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Lehramt studiert, aber kein Lehrer geworden: Mara hat einen alternativen Job gewählt




Was tun, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Vorstellungen haben? (Symbolbild)


Was tun, wenn Eltern und Kinder unterschiedliche Vorstellungen haben? (Symbolbild)


Foto: Westend61 / Getty Images

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie “Mein erstes Jahr im Job” erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Mara*, 29, hat nur auf Drängen ihrer Mutter Lehramt studiert. Heute arbeitet sie in einer Onlineredaktion und ist froh, doch noch ihren Weg gegangen zu sein.

“Ginge es nach meiner Mutter, würde ich jetzt als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichten – keine Grundschule, das war ihr wichtig. Meine Berufswahl glich einer Verhandlung: Ich wollte Erzieherin werden, doch meiner Mutter reichte das nicht, sie meinte, ich solle lieber studieren. Also schlug ich Pädagogik vor, meine Mutter fand Lehramt besser. Ich wollte Grundschule, sie Gymnasium.

Meiner Mutter ging es nicht darum, andere Berufe abzuwerten. Sie ist ein Mensch, der sehr auf Sicherheit bedacht ist. Ihrer Familie war nicht wichtig, was sie machte, sondern nur, dass sie überhaupt Arbeit hatte. Nach dem Studium sollte ich also schnell einen Job finden und damit mein Leben finanzieren können. Der Lehrerberuf sei etwas Handfestes, sagte sie, und man werde verbeamtet.

Erst wollte ich nicht auf meine Mutter hören, aber sie setzte mich unter Druck und drohte, mich finanziell nicht zu unterstützen, würde ich etwas anderes machen. Wir gerieten zwar oft aneinander, hatten sonst aber ein enges Verhältnis. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen – meine Mutter war alleinerziehend und damit meine einzige ältere Bezugsperson. Mit meinem Vater hatte ich damals kaum Kontakt.

Widerwillig ließ ich mich auf das Lehramtsstudium ein: Englisch, Französisch und Kunst.

Ernüchterung schon in den ersten Semestern

Im Oktober 2011 begann ich zunächst mit den Sprachen, die ich eigentlich nur studierte, weil ich sie eben konnte. Englisch hatte ich in der Schule gelernt und Französisch, als ich nach dem Abitur ein Jahr lang in einem bilingualen Kindergarten in Frankreich gejobbt hatte – deshalb auch der Wunsch, Erzieherin zu werden. Doch schon in den ersten zwei Semestern merkte ich, dass Lehramt nichts für mich war. Ich wollte Kinder individuell fördern, die starren Lehrpläne werden meiner Meinung nach nicht jedem gerecht: Man rast 45 Minuten durch den Stoff, für Fragen ist da keine Zeit. So bleiben die Kinder auf der Strecke, die zu Hause nicht entsprechend unterstützt werden, denen das soziale Umfeld fehlt. 

Als ich im dritten Semester für ein Auslandspraktikum nach Kanada an eine inklusive Schule ging, wo man den Kindern alles über Kunst beibringen wollte, machte mir das Studium plötzlich mehr Spaß. Ich dachte, die restlichen Semester würde ich noch durchhalten. Ab dem Sommer 2013 studierte ich Kunst als drittes Fach.

“Etwas hatte das Studium nämlich doch gebracht: Ich hatte meine Liebe für Literatur und Sprache entdeckt.”

Mara

Mein erstes Staatsexamen in Englisch und Französisch schloss ich im Herbst 2015 ab, mit der Note “sehr gut”. Doch inzwischen war ich mir sicher: Ich wollte keine Lehrerin sein, kein zweites Examen machen. Stattdessen war nun mein Wunsch, in einem Verlag zu arbeiten. Etwas hatte das Studium nämlich doch gebracht: Ich hatte meine Liebe für Literatur und Sprache entdeckt. Am meisten mochte ich die Seminare, in denen wir Texte analysierten. Ich beschloss, einen Master in Comparative Literature zu machen, also in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft. Kunst wollte ich parallel noch fertig studieren.

Mehr Folgen von “Mein erstes Jahr im Job”

Meiner Mutter passte das natürlich nicht. Das Verlagswesen sei zu unsicher, fürchtete sie. Diesmal wollte ich nicht ihr zuliebe studieren, suchte mir einen zweiten Nebenjob und finanzierte alles selbst. Das war anstrengend: Schon zuvor hatte ich an ein bis zwei Nachmittagen in der Woche in einem Nachhilfezentrum unterrichtet, nun jobbte ich zusätzlich als Werkstudentin in einer Krabbelstube, zwölf Stunden pro Woche betreute ich dort Kinder zwischen eins und drei.

Zwei Jahre lang hatte ich weniger Kontakt mit meiner Mutter, meist stritt ich mich mit ihr. Mit meinem Vater sprach ich dafür wieder regelmäßig. Im Gegensatz zu meiner Mutter befürwortete er meinen neuen Berufswunsch. Er hatte selbst sein Jurastudium nie abgeschlossen und stattdessen ein Taxiunternehmen gegründet. Außerdem ist auch er ein Grammatiknarr und fragte mich oft nach den Inhalten des Studiums.

15 Bewerbungen, kein Job

Als es schließlich an die Jobsuche ging, folgte die Ernüchterung: Obwohl ich im Master ein unbezahltes Praktikum bei einem kleinen Verlag in Kauf genommen hatte und danach extra in die Großstadt gezogen war, fand ich nichts in der Verlagsbranche. Stellen wurden nur selten ausgeschrieben und dann auch noch schlecht bezahlt, zumindest erlebte ich das so. Ich bewarb mich bestimmt fünfzehnmal, oft auch initiativ oder auf ein Volontariat, und kassierte eine Absage nach der anderen.

Als mir die finanziellen Mittel ausgingen, schickte ich zwei Bewerbungen an PR-Agenturen und eine an eine Onlineredaktion. In der Redaktion bot man mir ein Volontariat von 18 Monaten an, sowas wie eine Ausbildung. Da ich keine journalistische Erfahrung hatte, die Kolleginnen beim Bewerbungsgespräch nett wirkten und ich keine Überstunden machen sollte, nahm ich den Job an. Auch das Gehalt klang ganz in Ordnung: 1900 Euro brutto im Monat.

“Ich habe ohne die Zustimmung meiner Mutter noch mal studiert – und würde es wieder tun.”

Mara

Seit Februar 2019 bin ich jetzt schon in der Redaktion. Wir verfassen hauptsächlich tagesaktuelle Nachrichten für einen Mailwebdienst, Informationen und Bilder für die Berichte bekommen wir direkt von den Nachrichtenagenturen. Die meiste Zeit des Tages kümmere ich mich aber um das Thema Reisen, dazu werden uns meist Texte geliefert, ich schreibe also kaum selbst – vielleicht mal eine Hintergrundgeschichte über eine schottische Insel oder einen Ratgebertext, wie man Schnecken im Garten los wird. Daneben betreue ich das Umfragetool auf unserer Seite und erstelle Quizze, etwa über Deutschlands Nachbarländer.

Heute bin ich froh darüber, dass ich meinen Weg gegangen bin. Ich habe ohne die Zustimmung meiner Mutter noch mal studiert – und würde es wieder tun. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, kann die Miete zahlen und mein Job ist okay. Trotzdem würde ich sofort gehen, wenn mir ein Verlag eine Stelle anbieten würde, von der ich leben könnte. Ich finde: Wenn dir dein Job Spaß macht, ist das die beste Bezahlung.

Neulich fragte meine Mutter mich wieder, ob ich nicht doch mein zweites Staatsexamen nachholen wollte. Zum Glück liegen nun 800 Kilometer zwischen uns.”

Lehramtsabschluss – welche Möglichkeiten es noch gibt:

Universitäten in allen Bundesländern bieten Lehramtsstudiengänge an. Während man mancherorts noch mit dem Staatsexamen abschließt, studiert man anderswo auf Bachelor und Master oder macht eine Mischung aus Master und erstem Staatsexamen. Nur was ist, wenn man Lehramt studiert hat, aber nicht an einer Schule unterrichten will?

Die Berufsmöglichkeiten hängen von der studierten Fächerkombination und der Schulform ab. Auch Zusatzqualifikationen wie Praktika oder eine vorherige Ausbildung spielen eine Rolle.

Lehramtsabsolventinnen und -absolventen können weiterhin im pädagogischen Bereich arbeiten, etwa in Kinder- und Jugendeinrichtungen, in Erziehungs- oder Familienberatungsstellen. Daneben können sie auch bei kultur- und freizeitpädagogischen Angeboten tätig sein. Sogar die Lerntherapie ist eine Option, dort werden Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen unterstützt. Dafür ist aber in der Regel eine Weiterbildung nötig.

Wer nicht mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte, kann in die Erwachsenenbildung wechseln und an Volkshochschulen und Bildungszentren lehren. Auch eine Stelle in der Berufsberatung ist möglich. Oder aber man bietet als Selbstständige oder Selbstständiger Fortbildungen für Unternehmen an.

Und es gibt noch weitere Möglichkeiten: Als Bildungsreferentinnen und -referenten können Absolventen etwa bei Stiftungen oder Verbänden arbeiten. Und auch Schulbuchverlage brauchen Autorinnen und Lektoren. Daneben bietet die freie Wirtschaft Möglichkeiten: Wer ein Fach wie Informatik studiert hat, könnte zum Beispiel Bildungssoftware entwickeln.

Quellen: SPIEGEL, studienwahl.de, IFLW, sofatutor-Magazin Lehrer, ZEIT Campus

* Die Protagonistin möchte anonym bleiben, ihr echter Name ist der Redaktion bekannt.

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