Spiegel

Nachtzüge und nächtliche Sprinter: Salzburg-Sylt im Schlaf

“Komfortabel über Nacht von Berlin nach Rom, von Köln nach Barcelona oder von München nach Athen” – im Zug statt mit dem Auto oder dem Flugzeug. So stellt sich das der Matthias Gastel von den Grünen vor; aber so einfach ist es leider nicht.

Zusammen mit dem Chef der Grünen-Bundestagsfraktion Anton Hofreiter hat der Bahnpolitiker Gasteil deswegen ein Positionspapier erstellt: Darin fordert er die Bundesregierung auf, sich für nächtliche Sprinter-Züge durch Europa einzusetzen, die im Gegensatz zu den sogenannten Nachtzügen keine Schlaf- oder Liegeabteile haben.

Neben dem Ausbau des regulären Nachtzugnetzes sollen zusätzliche Verbindungen eingerichtet werden, für Entfernungen von 1000 bis 2000 Kilometer. Die Strecken sollen in 8 bis 16 Stunden überwunden werden, berichtete “Zeit Online” am Sonntag mit Bezug auf das Positionspapier. Die Nachtsprinter könnten dem Papier zufolge eine “bequeme, klimafreundliche Alternative” zu Auto und Flugzeug sein. Nach den Berechnungen der Grünen könnten durch 20 Verbindungen jährlich knapp 700.000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden.



ICE-Sprinter (2017): Vor drei Jahren eröffnete die Schnellfahrstrecke München-Berlin

ICE-Sprinter (2017): Vor drei Jahren eröffnete die Schnellfahrstrecke München-Berlin


Foto: DPA

Bahnunternehmen sollten zudem verpflichtet werden, auf ihren Buchungsportalen Tickets für europäische Zugverbindungen anzubieten. “Ein internationales Bahnticket zu buchen, muss mindestens so einfach werden wie heute die Buchung eines Flugtickets”, zitierte “Zeit Online” aus dem Dokument.

Eine europäische Bahnagentur solle die Strecken und die Regeln für den Ticketverkauf EU-weit koordinieren. Das sei nötig, weil es privaten Anbietern praktisch nicht möglich sei, für Verbindungen durch mehrere Länder die Preise für die Nutzung der Bahntrassen jeweils einzeln zu verhandeln. Wegen hoher Trassenpreise würden die Tickets zudem sonst zu teuer.

Die Deutsche Bahn hat vor einigen Jahren ihr Nachtzugnetz mit dem Angebot von Liegewagen und Schlafabteilen stark ausgedünnt, weil das Geschäft ihr nicht mehr rentabel erschien. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) hat Teile des Angebots übernommen, etwa Fahrten ab Hamburg nach Zürich. Bis zum Jahr 2026 will sie den ÖBB-Nightjet-Betrieb stufenweise ausbauen. Auch andere internationale Anbieter fahren – zum Teil saisonal – auf einzelnen Nachtzugstrecken deutsche Städte an.

Salzburg-Sylt mit RDC: Nur Komplettbuchungen von Abteilen möglich

So hat der private Bahnkonzern RDC im Juli eine zweiwöchentliche Verbindung zwischen Westerland auf Sylt und Salzburg in Österreich aufgenommen. Der Alpen-Sylt-Nachtexpress wird zunächst als Pilotprojekt bis 9. November verkehren. Erst im Herbst soll entschieden werden, ob das Angebot weitergeführt oder sogar ausgebaut werden soll.



Abteil im Alpen-Sylt-Nachtexpress: Liegewagen von der Deutschen Bahn aufgekauft

Abteil im Alpen-Sylt-Nachtexpress: Liegewagen von der Deutschen Bahn aufgekauft


Foto: Axel Heimken / picture alliance/dpa

Der RDC sah in der Klimadiskussion seine Chance: “Wir haben das Segment Nachtzüge schon länger im Blick”, sagte eine Unternehmenssprecherin im Juli. Als Gründe nannte sie den Trend zum entschleunigten Reisen sowie Aspekte der Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit, die vielen Reisenden wichtiger werden. Daher hat das Unternehmen auch sogenannte Couchette-Liegewagen aus dem Bestand der Deutschen Bahn aufgekauft.

“Wir gehen davon aus, dass die Route extrem nachgefragt wird”, sagte die Sprecherin angesichts der Coronakrise. Die Buchungszahlen seien bereits vor dem Start schon erfreulich. In den Liegewagen-Abteilen ist Platz für den Fahrgast und fünf mitreisende Angehörige oder Freunde. “In diesem besonderen Reisesommer bieten wir Tickets ausschließlich für komplette Abteile an”, sagte die Sprecherin. Vor dem Hintergrund des Infektionsschutzes wolle man “auf gar keinen Fall”, dass sechs fremde Menschen über Stunden in einem Abteil zusammen sind.

SPIEGEL-Tipps: Was Anfänger von einem Nachtzugprofi lernen können

Im Oktober 2019 – also ein paar Monate bevor die Corona-Pandemie begann – hat SPIEGEL-Redakteurin Eva Lehnen einen enthusiastischen Nachtzugfahrer befragt: Der Profi Sebastian Wilken hat ihr verraten, wie man trotz der Hindernisse günstig bucht, wo tolle Strecken für Einsteiger liegen und was man unbedingt im Gepäck haben sollte. In seinem Blog Train Tracks erzählen er und andere Nachtzugfans über ihre Abenteuer auf Schienen, tolle Strecken und kulinarische Highlights im Speisewagen:

Mehr zum Thema

Noch mehr Tipps: mit Interrail durch Europa

Durch Corona wird Reisen auf den Prüfstand gestellt: Was erwartet einen im Flugzeug und was im Zug? Und sollte man noch Interrail nutzen? Dabei ist das europaweit gültige Angebot gerade in der Zeit der verschärft geführten Klimadiskussion attraktiv. SPIEGEL-Mitarbeiterin Viola Kiel hat ihre Erfahrungen mit dem Ticket zusammengefasst:

Mehr zum Thema

Fragen und Antworten: Zugfahren trotz Corona?

Was ist zu beachten, wenn man sich während der Coronakrise in den Zug setzt? Wir haben im Juli die offiziellen Regeln und Verhaltensempfehlungen zusammengestellt, die auch jetzt noch gelten. Die meisten Passagiere halten sich auch in den Zügen an die Maskenpflicht – doch immer wieder müssen Bahnangestellte mit Maskenmuffeln anstrengende Diskussionen führen. Eine Zugbegleiterin hat im August SPIEGEL-Redakteurin Antje Blinda erzählt, was sie in ihrem Alltag im Sommer erlebt hat: