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Nach 38 Tagen auf Tanker – Migranten dürfen in Italien an Land




Migranten auf dem Rettungsschiff


Migranten auf dem Rettungsschiff “Sea-Watch 4” schauen zum Tanker “Maersk Etienne”, der 27 Menschen aus Seenot gerettet hat


Foto: THOMAS LOHNES / AFP

Nach 38 Tagen auf einem Frachtschiff im Mittelmeer sind 27 Bootsmigranten in Italien an Land gebracht worden. Die Menschen gingen am Samstagabend im sizilianischen Pozzallo von Bord der “Mare Jonio”, wie die italienische Hilfsorganisation Mediterranea Saving Humans mitteilte, die das Schiff betreibt. Sie hatte die Menschen am Freitag vom dänischen Tanker “Maersk Etienne” aufgenommen. Dort saßen die Migranten seit Anfang August fest.

Damit ende die “längste und beschämendste Zeit”, die Migranten auf See hätten ausharren müssen, hieß es von der Hilfsorganisation. Die Menschen seien psychisch und physisch in sehr schlechtem Zustand und bräuchten dringend ärztliche Behandlung. Unter ihnen sollen auch ein Kind und eine Schwangere sein. Die Besatzung des Tankers sowie mehrere Organisationen hatten immer wieder um Hilfe gebeten. Lebensmittel und Trinkwasser an Bord drohten knapp zu werden.



Flüchtlinge auf dem dänischen Tanker warten auf ihre Übernahme durch das Rettungsschiff

Flüchtlinge auf dem dänischen Tanker warten auf ihre Übernahme durch das Rettungsschiff “Mare Jonio”


Foto: AP

Bei der Reederei Maersk Tankers machte man sich “zunehmend Sorgen um die körperliche und geistige Gesundheit der geretteten Personen”. Am vergangenen Sonntag waren drei Migranten in ihrer Verzweiflung von Bord gesprungen, konnten jedoch von der Crew gerettet werden.

Das Frachtschiff hatte die Menschen am 4. August auf Bitten Maltas aufgenommen, nachdem sie auf dem Weg von Libyen in die EU in Seenot geraten waren. Später jedoch wies Maltas Regierungschef Robert Abela jede Verantwortung für die Geretteten zurück.

Sowohl Italien als auch Malta beklagen, dass sie mit den ankommenden Migranten von den EU-Partnern alleingelassen würden. In Süditalien sind viele Auffanglager überfüllt. Rom setzt auch Quarantäneschiffe ein, denn die Migranten müssen wegen der Corona-Pandemie zwei Wochen in Isolation. Die Zahl der Menschen, die in Libyen und Tunesien ablegen und Italien ansteuern, war im Sommer sprunghaft angestiegen.

Rettungsschiff “Alan Kurdi” wieder im Mittelmeer im Einsatz

Auch die Crew des Seenotrettungsschiffs “Alan Kurdi” hat immer wieder mit Behinderungen durch Behörden zu kämpfen. Das Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Eye ist nun nach einer viermonatigen Zwangspause wieder im Mittelmeer im Einsatz. Wie die Hilfsorganisation mitteilte, hat das Schiff am Freitagabend den Hafen der spanischen Stadt Burriana verlassen.

Die italienischen Behörden hatten das Schiff im Mai nach der Rettung von 150 Menschen unter Verweis auf technische Mängel, Sicherheitsbedenken und Verstöße gegen Umweltauflagen festgesetzt. Nach sieben Wochen durfte die “Alan Kurdi” für Wartungsarbeiten den Hafen von Burriana ansteuern.

Gegen die Festsetzung des Schiffs durch die italienischen Behörden ging die Hilfsorganisation im August schließlich mit einer Klage vor. Ein Urteil steht laut Sea-Eye noch aus. Die spanischen Behörden hätten der “Alan Kurdi” nun aber die Genehmigung zum Ablegen erteilt.

Nach Angaben von Sea-Eye hat die Festsetzung des Schiffs drei Einsätze verhindert. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge seien in diesem Zeitraum 252 Menschen im Einsatzgebiet der “Alan Kurdi” ertrunken, erklärte die Hilfsorganisation.

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