Jungefreiheit

Leben mit der KriseDas Beste daraus machen

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Leere Restaurants in Tallinn, Estland. Foto: picture alliance / Oleg Lastochkin / Sputnik / dpa

Wer das Privileg hatte, in diesem Sommer ein, zwei, drei Wochen ohne Pandemiebeschränkung zu leben, ohne Homeoffice, ohne Maske, ohne das ewige Desinfizieren, sogar ohne Mindestabstand, weiß, was verlorengegangen ist.

Denn selbst wenn die düstere Prognose stimmen sollte, daß unser Dasein niemals wieder das alte sein wird, bleibt doch eine ziemlich fest umrissene Vorstellung davon, wie unbeschwert das tägliche Dasein „vorher“ ablief, worauf man nicht achten, woran man nicht denken, was man nicht tun, was man nicht unterlassen mußte, kurz: was normal war und was nicht.

Die Corona-Krisen-Existenz ist nicht normal. Das erklärt manches von der Gereiztheit, mit der viele reagieren. Es erklärt auch einiges von dem Aufbegehren, das sich in mehr oder weniger nachvollziehbarer Weise äußert.

Der Vergleich mit Kriegszeiten ist schief 

Aber man sollte nicht verkennen, daß die Zumutungen, denen wir ausgesetzt wurden und noch werden, wenig mit dem zu tun haben, was in den vergangenen einhundert Jahren Menschen, Europäern, Deutschen in Ausnahmesituationen zugemutet wurde. Ganz gleich, wie groß die finanziellen Probleme noch werden, wie hoch die Zahl der Neuinfektionen ist, wie martialisch die Rhetorik der Politiker auch ausfällt, der Vergleich mit Krieg, Nachkrieg, Bankenkrach ist schief.

Das wird vor allem deutlich, wenn man sich in Ländern aufhält, die wesentlich stärker belastet sind, weil sie auf wirtschaftlich und politisch wesentlich schwächeren Füßen stehen als wir. Die Herausforderungen, die sie zu bewältigen haben, sind in jedem Fall größer als die hiesigen, weil neben den neuen noch die Altlasten bewältigt sein wollen.

„Sonst bleibt in der Saison kein Tisch unbesetzt“

Trotzdem trifft man dort häufig auf eine fast stoische Haltung. Die Vermieterin unseres Sommerhäuschens im Baltikum, Dozentin im Ruhestand, beantwortete die Frage nach ihrer Einschätzung der Situation mit einem Achselzucken und dem Satz: „Es war schon schlimmer, viel schlimmer, als wir noch nicht frei waren.“

Und der junge Mann, der am Domberg Tallinns ein hochgelobtes Restaurant führt, meinte mit leicht ironischem Lächeln: „Ach wissen Sie, sonst kann man die Hauptstrecke der Fußgängerzone in dieser Jahreszeit gar nicht überqueren. Da werden mit den Kreuzfahrtschiffen so viele Menschen angelandet, daß alles verstopft ist. In jedem Fall sind wir jetzt viel entspannter als sonst.“

Zuletzt gab er – akzentfrei auf deutsch – seinen einzigen Gästen mit auf den Weg: „Und wenn Sie das nächste Mal kommen, reservieren Sie rechtzeitig. Sonst bleibt in der Saison kein Tisch unbesetzt.“

Das Schicksal hält auch Schläge bereit 

Solche Stimmen waren durchaus typisch. Obwohl es für eine ganz vom Tourismus abhängige Branche und ein Land, das die Kaufkraft der Besucher einkalkulieren muß, ein erhebliches Problem darstellt, wenn für Wochen und Monate die Gäste ausbleiben.

Aber vielleicht gibt es gerade da, wo die Menge der Luxusprobleme überschaubar ist, das soziale Netz weniger dicht hält, sich auf dem Land, in den Regionen fern der Metropole und in den Ecken der Städte echte Armut versteckt und das Maß des Wohlstands, den der einzelne erwerben konnte, viel geringer ausfällt als im deutschen Durchschnitt, noch ein stärkeres Bewußtsein dafür, daß unser Leben nicht immer auf gebahnten Wegen läuft, daß das Schicksal auch Schläge bereithält und die Existenz gelegentlich Umständen ausgesetzt wird, die niemand kalkulieren konnte.

Das Beste aus einer Situation machen

Als wir gingen, sagte der Restaurantbesitzer noch: „Genießen Sie die Stadt. Wie jetzt werden Sie sie kaum wiedersehen.“ Es verflüchtigte sich also der Rest an Unbehagen, und man freute sich über die Gelegenheit, durch kaum belebte Straßen mit schönen alten Häusern zu spazieren, in aller Ruhe Bernt Notkes erhaltene Werke zu betrachten, an keiner Kasse anstehen zu müssen und in den Museen lächelnd als seltener Vogel begrüßt zu werden.

Man sagt, daß bei uns Deutschen die Fähigkeit unterentwickelt ist, das Beste aus einer Situation zu machen. Wahrscheinlich mit Recht. Aber was auch immer es an staatlicher Überreaktion, fehlender Disziplin und jugendlicher Unvernunft, an Wutausbrüchen, Prinzipienreiterei, medialer Desinformation und Hysterie gegeben hat und weiter gibt. Zur Bilanz der vergangenen Wochen gehört auch, daß Herr und Frau Jedermann die Lage gemeistert haben.

Die Zeit „auskaufen“ 

Natürlich kann man über die Emsigkeit spotten, mit der im Gartenbaucenter jede Art von Heimwerkerbedarf und Tonnen von Pflanzerde weggeschafft wurden. Natürlich kann man sich darüber mokieren, daß die Rentner alles tun, um ihren Balkon für den Ersatzurlaub zu verschönern und im Versandhandel die E-Räder ausverkauft sind.

Natürlich kann man Neid empfinden gegenüber denen, die eine Bibliothek ihr Eigen nennen und sich im Zweifel selbst genug sind, jedenfalls wissen, was die Empfehlung des Paulus bedeutet, die Zeit „auszukaufen“.

Entscheidend ist: Weitermachen 

Natürlich kann man in das Gejammer über alte Rollenklischees einstimmen, angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Mütter sich in die Herausforderungen des digitalen Unterrichts fügten und die Kleinen irgendwie zu beschäftigen suchten, die zum Spielen nicht nach draußen durften. Und natürlich kann man über Männer den Kopf schütteln, die folgsam im Recyclinghof Zeitfenster buchten, um die Folgen des großen Aufräumens im Griff zu behalten.

Man kann das tun, aber man muß es nicht. Denn hinter all dem stehen doch Tugenden, auf denen letztlich das Gemeinwesen ruht: die Bereitschaft, sich ins Unabänderliche zu fügen, das Notwendige zu tun, seinen Mitmenschen möglichst selten auf die Nerven zu fallen, zusammenzuhalten – und das Entscheidende: weiterzumachen.

JF 32/20

Leere Restaurants in Tallinn, Estland. Foto: picture alliance / Oleg Lastochkin / Sputnik / dpa

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