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NBA-Profi Daniel Theis von den Boston Celtics: Der beste Drecksarbeiter




Daniel Theis (l.) von den Boston Celtics gegen Miamis Derrick Jones jr.


Daniel Theis (l.) von den Boston Celtics gegen Miamis Derrick Jones jr.


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Mark J. Terrill / dpa


Shaquille O’Neal gefiel, was er sah. Doch wen er da sah, das wusste er nicht.

“Dieser Junge”, sagte die Basketballlegende beim TV-Sender TNT, “ich kenne seinen Namen nicht. Aber er erinnert mich an Birdman.”

Es lief das Halbfinale der Eastern Conference, Spiel fünf zwischen den Boston Celtics und den Toronto Raptors, als O’Neals Namenskenntnisse versagten. Birdman, das ist Chris Andersen, ein ehemaliger NBA-Center, der 2017 mit Cleveand an der Seite von LeBron James das Finale gegen Golden State verlor. Und “dieser Junge”, das ist: Daniel Theis.

Dass O’Neal Theis’ Namen nicht kennt, ist eine Anekdote mit Symbolwert: Der deutsche Basketballer ist der unbesungene Held der Boston Celtics – und der wohl unterbezahlteste Center der NBA.

“Theis spielt die gesamte Saison über unglaublich”, sagte Jason Tatum, der wichtigste Spieler der Celtics, nachdem Boston die Raptors in sieben Spielen bezwungen hatte. In den Conference Finals geht es nun gegen die Miami Heat – das erste Spiel verloren die Celtics in der vergangenen Nacht. In den weiteren Partien wird vieles von Theis abhängen, vor allem defensiv.

Vom Ersatzspieler zur zentralen Figur

Eigentlich hatte Boston Theis als Ersatzmann verpflichtet. Im Sommer 2017 kam er aus Bamberg. Er sollte Energie von der Bank bringen, ein paar Minuten ackern, die Starter schonen. Mehr nicht. Drei Jahre später ist der 28-Jährige sowohl in der Offensive als auch in der Defensive zu einer zentralen Figur im System von Trainer Brad Stevens aufgestiegen – ohne statistisch aufzufallen. 9,5 Punkte, 6,6 Rebounds und 1,5 Blocks erzielt Theis aktuell in den Playoffs. Selten sagen die gängigen Metriken so wenig über den Wert eines Spielers aus.

Theis ist der Mann fürs Grobe, für die Drecksarbeit. Er reibt sich auf, macht all die kleinen Dinge, die statistisch nicht erfasst werden, aber immens wichtig sind für den Erfolg seines Teams. Er fällt er als smarter und agiler Verteidiger auf, der kleinere Gegenspieler vor sich halten kann, Kommandos gibt und seinen Teamkollegen aushilft, wenn sie im Dribbling geschlagen werden. Dass die Celtics in der Zone nur 38,5 Punkte pro Spiel zulassen – der zweitbeste Wert der Liga – liegt auch an Theis, der dank guter Instinkte und starker Technik viele Abschlüsse erschwert oder verändert, ohne sie zu blocken.  

Block ist nicht gleich Block

Offensiv glänzt Theis, der den Ball nur selten in den Händen hält, vor allem als sogenannter Screener. Wieder und wieder stellt er harte Blocks, an denen sich die Verteidiger seiner Mitspieler vorbeikämpfen müssen. Das klingt nach einer simplen Aufgabe, doch zwischen einem durchschnittlichen und einem sehr guten Block liegen Welten. “Seine Winkel bei Screens sind großartig”, sagte sein Trainer bereits Ende Februar über Theis, der mit seinen Blöcken in den Playoffs 4,2 erfolgreiche Abschlüsse pro Partie vorbereitet – nur zwei noch in den Playoffs vertretende Profis sind besser.

Nach einem Block rollt Theis entweder zum Korb ab, um für Abschlüsse anspielbar zu sein. Oder er setzt zu seiner Spezialbewegung an, dem “Seal”, bei der er bezeichnenderweise nicht einmal den Ball berührt. Dabei stemmt der Center seinen Körper zwischen den Korb und seinen Verteidiger, oft der beste Shotblocker des Gegners, sodass seine Mitspieler beim Zug in die Zone freies Geleit haben.

Aktuell gibt es wohl keinen Spieler, der diese Technik besser beherrscht und einsetzt als Theis, der die entsprechenden Gelegenheiten teilweise so früh antizipiert, dass die Räume schon freigeblockt sind, bevor der Ballführer sie erkennt. Der größte Profiteur ist Topstar Tatum, dessen liebster Blocksteller Theis ist. Seine Dunks und Punkt werden bejubelt. Theis’ Anteil erkennt man oft erst in der Wiederholung.

Theis ist klein und günstig

All seine Fleißarbeit verrichtet der Deutsche für ein Jahresgehalt von fünf Millionen Dollar. Verschwindend wenig für NBA-Verhältnisse – und vor allem für seine Rolle. Wie viel höher sein nächstes Arbeitspapier dotiert sein wird, dürfte auch davon abhängen, wie schwer im weiteren Playoff-Verlauf seine wesentlichen Schwächen wiegen: der aktuell unbrauchbare Dreier – und seine Größe.

Theis misst nur 2,03 Meter, was relativ klein ist für seine Position. Heat-Center Bam Adebayo hat mit 2,06 Metern und einer besseren Physis deutliche Vorteile. Sollten die Celtics in die Finals kommen, würden mit Nikola Jokic (2,13 Meter) aus Denver oder Anthony Davis (2,08 Meter) von den L.A. Lakers sogar noch größere und stärkere Big Men warten. Ohne einen funktionierenden Theis dürften diese Serien für Boston kaum zu gewinnen sein – was sich vergangene Nacht bereits andeutete.

Miami gewann das erste Spiel in der Overtime 117:114, Adebayo entschied das Center-Duell klar für sich. Während Theis (vier Punkte, vier Rebounds) selbst in den unauffälligen Dingen sehr unauffällig agierte und die Schlussphase aufgrund von sechs Fouls verpasste, gelangen Adebayo 18 Punkte, sechs Rebounds, neun Assists – und die spielentscheidende Aktion, ein spektakulärer Block gegen Tatum in den Schlusssekunden.

Zwei Tage muss sich Theis nun gedulden, ehe er die durchwachsenen Eindrücke des ersten Spiels korrigieren könnte. Sollten seine Celtics die Heat bezwingen, wäre er der erste deutsche Basketballer in den NBA Finals seit Dirk Nowitzki. Und Shaquille O’Neal wüsste dann wohl seinen Namen.

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