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“Masculinities” – Bildband über Männlichkeiten: Niemand muss mehr typisch Mann sein




Pressebild


Pressebild “Masculinities”


Foto: 

Collection T. Dworzak / Magnum Photos


Dieses Buch ist voller Bilder und Weisheiten, eine Art modernes Poesiealbum im Großformat – und es ist ausschließlich Männern gewidmet. Das Cover macht ihnen ein sensationelles Versprechen: “Befreiung durch Fotografie” steht da. Der eigentliche Titel lautet allerdings “Masculinities”, also Männlichkeiten. Und genau darin, im Plural, liegt die Aussicht auf Befreiung.

Niemand muss mehr typisch Mann sein.

Die dazu passende Ausstellung, die zuerst in London zu sehen war, gastiert bald im Gropius Bau in Berlin. Im Buch ist zu lesen, diese Zeit sei genau die richtige, um sich dem Mannsein zu widmen. Die Debatte um #Metoo und sexuelle Belästigung hat den Mann als solchen in Verruf gebracht, zugleich stört sich eine jüngere Generation an der Idee vom Mann, der nur Schablonen ausfüllt.

Auch die Fotografie trug zunächst zum Stereotyp bei – und brach irgendwann damit. Buch und Ausstellung veranschaulichen diese Entwicklung.

Der junge Koloss Schwarzenegger

In den Aufnahmen der männlichen wie weiblichen Fotografen kommt Lustiges, Trauriges, Nacktes vor. In der Geschichte der Fotografie spielte der Körperbau lange eine große Rolle. Geradezu beispielhaft sind die Muskeln Arnold Schwarzeneggers aus dem Jahr 1976, die Fotograf Robert Mapplethorpe für die Ewigkeit festgehalten hat. Der junge Koloss Schwarzenegger wirkt auf dem Bild trotz seiner Kraft alles andere als bedrohlich, sondern eher fast niedlich.



Masculinities: Liberation through Photography

Foto: Chicago Albumen Works / The Peter Hujar Archive LLC

Masculinities: Liberation through Photography

Um einen Bösewicht zu markieren, reicht hingegen ein bestimmter Blick. Das zeigt die Collage eines polnischen Künstlers mit weit über 100 Gesichtern von Schauspielern, die jeweils einen Nazi spielen und die – meist eiskalt oder grimmig schauend – eine aggressive Vorstellung des Mannseins illustrieren.  

Eine im Feminismus verbreitete These besagt, dass Frauen sich vor allem aufgrund äußerer Einflüsse auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, die als weiblich gilt. Das Projekt “Masculinities” ist eine Provokation für alle jene, die daran nicht glauben. Denn hier wird dieses Denkmodell auf die Männer übertragen. Eine der zentralen Fragen im Buch lautet: Ist der Mann auch nur ein Produkt seiner Umgebung, all der Erwartungen an ihn?

Die Antworten finden sich versteckt in den Bildern. Viele Rollen, die Männer einnehmen, werden angerissen: der Mann als Soldat, Cowboy, Torero, als geschminkter Taliban, als Rassist, als Opfer.

Nicht Patriarch, sondern Mensch

Und dann ist da noch die Vaterfigur. Kalen Na’il Roach ist ein junger amerikanischer Künstler, geboren 1992. Er bearbeitet alte fotografische Aufnahmen seiner Familie, auch solche, die seinen eigenen Vater zeigen, als Kind, als Jugendlichen, als jungen Erwachsenen – als jemand, der viele prägende Erfahrungen machte, bevor er Vater wurde. Viele waren schmerzhaft, weil er als junger Schwarzer seiner Generation mit den Vorurteilen der Gesellschaft zu kämpfen hatte, mit täglichem Druck und ständiger Unterdrückung. Für Roach ist ein Vater nicht Patriarch, nicht mythische Gestalt, sondern Mensch. 

Das alte Klischee forderte vom Mann die innere Breitschultrigkeit, und noch immer ist das Bild, das den Mann mit Machtanspruch gleichsetzt, am dominantesten. Bilder können dabei helfen, dass sich die Wahrnehmung ändert.

Inwiefern? Männer mögen Vieles beherrschen auf der Welt, drängen in den Vordergrund – und werden im Gegensatz zu Frauen nicht ständig in Frage gestellt. Für die Autoren, und das ist ein interessanter Gedanke, ist dieser Zustand nicht nur positiv, sondern führt dazu, dass Männer, Männlichkeiten nicht gesehen werden. Sie sprechen von einer Unsichtbarkeit der Männer.

Nun werden sie sichtbar gemacht.  

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