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Mexiko – Frauenproteste trotz Pandemie: Der Aufschrei geht weiter




In Mexiko ist die Menschenrechtskommission jetzt Hauptquartier von Gewaltopfern und Aktivistinnen


In Mexiko ist die Menschenrechtskommission jetzt Hauptquartier von Gewaltopfern und Aktivistinnen


Foto: Sáshenka Gutiérrez / Agencia EFE / imago images






In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für globale Probleme.



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Bis vor Kurzem schmückte das Gemälde des mexikanischen Revolutionärs Francisco I. Madero noch das Büro der Menschenrechtskommission in Mexiko-Stadt. Jetzt steht Madero auf der Straße und trägt Lippenstift und grünen Lidschatten. “ACAB”, Kurzform für: “All cops are bastards”, prangt auf seiner Stirn, seine Brust zieren rosa Blumen. Gemalt hat sie ein zehnjähriges Mädchen, das vor drei Jahren vergewaltigt wurde.

Dass Mexikos Präsident und der Künstler den Protestakt als “Vandalismus” kritisieren, ärgert die Mutter: “Sie sollen meiner Tochter erklären, warum dieses Bild mehr Wert haben sollte als das Leben eines Mädchens, das sexuell missbraucht wurde”, sagt Erika Martínez.

Seit drei Jahren kämpft sie für Gerechtigkeit, der Fall wurde verschleppt, sie erhielt keine Antworten, keine Hilfe von Institutionen wie der Menschenrechtskommission. Der Täter vertrieb Mutter und Kind aus ihrer Wohnung, seitdem sind sie obdachlos – der Mann dagegen ist bis heute frei.



Vandalismus oder kreativer Protest? Das Gemälde von Francisco I. Madero ist in Mexiko derzeit ein Politikum

Vandalismus oder kreativer Protest? Das Gemälde von Francisco I. Madero ist in Mexiko derzeit ein Politikum


Foto: Sashenka Gutierrez / EPA-EFE / Shutterstock

Ende vergangener Woche liefen Martínez und andere Betroffene zur Menschenrechtskommission, um Antworten zu erzwingen. Sie beschlossen, das Haus nicht mehr zu verlassen – später eilten Aktivistinnen zu Hilfe. Seit Tagen halten sie nun das Gebäude besetzt und haben es in eine Widerstandszentrale verwandelt.

Die Bürowände sind mit Parolen besprüht, Gemälde beschmierter Nationalhelden stehen auf der Straße, die Fassade ist mit Fotos von Verschwundenen plakatiert. Die Besetzerinnen prangern an, dass Opfer und ihre Angehörigen im Stich gelassen werden, während die Täter meist straflos ausgehen – und fordern, dass verschleppte Fälle aufgearbeitet werden.



Die Besetzerinnen sind alle vermummt, weil sie Repressalien fürchten

Die Besetzerinnen sind alle vermummt, weil sie Repressalien fürchten


Foto: Sashenka Gutierrez / EPA-EFE / Shutterstock

Gewalt gegen Frauen ist in ganz Lateinamerika eine Epidemie – und Regierungen stehen in der Kritik, weil sie zu wenige Antworten darauf haben. In Ländern wie Mexiko oder Argentinien gingen bei Massenprotesten Anfang März noch Hunderttausende auf die Straße, um gegen brutale Frauenmorde, sexuelle Gewalt und fehlende Unterstützung zu protestieren.

Kurz darauf erreichte die Coronakrise Lateinamerika und erstickte den Straßenprotest: Viele Länder ordneten Lockdowns an. Nun kämpfen Aktivistinnen mit symbolischen Aktionen wie der Besetzung der Menschenrechtskommission, aber auch Angebote für Frauen in Not und digitalem Aktivismus weiter gegen die Gewalt.



Massenproteste sind in der Pandemie unmöglich, Aktivistinnen suchen neue Formen des Protests

Massenproteste sind in der Pandemie unmöglich, Aktivistinnen suchen neue Formen des Protests


Foto: FRANCISCO GUASCO / EPA-EFE

“Wir lassen nicht zu, dass die Gewalt gegen Frauen aus der Öffentlichkeit verschwindet”, sagt die mexikanische Datenanalystin María Salguero. “Die allgemeine Gewalt wie der Drogenkrieg, dem auch Frauen zum Opfer fallen, aber auch Femizide, geschlechtsspezifische Morde, sind in der Pandemie weiter gestiegen.”

Sie recherchiert die Hintergründe von Verbrechen an Frauen und visualisiert auf digitalen Karten, in welchen Gegenden sich Vorfälle häufen oder ob Ex-Partner oder Kriminelle die Morde begehen. Mit ihren detaillierten Daten fordert sie oft die Behörden heraus. Allein von Januar bis Ende Juli sind Salguero zufolge 2242 Frauen im Land ermordet worden.

Erika Martínez, die Mutter des missbrauchten Mädchens, weiß, wie langsam Polizei und Justiz arbeiten. “Die Gesetze existieren, aber sie werden nicht umgesetzt, sie arbeiten nicht für die Opfer, und es dreht sich immer nur im Kreis”, sagt sie. “In der Pandemie ist es noch schwieriger geworden, Zugang zu Recht und Gesetz zu bekommen.” Sie kennt viele Frauen, die aufgegeben haben, für Ermittlungen zu kämpfen – weil sie Geld verdienen, sich um ihre Kinder kümmern müssen. Mit den Traumata werden Opfer und Angehörige meist alleine gelassen. “Manchmal finde ich keine Worte, um zu beschreiben, was passiert”, sagt Martínez im Telefoninterview und weint.

Häusliche Gewalt hat weltweit in der Pandemie zugenommen, Expertinnen und Frauenzentren berichten in ganz Lateinamerika von steigenden Notrufen und Gewalttaten – im Corona-Lockdown sind Frauen ihren Partnern ausgeliefert, auch Stressfaktoren wie das enge Zusammenleben oder finanzielle Nöte steigern die Aggression. Initiativen versuchen Betroffene mit Therapie per Telefon oder Internet oder Emoji-Warncodes zu erreichen.

Victoria Vaccaro arbeitet in Argentinien beim United Nations Population Fund (UNFPA). Sie berät Regierungen und Provinzen im Rahmen der Initiative “Spotlight”, wie sie Frauen und Kinder besser vor häuslicher Gewalt schützen können. So wurden etwa die Kapazitäten für die Notruf-Nummern verstärkt, WhatsApp-Nummern und E-Mail-Kontakte ermöglichen es gehörlosen Frauen, sich zu melden, auch kostenlose Rechtsberatung hilft Betroffenen. Manche Provinzen bringen gefährdete Frauen während der Pandemie in Hotels unter. Dennoch gibt es Vaccaro zufolge angesichts der hohen Gewaltraten “nie genug Ressourcen dieser Art, Notunterkünfte und Heime für einen umfassenden Schutz für Frauen in Gewaltsituationen und ihre Kinder”.

Auch Argentiniens feministische Massenbewegung “Ni una menos” mobilisiert in der Pandemie nun im Internet statt auf der Straße: “Der Protest ist virtuell, die Forderungen der Frauenbewegung kanalisieren sich jetzt in sozialen Netzwerken”, beobachtet Vaccaro – von neuen Instagram-Profilen, bis hin zu wöchentlichen Live-Debatten auf Instagram, Youtube oder Facebook. Einige hätten auch versucht, online Proteste auf Distanz zu organisieren und dazu aufgerufen, aus den Gärten und Balkonen der Häuser auf Töpfe zu schlagen oder zu applaudieren – mit mäßigem Erfolg.





“Wir vergeben und vergessen nicht”, warnt das Graffiti hinter einer Aktivistin


Foto: Sáshenka Gutiérrez / Agencia EFE / imago images

Auch das Internet ist aber in der Pandemie nicht nur Werkzeug, sondern auch Angriffsfläche: “Die Gewalt gegen Frauen und Attacken wie Beleidigungen und Drohungen sind gestiegen und es gibt offenbar sogar ein organisiertes Trollnetzwerk, das Zoombombings betreibt“, sagt Florencia Goldsman, die in Guatemala lebt. In den letzten Monaten seien immer wieder Männer gezielt in Zoom-Meetings von Feministinnen eingedrungen und hätten die Anwesenden mit sexistischen Sprüchen gestört.

Goldsman kämpft in Initiativen wie “Ciberfeministas Guatemala”, “Dominemos la tecnología” und dem Netzwerk “Ciberseguras” gegen digitale Gewalt: “Digitale Gewalt entwickelt sich immer weiter und wurde als Phänomen lange nicht ernst genommen”, warnt sie. “Aber der Schaden für die Betroffenen ist sehr groß – die Veröffentlichung von Intimbildern, Bedrohungen oder Doxxing, die Veröffentlichung privater Daten, ist ein Akt der Gewalt und wird im Netz oft millionenfach reproduziert.”



Florencia Goldsman hilft Frauen, mit digitalen Attacken umzugehen

Florencia Goldsman hilft Frauen, mit digitalen Attacken umzugehen


Foto: privat

Mit ihren Mitstreiterinnen hat sie während der Pandemie Anleitungen herausgegeben, wie Frauen sich vor digitalen Angriffen schützen können und Betroffene häuslicher Gewalt verhindern können, dass sie auch über Internet, Smartphone und Laptop ausgespäht werden, etwa mittels Spionagesoftware. Die digitale Selbstverteidigung soll Frauen helfen, sich im Internet zu behaupten: “Wir erlauben nicht, dass die Präsenz von Frauen im Internet eingeschränkt wird und ihre Stimmen zum Schweigen gebracht werden”, sagt Goldsman.



Die Besetzung der Menschenrechtskommission hat auch über die Grenzen Mexikos hinweg Aufmerksamkeit erregt

Die Besetzung der Menschenrechtskommission hat auch über die Grenzen Mexikos hinweg Aufmerksamkeit erregt


Foto: Sashenka Gutierrez / EPA-EFE / Shutterstock

Auch die Bilder von der Besetzung der mexikanischen Menschenrechtskommission haben sich über das Netz in die ganze Welt verbreitet. Erika Martínez, die Mutter, die angesichts von Schmerz und Ungerechtigkeit zur Aktivistin geworden ist, findet Online-Aktivitäten wichtig, aber den Protest auf der Straße essenziell: “Es geht darum, ein Symbol zu setzen”, findet sie. “Wir zeigen ganz konkret, dass wir genug haben.”

Mit der Aktion wollen sie die Regierung nicht nur zwingen, ihre eigenen Fälle voranzutreiben. Sie haben die Kommission in eine dezentrale Beratungsstelle umfunktioniert – und sammeln Beschwerden und verschleppte Ermittlungen aus dem ganzen Land. Denn Tausende warten auf Gerechtigkeit.

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Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft