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Lok Leipzig in der Relegation zur 3. Liga: Die Weichenstellung

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Nun also Bielefeld. Nach langem Hin und Her steht fest, wo der SC Verl am Abend Lok Leipzig empfangen darf. Noch bis Freitag war unklar gewesen, wo das Relegationsrückspiel zum Aufstieg in die 3. Liga stattfinden könnte. Verl nämlich ist vom Coronavirus-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik betroffen, viele der über 1500 Infizierten wohnen hier. Ein Dutzend Absagen hatte sich SC-Präsident Raimund Bertels bei der Suche nach einem Ersatz-Austragungsort fürs eigene Stadion eingehandelt, in Bielefeld hat er nun die Lösung gefunden.

Am vergangenen Wochenende hatten dort zahlreiche Fans von Arminia Bielefeld den Aufstieg in die Bundesliga gefeiert. Und auch am Dienstag könnte hier trotz Corona-Regeln einiges los sein. Denn die organisierte Lok-Fanszene hat die Fans dazu aufgerufen, nach Westfalen zu fahren und die Mannschaft von draußen zu unterstützen (“Alle zum Rückspiel”).

Das sorgt bei den Verantwortlichen von Lok für mulmige Gefühle: “Wir würden es besser finden, wenn sie zu Hause schauen”, sagt Präsident Thomas Löwe. Es geht um Abstandsregeln in Zeiten der Pandemie, es geht um die Sicherheit der Fans.

Ein Aufstieg wäre der größte Erfolg seit der Neugründung des Klubs 2003. Es wäre auch der Lohn für die Fanszene, die früher einen schlechten Ruf hatte, mittlerweile aber auch positive Schlagzeilen liefert.

Solidaritätsaktion bringt 200.000 Euro

Wie kaum ein zweiter Verein wird Lok vom ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder und Fans getragen. Bei einem live im Netz übertragenen und auf englisch und deutsch kommentierten fiktiven Spiel gegen einen “unsichtbaren Gegner” lösten im Mai 182.612 Menschen ein Solidaritäts-Ticket zu einem Euro. Am vergangenen Donnerstag begannen Ehrenamtliche um 12 Uhr damit, rund 50 Fanclub-Transparente vor der Gegengerade aufzuhängen. Manchmal führt der Zwang zur Improvisation zu lustigen Bildern: Am Donnerstag stützten Fans und Balljungen die Sponsoren-Wand auf der Tartanbahn von hinten ab, während die Interviews liefen. 2000 Glücksschweinchen zum Preis von 15 Euro zierten die leeren Sitze im Bruno-Plache-Stadion. Zusammen mit dem “Spiel gegen den unsichtbaren Feind” brachten die Solidaritätsaktionen über 200.000 Euro.

Mittelfinger statt weißer Fahne

Trotz der Hingabe der Fans hat “die Loksche” nach dem 2:2 im Hinspiel die schlechteren Karten. Verl genügt ein 0:0, dann sind die Westfalen in der Dritten Liga. Und nicht der Verein, der 1903 die erste Deutsche Meisterschaft gewann, 1987 im Europokalfinale der Pokalsieger stand und nach der Wende als VfB Leipzig in der Bundesliga spielte. “Die Mannschaft steht wieder auf”, sagte Trainer Wolfgang Wolf nach dem 2:2 voller Überzeugung.

Trotz und Durchhaltevermögen haben auch die Lok-Fans in den vergangenen Jahren gebraucht. Kaum ein Verein war schließlich in den zwei Jahrzehnten nach der Wende verrufener als die “Loksche”. Und das schlechte Image kam nicht von ungefähr: Als 2016 rechte Hooligans eine Spur der Verwüstung durch den linken Stadtteil Connewitz zogen, waren unter den ermittelten Tätern zahlreiche Lok-Fans. Und noch heute zieht es rechtsgerichtete Jugendliche aus dem Umland – sofern sie sich für Fußball interessieren – eher zu Lok als zum Roten Stern oder zum Oberligisten Chemie Leipzig mit ihren dezidiert linken Fankurven. Doch die Meinungsführerschaft haben die Rechten in Leipzig-Probstheida längst nicht mehr – auch weil die Vereinsführung sich klar positioniert.

Noch vor zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich eine Ultragruppe wie die “Fankurve 1966” etabliert, die sich gegen “jegliche Formen von Diskriminierung und sonstigem menschenverachtenden Gedankengut” ausspricht. An Haltestellen sieht man längst auch Aufkleber “Lok-Fans gegen Rechts” – auch in Szenevierteln wie Connewitz oder der Südvorstadt. Akzeptiert ist Lok dort aber noch lange nicht. Die Aufkleber werden meist sofort wieder abgerissen. Und Lok-Fans berichten, sie würden in manchen “linken” Club wegen ihres Lieblingsvereins nicht hineingelassen.

Lok Leipzig gegen Rechts

Die Vereinsführung ist bei Lok längst seriös. Bis 2012 hatte der Ex-Hooligan Steffen Kubald das Sagen. Immer wenn Gewalt und Rechtsextremismus für Schlagzeilen sorgten, deckte der seine Kumpels. Seit Kubald weg ist, hat sich auch der Umgang mit dem Thema “Rechts” geändert. Als 2018 der Co-Trainer der B-Jugend seine Spieler dazu veranlasste, auf einem Mannschaftsfoto mit Hitlergruß zu posieren, erteilte Lok dem Mann sofort ein lebenslanges Hausverbot, ohne dass die Geschichte vorher publik geworden wäre.

“Seit 2012 geht unser Verein völlig anders mit dem Thema um”, sagt Vizepräsident Steffen Guth, der den Eindruck hat, dass das schlechte Image trotzdem nur schwer zu revidieren ist. Im Oktober, beim Auswärtsspiel gegen Altglienicke, wollte ein Fotograf aus der Leipziger Kurve ein skandiertes “Sieg Heil” gehört haben, was trotz vieler gegenteiliger Aussagen vielerorts als Fakt vermeldet wurde. Bis die beschuldigte Ultragruppe Videomaterial zur Verfügung stellte und so bewies, dass nicht ‘Sieg Heil’ sondern “Niemals” skandiert worden war. 

Der irische Folk-Song “Auld Lang Syne” endet in der Version der Lok-Fans nämlich so: “Der 1. FC Lok Leipzig, der wird niemals untergeh’n … niemals!”

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