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Kirsten Boie: “Als ich Kind war, gab es keine Fantasy-Bücher”

Dein SPIEGEL: Uns ist aufgefallen, dass in vielen Büchern Mädchen klischeehaft beschrieben werden, zum Beispiel als zickig oder immer in Grüppchen unterwegs. Bei Ihren Geschichten ist das anders. Absichtlich?

Kirsten Boie: Ich erlebe Mädchen nicht in solchen festgelegten Rollen. In meinem Leben habe ich schon unglaublich viele Mädchen kennengelernt – erst als ich selbst Kind war, dann als Lehrerin, Mutter und Autorin. Die Mädchen haben den Klischees überhaupt nicht entsprochen, sie waren völlig unterschiedlich. Mir ist es wichtig, dass man diese Vielfalt lesen kann. Aber als ich jung war, waren die Mädchen in Büchern beinah alle gleich.

Dein SPIEGEL: Wie waren denn die Bücher, als Sie Kind waren?

Kirsten Boie: Damals gab es ganz wenige Bücher für Kinder und so gut wie keine Jugendbücher. Für junge Mädchen gab es hauptsächlich Geschichten, die erziehen wollten. Die Bücher waren immer gleich: Am Anfang war das Mädchen ein Wildfang, das Sachen tat, die eigentlich für Jungs vorgesehen waren. Das brachte es in Schwierigkeiten. Am Ende hatte es erkannt, dass es lieber brav sein und der Mutter helfen sollte. Diese Bücher machten mich nicht glücklich.

Dein SPIEGEL: Welches Buch hätten Sie gern gelesen, das es damals noch nicht gab?

Kirsten Boie: “Harry Potter” hätte ich als Kind toll gefunden. Die Charaktere sind fantastisch, die Handlung und die Sprache toll. Ihr müsst bedenken: Als ich Kind war, gab es Fantasy-Bücher noch gar nicht. Das muss man sich mal vorstellen! Das ganze Genre gibt es erst seit vergleichsweise kurzer Zeit, eigentlich fing mit “Harry Potter” alles an.



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Dein SPIEGEL: Was ist das Beste am Lesen für Sie?

Kirsten Boie: Man ist raus aus der Wirklichkeit, aber bleibt trotzdem noch man selbst. Lesen ist wie eine Abenteuer-Reise, bei der man ganz tolle Erfahrungen macht und Menschen kennenlernt, die man sonst nie getroffen hätte.

Dein SPIEGEL: Sie waren mal Lehrerin. Wenn Sie noch unterrichten würden, wie sähe der Unterricht bei Ihnen aus?

Kirsten Boie: Ich würde versuchen, die Schüler kennenzulernen, denn jede Klasse ist anders. Ich würde die Schüler mitgestalten lassen. Man lernt am besten, wenn man auch etwas tun darf und nicht nur zuhören soll.

Dein SPIEGEL: Uns gefallen die Bücher oft nicht, die wir im Unterricht lesen. Außerdem sind die Arbeitsblätter dazu immer gleich und langweilig. Wir würden gern selbst aussuchen können, was wir lesen. Was halten Sie davon?

Kirsten Boie: Gute Idee! Schüler müssen sich oft monatelang mit einem Buch aufhalten und alles analysieren. Kein Wunder, dass das langweilig wird. Ihr Schüler solltet lieber mehr Bücher lesen und dann aber nichts weiter tun müssen, als darüber zu reden – zu sagen, was man gut fand, aber auch sagen dürfen, was man blöd fand.

Dein SPIEGEL: Warum haben Sie angefangen zu schreiben?

Kirsten Boie: Wir haben ein Kind adoptiert, und das Jugendamt hat mir nicht erlaubt, weiter als Lehrerin zu arbeiten. Sie waren der Meinung, dass Mütter nach Hause gehören. Ich war über diese Entscheidung sehr wütend. Wir wollten jedoch noch ein zweites Kind vom Jugendamt. Also habe ich mich gefügt. Weil ich nicht nur Hausfrau sein wollte, habe ich nach Alternativen gesucht. Die Anfangssätze meines ersten Buches sind mir eingefallen, als ich meinen Sohn gefüttert habe.

Dein SPIEGEL: Welches Buch ist Ihnen am schwersten gefallen?

Kirsten Boie: Bücher, bei denen es um sehr ernste Themen geht, “Nicht Chicago, nicht hier” und “Marco hat was getan”. Beim einen geht es um Mobbing, bei dem anderen um einen Jungen, der eine Unterkunft für Einwanderer anzündet. Das Schreiben hat mich richtig fertiggemacht. Aber das Leben ist manchmal ernst, dann sollte es auch Bücher über schwierige Themen geben.

Dein SPIEGEL: Sie engagieren sich für Kinder in Afrika. Was genau tun Sie dort?

Kirsten Boie: Meine Möwenweg-Stiftung unterstützt ein Projekt in Eswatini, einem Land, in dem ganz viele Kinder ihre Eltern durch die Krankheit Aids verloren haben. Das Projekt betreut rund 3000 Kinder. Sie bekommen jeden Tag eine warme Mahlzeit, werden betreut und medizinisch versorgt. Es gibt Bücher und Nahrungsmittel, all das ist dort nicht selbstverständlich. Ich bin zweimal im Jahr in Eswatini, die Armut ist unvorstellbar.

Dein SPIEGEL: Sie sind Ehrenbürgerin von Hamburg. Was bedeutet das genau?

Kirsten Boie: Wenn ich das genau wüsste! So eine Verleihung ist auf jeden Fall sehr feierlich. Jedenfalls ist es die höchste Auszeichnung, die die Stadt Hamburg verleihen kann. Und ich habe als Ehrenbürgerin eine Freikarte für Bus, Bahn und Fähren bekommen, das ist doch nett.

Dieses Interview erschien im aktuellen “Dein SPIEGEL”-Heft 11/2020.

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