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Netflix-Serie “Social Distance”: Wie wir alle zu Zoom-Zombies wurden






“Social Distance”-Darsteller Becky Ann Baker, Dylan Baker (oben), Raymond Anthony Thomas, Marcia Debonis (unten): Lustiges Hickhack vor Computerkameras


Foto: Netflix

Ist es nicht ein bisschen voreilig, jetzt schon mit der Überlegenheit der Davongekommenen über die Anfangszeit der Corona-Pandemie zu erzählen? Die Serie “Social Distance”, die am Mittwoch auf Netflix anläuft, präsentiert acht voneinander unabhängige Geschichten über Paare und Familien, die im April und im Mai dieses Jahres irgendwo in den USA zu Hause eingesperrt sind.

Verblüffenderweise entsteht bei den Zuschauerinnen und Zuschauern dabei der Eindruck, die Serienproduzenten blickten auf eine bereits historische, hoffentlich bald völlig überwundene Epoche. Es geht los mit einer Begräbnisfeier, in denen der Patriarch einer offenbar von südamerikanischen Vorfahren abstammenden Sippe verabschiedet werden soll. Die Zeremonie verwandelt sich schnell in ein lustiges Hickhack von zornigen Zoom-Zombies, die untereinander und mit dem Verblichenen noch eine Menge Rechnungen offen haben.

Die Schöpfer der Serie sind Hilary Weisman Graham und Jenji Kohan, die durch die Serie “Orange Is the New Black” bekannt wurden und hier abermals einen kühl analysierenden Blick auf die Komik und Absurdität des amerikanischen Alltags beweisen. In fast jeder der acht Episoden sieht man auf Gesichter, die sich vor Überwachungskameras bewegen und bei Konferenzschaltungen auf Computerschirmen versammeln, auf verwirrte und verängstigte, nicht immer gut informierte Menschen im Lockdown.

“Social Distance” ist ein Experiment im Genre möglichst aktueller Filmemacherarbeit. Neben der Angst vor der Pandemie ist die durch die Tötung des unbewaffneten Amerikaners George Floyd am 25. Mai in Minneapolis zu neuer Kraft erweckte “Black Lives Matter“-Bewegung das zweite große Thema dieser Spiegelung dramatischer Weltereignisse in mehr oder weniger privaten Geschichten. In einer Episode sieht man einen jungen Schwarzen erbittert mit seinem gleichfalls schwarzen Arbeitgeber darüber streiten, weil der Junge sich frei nehmen und bei einem Protestmarsch mitlaufen möchte, was der Alte offensichtlich für Energie- und Zeitverschwendung hält.

Es gibt ein paar grandios komische Momente in “Social Distance”, etwa wenn ein schwules Paar den Einfall umsetzt, sich einen vorschriftsmäßig mit Mundschutz antretenden Lustknaben in die eigene Wohnung zu bestellen. Und es gibt einige sehr gestelzte Dialoge in manchen Folgen dieser Serie, etwa wenn eine pensionierte Ärztin gegen den Widerstand ihres Rentnergatten wieder zum Dienst in einem Krankenhaus antritt. “Ich fühle mich verpflichtet, weiter für meine Enkel da zu sein”, keift der Schauspieler Dylan Baker in der Rolle des Greises, wogegen die Ärztin, gespielt von Bakers realer Gattin Becky Ann Baker, ihm vorwirft, in einer globalen Notlage nur an sich selbst zu denken.

Es wird Menschen geben, die den oft biografisch inspirierten Ansatz der Drehbuchschreiber einiger “Social Distance”-Stories banal finden. Vielleicht erachten sie sogar die ganze Serie auf den ersten Blick für so überflüssig, wie es die meisten in den Lockdowntagen entstandenen Tagebücher, Romane und Filmaufzeichnungen zu sein scheinen. Und doch sollte man den Wert dieser Patchwork-Impressionen nicht unterschätzen.

Der Schriftsteller Walter Kempowski hat mal in einem SPIEGEL-Porträt über seine Arbeit und über den Wert von mehr oder weniger privaten Aufzeichnungen gesagt: “Man muss die vielen Äußerungen der Menschen aufeinander beziehen, man muss sie einen Dialog führen lassen. Ganz behutsam, das darf der Leser kaum merken.” So ähnlich gilt das auch für diese Serie: Für die Zuschauerinnen und Zuschauer entsteht aus dem Puzzle an kleinen Alltagsgeschichten ein emotional packendes, hochinteressantes Gesamtbild, das Psychogramm einer Zeit, die kaum vergangen ist – und womöglich bald wiederkommt.

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