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Mexiko – Drogenkrieg: Dieser Mann identifiziert Tote anhand ihrer Tätowierungen

In der Sommerhitze, wenn die Leute auf jede überflüssige Bekleidung verzichten, fällt Christoph Birngrubers Blick automatisch auf unverhüllte Arme und Beine. Unwillkürlich hält der Rechtsmediziner der Universität Frankfurt dann nach Tätowierungen Ausschau. Er erkennt Daten, Namen und Schriftzüge, Blumengebilde und Tiere, pralle Madonnen und finstere Dämonen.

Seine Expertise auf diesem Gebiet ist inzwischen so ausgereift, dass Birngruber schon nach kurzem Hinsehen zwischen “sehr kunstvoll” und “Katalogware” unterscheiden kann. Und stets, so erzählt er, rege sich bei ihm der Gedanke: Was, wenn einer dieser vorbeihuschenden Menschen als unbekannter Toter auf seinem Obduktionstisch läge? Könnte die Tätowierung seine Identität verraten?

Die Identifizierung von Toten gehört zu den Schwerpunkten des Forensikers. Dabei die Tätowierungen zu nutzen ist sein Spezialgebiet.

Schon 1852 versuchte der Berliner Gerichtsmediziner Johann Ludwig Casper, den rätselhaften Mordfall um einen geköpften Fremden anhand einer Tätowierung aufzuklären. Doch erst jetzt, anderthalb Jahrhunderte später, gewinnen die mit Tinte in die Haut gestochenen Darstellungen für die Forensik plötzlich an Bedeutung. Vorbei sind die Zeiten, als der österreichische Gesellschaftskritiker Adolf Loos (1870 bis 1933) unwidersprochen lästern konnte: “Der moderne Mensch, der sich tätowiert, ist ein Verbrecher oder ein Degenerierter.” Einst Erkennungszeichen von Seeleuten und Kleinganoven, ist die Körperbemalung zum Massenphänomen geworden. Dem Onlineportal Statista zufolge hatte sich 2017 ein Viertel der Deutschen eine Tätowierung stechen lassen – und die Zahl nimmt weiter zu.