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Missbrauch in Bergisch Gladbach: “Ich kann mich an keinen Fall dieser Dimension erinnern”

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Bei ihren monatelangen Untersuchungen zum Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach stießen Ermittler in Nordrhein-Westfalen bislang offenbar auf Spuren von potenziell 30.000 Tatverdächtigen – und mit jeder Durchsuchung könnten es einem Ministeriumssprecher zufolge mehr werden. Es geht in diesen Fällen um Kindesmissbrauch und Kinderpornografie, in Chats und Foren sollen sich die Täter ausgetauscht und gegenseitig angeheizt haben. Die Beamten sprechen von internationalen pädokriminellen Netzwerken mit einem Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum.

Landesjustizminister Peter Biesenbach (CDU) zeigte sich bei der Präsentation der vorläufigen Ermittlungsergebnisse am Montag sichtbar erschüttert über das Ausmaß. Es sei “zutiefst verstörend”, was die Polizisten noch zu dem Missbrauchsfall mit bislang gerade mal rund 70 identifizierten Tatverdächtigen zutage gefördert hätten. Auch Rechtspsychologe Martin Rettenberger ist überrascht von der immensen Zahl potenzieller Täter – im Interview ordnet er den Fall ein und spricht über die Wirksamkeit härterer Strafen.

SPIEGEL: NRW-Justizminister Peter Biesenbach sagte, er habe “nicht im Entferntesten damit gerechnet, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz” hat. Sind Sie von der nun bekannt gewordenen Größenordnung ebenso überrascht? 

Rettenberger: Von der konkreten Zahl an Spuren auf jeden Fall, ich kann mich an keinen Fall dieser Dimension erinnern. Zur Einordnung: Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasste deutschlandweit in den letzten Jahren jeweils insgesamt zwischen 12.000 und 14.000 Fälle von Kindesmissbrauch. 30.000 Spuren zu potenziell Tatverdächtigen in nur einem einzigen Tatkomplex sind angesichts dessen sehr viel.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dieses Ausmaß? 

Rettenberger: Wir wissen, dass es organisierte Tätergruppen im Internet gibt und es musste auch angenommen werden, dass das zum Teil sehr große Netzwerke sind. Aber mit jedem Mitwisser steigt auch das Risiko, entdeckt zu werden – selbst wenn da Leute unterwegs sind, die ihre Identität gut verstecken können. Aus Täterperspektive macht es eigentlich wenig Sinn, so eine Gruppe immer größer werden zu lassen. 

SPIEGEL: Die Ermittler gehen in diesem Fall offenbar davon aus, sonst würden sie wohl nicht mit solchen Zahlen in die Öffentlichkeit treten.

Rettenberger: Ich denke, momentan wird in diesem Komplex jede Person gezählt, die in irgendeiner Form Kontakt zu diesem Kreis hatte. Das ist sicherlich ein erster wichtiger Schritt: Es können Tausende Verdächtige sein. Wie viele Täter es schlussendlich tatsächlich sind, ist aber offen, da ein Verdächtiger auch mehrere IP-Adressen und Benutzernamen verwendet haben kann. Viele können zudem im Ausland leben, was die Strafverfolgung erschwert. Bei Ermittlungen zum Thema Kinderpornographie erleben wir es außerdem häufig, dass anfangs viele Tatverdächtige registriert werden, von denen später dann aber nicht allen der Besitz, die Nutzung, Weitergabe oder Produktion dieses Materials nachgewiesen werden kann.

SPIEGEL: Aber man stößt im Internet doch nicht zufällig auf Kinderpornographie. 

Rettenberger: Das stimmt, auch wenn Täter das häufig behaupten. Aber wenn es um Netzwerke und die Nachverfolgung von Kommunikationsverhalten geht, dann werden auf der Ermittlungsebene erst mal auch Gruppen erfasst, von denen nicht jedes Mitglied das Material heruntergeladen, konsumiert oder gar weitergegeben hat. Damit will ich sagen: Nicht jeder Name und nicht jede IP-Adresse wird auch zu einem überführten Täter werden. 

“Darauf ist kein Bundesland vorbereitet”

Rechtspsychologe Martin Rettenberger

SPIEGEL: Im Fall Bergisch Gladbach konnten bislang erst rund 70 von bis zu 30.000 Personen überhaupt identifiziert werden. Wie sollen Strafverfolger so ein Pensum juristisch aufarbeiten? 

Rettenberger: Das wird nicht schnell gehen. Darauf ist kein Bundesland vorbereitet. Hinzu kommt, dass es ja nicht der letzte Fall sein wird, auf den man sich nun jahrelang konzentrieren könnte. 

SPIEGEL: Das Justizministerium in Düsseldorf will nun sechs Staatsanwälte für die juristische Aufarbeitung der digitalen Spurensammlung der Ermittler abstellen. 

Rettenberger: Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Sollte es sich tatsächlich um 30.000 Tatverdächtige handeln, wird es sehr wahrscheinlich einen größeren Organisationsrahmen brauchen.

SPIEGEL: Politisch wird derzeit vor allem über härtere Strafen für Kindesmissbrauch und Kinderpornografie gesprochen. Kann das helfen, die Taten einzudämmen? 

Rettenberger: Die Strafverschärfung ist in der Politik ein beliebtes Mittel, da sie zunächst eine große Symbolkraft für die Bevölkerung hat und am Anfang auch erst mal wenig kostet. Kriminalpräventiv ist langfristig aber wichtiger, dass Dinge überhaupt geahndet und strafrechtlich verfolgt werden. Abschreckung gelingt, wenn man zeigt: es wird ermittelt und dort, wo es notwendig ist, wird auch schnell sanktioniert. Potenzielle Täter müssen wissen, dass sie bestraft werden. Das Strafmaß selbst, ob sie dann später zwei, zweieinhalb oder vier Jahre bekommen, spielt zunächst nicht die entscheidende Rolle.

SPIEGEL: Halten Sie es denn grundsätzlich für richtig, den Strafrahmen zu verschärfen? 

Rettenberger: Wenn dadurch die Bevölkerung die Ernsthaftigkeit des Delikts erkennt, ist das schon ein Punkt. Aber das sollte man nicht überbewerten, ich halte viele andere Dinge für wichtiger. 

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Rettenberger: Mitunter sind die zuständigen Stellen so überlastet, dass sie selbst konkreten Verdachtsmomenten gar nicht nachgehen können. Es gab immer wieder Fälle, in denen beschlagnahmte Rechner teils jahrelang herumstanden, ohne dass sich jemand damit auseinandersetzen konnte. Unabhängig von der Strafverfolgung braucht es zudem unabhängige Stellen, an die sich Opfer, aber auch potenzielle Täter, wenden können. Die Jugendämter müssen besser darin ausgestattet werden, Missbrauchsfälle zu erkennen. Kinder und Jugendliche müssen sich an Vertrauenspersonen wie Lehrer wenden können, wenn sie Hilfe benötigen.




NRW-Justizminister Peter Biesenbach:


NRW-Justizminister Peter Biesenbach: “Zutiefst verstörend”

Federico Gambarini/ dpa

SPIEGEL: Können auch die nun erneut geforderten Speicherpflichten bei Internetdienstleistern helfen, die Taten aufzuklären?

Rettenberger: Man muss zunächst genau prüfen, ob dadurch tatsächlich mehr Straftaten aufgedeckt würden. Es gibt Untersuchungen, die diesen Mehrwert für eher gering halten. Klar ist: Die Zahl der Daten ist ja jetzt schon groß. Da muss man doch erst einmal versuchen, diese Fälle sinnvoll abzuarbeiten. Wenn keine konsequente Strafverfolgung folgt, werden auch solche Maßnahmen potenzielle Täter nicht abschrecken. 

SPIEGEL: Führen denn Chatforen und Online-Netzwerke wirklich zu mehr Taten – oder hellt sich durch die verschärften Ermittlungen nun bloß das Dunkelfeld auf? 

Rettenberger: Netzwerke zu bilden, ist durch die Technik auf jeden Fall leichter geworden – und so ist auch die Hemmschwelle für den einen oder anderen Täter deutlich geringer geworden, Abbildungen zu konsumieren und zu tauschen. Früher musste man noch aktiv Missbrauch begehen. Ich bin überzeugt davon, dass ein großer Teil der nun zu ermittelnden Tatverdächtigen reine Konsumenten und nicht selbst aktive Missbrauchstäter sind. Diese Gruppe der sogenannten Nicht-Kontakt-Täter hat deutlich zugenommen. 

SPIEGEL: Kann ein so großer Fall die gesellschaftliche Einstellung zu dem Thema ändern?  

Rettenberger: Ja – und die Diskussionen der vergangenen 20 Jahre haben auch schon zu besseren Strukturen beigetragen. Wir haben heute ein ausgebautes Hilfesystem und Trauma-Ambulanzen für die Opfer. Außerdem gibt es inzwischen Angebote für Täter, die keine Täter mehr sein oder erst gar nicht werden wollen. Die Rückfallraten von verurteilten Sexualstraftätern sind durch Prävention deutlich zurückgegangen. Man muss gleichzeitig aber immer aufpassen, dass die öffentliche Beschäftigung mit diesem Thema nicht von Voyeurismus dominiert wird.

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