein Tag nicht mehr funktionieren. Er sagt mir, wo ich wann sein muss.   

Jeden Tag ein gemeinsames Frühstück

Wir sind eine kommunale Gesellschaft und verwalten etwa 950 städtische und 500 private Wohnungen und Gewerberäume in Oederan und der Nachbargemeinde Eppendorf. Denkmalgeschützte Altbauten, die wir als Auftraggeber genauso sanieren, wie klassische Neubauten. Auch Hausmeisterleistungen bieten wir an.

Ich habe 22 Mitarbeiter. Die Tage sind sehr unterschiedlich – ich bin dabei mehr unterwegs als im Büro: Ich plane gemeinsam mit Architekten, erstelle Wirtschaftspläne, kümmere mich um die Personalplanung oder führe Gespräche mit Mietern. Die Anforderungen sind vielfältig. Um das zu meistern, brauche ich die Unterstützung meiner Kollegen.  

Für mich ist es wichtig, dass wir im Team offen miteinander reden können, dass wir fair zueinander sind. Unsere Hierarchien sind flach – jeder und jede soll seine Stärken voll einbringen können. Wir machen jeden Tag eine gemeinsame Frühstückspause. Ich möchte für meine Mitarbeiter Ansprechpartnerin sein, ob sie Wünsche haben oder Probleme. Die Tür zu meinem Büro steht immer offen. Konflikte bleiben dabei nicht aus. Mir hilft es, dann in mich zu gehen und mich selbst daran zu erinnern, lösungsorientiert zu bleiben. Das ist nicht jeden Tag einfach. Das Gefühl, überfordert zu sein oder mit dem Druck nicht umgehen zu können, hatte ich aber noch nie. 

Der Quadratmeter kostet in Oederan 4,80 Euro – in Leipzig und Dresden fast das Doppelte

Familie und Sport sind mein Ventil für den Stress im Beruf. Handball hilft mir auch im Job, wir spielen in der Sachsenliga, fünfthöchste Klasse. Auch dort geht es um Professionalität. Ich möchte Führungsspielerin sein und gerade die jüngeren im Team unterstützen.  

Oederan ist relativ ländlich gelegen. Für die Menschen, die hier leben, gibt es zu viele Wohnungen. Der Leerstand ist hoch. Den demografischen Wandel können wir nicht aufhalten. Wir müssen die Menschen mit attraktivem Angebot locken, um nach Oederan zu ziehen. Der Quadratmeter kostet hier 4,80 Euro. Im Vergleich zu Großstädten wie Dresden oder Leipzig ist das fast lachhaft günstig. Das ist ein Pluspunkt.   

Die Region zu verlassen, ist für mich keine Option. In Leipzig zu studieren und zu leben war eine tolle Erfahrung – es ist aber auch immer wieder schön nach Hause zu kommen und zu wissen, wo man sich wirklich wohlfühlt.  

 

Das habe ich gelernt: Ich habe gelernt, dass man alle Herausforderungen, Ängste und Bedenken meistern kann, wenn man sie einfach anpackt. 

 

Das würde ich heute anders machen: Nichts. Ich bin voll und ganz mit dem zufrieden, was ich beruflich gemacht habe.”    

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