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Nationalspieler Jonas Hector: Abschied vom Andersartigen




Jonas Hector bestritt 43 Länderspiele und erreichte dabei eine für einen Linksverteidiger sehr gute Quote von zwölf Vorlagen


Jonas Hector bestritt 43 Länderspiele und erreichte dabei eine für einen Linksverteidiger sehr gute Quote von zwölf Vorlagen


Foto: Moritz Müller / imago images

Jonas Hector trug sein zusammengerolltes Trikot vorsichtig unter dem Arm wie einen Säugling. Im November 2014 lief der Linksverteidiger zum Ausgang der Nürnberger Arena, in der er eben sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft gegeben hatte. Es war ein schmuckloses 4:0 gegen Gibraltar, ein Spiel, an das sich nur die wenigen erinnern, die damals dabei waren. Wenn überhaupt. Für Hector aber war es die Ankunft in der Fußball-Prominenz nach einer märchenhaften Reise heraus aus der Provinz.

Bis zum Alter von 20 Jahren spielte er noch in der Oberliga, als zentraler Mittelfeldspieler in seinem 2500-Einwohner-Heimatort Auersmacher an der französischen Grenze im Saarland. Vier Jahre später war er nun Nationalspieler. Er kam in der 72. Minute für den Dortmunder Erik Durm in die Partie. Sein Debüttrikot nahm Hector mit nach Hause – und schenkte es seinem ein Jahr älteren Bruder Lucas. Im Juni ist Lucas Hector mit nur 31 Jahren überraschend gestorben.

Am Donnerstagabend bestätigte der Deutsche Fußball-Bund (DFB), was der “Kicker” zuvor gemeldet hatte: Jonas Hector ist mit 30 Jahren aus der Nationalelf zurückgetreten, “aus privaten Gründen”, wie es beim DFB heißt. “Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung”, wurde Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften, in einer Verbandsmitteilung zitiert. Was die persönlichen Gründe sind, wurde nicht erläutert.

Für Bundestrainer Joachim Löw ist das ein Rücktritt, der schmerzt. Denn er hatte eigentlich noch auf Hector gesetzt.



Am 14. November 2014, bei einem 4:0 gegen Gibraltar, feierte Jonas Hector (r.) sein Debüt in der Nationalelf. Er kam für Erik Durm. Es sollte das einzige Länderspiel von Hector bleiben, bei dem er nicht in der Startelf stand

Am 14. November 2014, bei einem 4:0 gegen Gibraltar, feierte Jonas Hector (r.) sein Debüt in der Nationalelf. Er kam für Erik Durm. Es sollte das einzige Länderspiel von Hector bleiben, bei dem er nicht in der Startelf stand


Foto: imago sportfotodienst / imago images/Bernd Müller

Löw wollte ihn für die Länderspiele gegen Spanien und die Schweiz im September nominieren. Aber dann gab es ein Telefonat zwischen Löw und Hector, in dem Hector darum bat, nicht berufen zu werden. Löw, der zu Spielern wie Hector einen engen Draht hat und von ihnen dafür geschätzt wird, einen sehr menschlichen Umgang zu pflegen, respektierte dies und schwieg öffentlich dazu. Öffentlich werden sollte alles erst, wenn Hector dazu bereit war. Es soll, so hört man, weitere Telefonate zwischen beiden gegeben haben.

Zwingend im Aufgebot erwartet wurde Hector ohnehin nicht. Nach der WM 2018 war er durch den personellen Umbruch aus der Nationalelf herausgespült worden. Nach dem 0:3 gegen die Niederlande im Herbst 2018 bestritt der 30-Jährige ein Jahr lang kein Länderspiel mehr. Als Löw im März 2019 die drei Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng aussortierte, da strich er – zumindest temporär – auch den bis dahin bei ihm immer gesetzten Jonas Hector. Nur blieb beim Kölner der öffentliche Aufschrei aus.

Hector war immer schon jemand, den man übersehen konnte – obwohl er besondere Fähigkeiten besaß. Das lag vielleicht auch an seinem zurückhaltenden Naturell.

Für den Verzicht auf ihn hatte Löw einen Grund: Entgegen den Marktgepflogenheiten hatte sich Hector vor der WM 2018 dafür entschieden, mit dem abgestiegenen 1. FC Köln in die Zweite Liga zu gehen, während Konkurrenten wie Marcel Halstenberg mit ihren Klubs Champions League spielten. Mit Löw hatte er diese Entscheidung nicht abgesprochen. “Es geht um mich”, antwortete er auf die Frage nach der Meinung des Bundestrainers. Er fühle sich nun mal wohl in Köln. Und dieses Gefühl sei ihm wichtiger als das Geld, das er woanders mehr verdienen könnte, sagte Hector.

“Ein Spieler mit einer besonderen Fußballintelligenz”

Nach dem Wiederaufstieg 2019 holte ihn Löw zurück und setzte ihn im November beim 6:1 gegen Nordirland wieder ein. Hector bereitete zwei Treffer vor und steht damit bei einer für einen Linksverteidiger herausragenden Quote von zwölf Vorlagen in 43 Länderspielen. Aber große Schlagzeilen machte das nicht. So leise, wie er herausgefallen war aus der Nationalelf, so leise kehrte er nun wieder zurück. Und Löw hatte vor, ihn im Kader zu behalten – bis zum Telefonat im September.






Foto: GEORGES GOBET/ AFP

Für den Bundestrainer ist der Rückzug ein Verlust – sportlich und menschlich.

Sportlich gab es in den vergangenen Jahren kaum einen Nationalspieler, bei dem die externe und interne Wertschätzung derart weit auseinander lagen wie bei Jonas Hector. Während er in der Öffentlichkeit selten gepriesen wurde, außer nach seinem entscheidenden Elfmeterschuss im EM-Viertelfinale 2016 gegen Italien, genoss er bei Löw und dessen Trainerteam ein hohes Ansehen. “Er ist ein Spieler mit einer besonderen Fußballintelligenz”, sagt jemand, der Hector über Jahre eng in der Nationalelf begleitet hat.

Hector könne sich an veränderte Spielsituationen und Positionen schnell anpassen. Er folge seinem Instinkt, während andere zumeist nach festen Vorgaben handelten. In der Offensive wie in der Defensive verfüge er über taktische Finesse und Ballfertigkeit. Und er treffe fast immer die richtige Entscheidung. Auf der Position des Außenverteidigers hatten das im DFB-Team in den vergangenen Jahren nur zwei Spieler noch besser gemacht: Philipp Lahm und Joshua Kimmich.

Augenscheinlich wird der sportliche Verlust auch dann, wenn man sich ansieht, welche Alternativen Löw seither als Linksverteidiger zur Verfügung stehen. Ob als Außenbahnspieler vor einer Dreier- oder in einer Viererkette – Hector könnte beides links hinten besser als jeder andere im aktuellen Aufgebot. Und das, obwohl er beim 1. FC Köln mittlerweile fest im zentralen Mittelfeld eingesetzt wird.

Der Verlust für Löw liegt aber auch im atmosphärischen Bereich, der dem Bundestrainer stets wichtig war bei seiner Personalauswahl. Hector gilt DFB-intern als äußerst beliebt. Weil er höflich, bisweilen fast schüchtern auftritt. Weil er nicht nur über Fußball reden kann und will, sondern auch über Bücher. Beim gemeinsamen Essen sei er oft einer der Ersten gewesen, hört man. Und er habe sich dann manchmal zum Funktionsteam gesetzt. Auf manche wirkte das so, als sei es ihm, obwohl er mittlerweile einer der erfahrensten Nationalspieler war, immer noch etwas unheimlich, bei den Stars zu sitzen.

Hector ist auf eine gute Art normal geblieben. Er kam aus einer anderen Welt, hatte nie ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, bevor er mit 20 zur zweiten Mannschaft des FC wechselte. Und obwohl er im Nationalteam schnell dazugehörte (nach seinem Debüt 2014 stand er in all seinen Länderspielen immer in der Startelf), ist er doch irgendwie andersartig geblieben.

“Um Leistung zu bringen, habe ich schon immer ein Umfeld gebraucht, in dem ich mich gut zurechtfinde. Deshalb bin ich so spät aus Auersmacher weg”

Jonas Hector

Es ist nichts Verwerfliches daran, wenn man seine Karriereentscheidungen nach dem höchstmöglichen Erfolg oder der höchstmöglichen Bezahlung trifft. Doch Hector ist einen anderen Weg gegangen. Er blieb stets in Köln, obwohl es Angebote aus Dortmund und von anderen Klubs gab, bei denen er Champions League hätte spielen können. “Um Leistung zu bringen, habe ich schon immer ein Umfeld gebraucht, in dem ich mich gut zurechtfinde. Deshalb bin ich so spät aus Auersmacher weg”, sagte Hector einmal. Deshalb blieb er beim FC.

Er hat mit seiner Laufbahn gezeigt, dass man sich nicht den scheinbar gegebenen Mechanismen des Fußballs anpassen muss. Dass man sich ihnen ein Stück weit auch verweigern – und trotzdem eine erfolgreiche, glückliche Karriere führen kann. Selbst in der Nationalelf.

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