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Neuer Schweinegrippe-Typ in China entdeckt

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Virus G4

Forscher haben eine bisher unbekannte Grippevirus-Variante entdeckt, mit der sich offenbar bereits Schweinehalter angesteckt haben. Sie befürchten, der Erreger könnte von Mensch zu Mensch übertragbar werden.






Fritz Rupenkamp/ Countrypixel/ imago images

In China haben Wissenschaftler eine neue Art der Schweinegrippe entdeckt, die den Forschern zufolge leicht auf den Menschen überspringen könnte. Das Virus mit dem Namen G4 besitze “alle wesentlichen Eigenschaften, um Menschen infizieren zu können”, schrieben die Forscher mehrerer chinesischer Universitäten und des chinesischen Zentrums für Krankheitsbekämpfung und -prävention in einem am Montag veröffentlichten Artikel in der US-Fachzeitschrift “PNAS“.

G4 zählt zu den sogenannten H1N1-Viren, einer Untergruppe der Grippeviren. Zu diesen gehört auch die Schweinegrippe, wegen der die Weltgesundheitsorganisation WHO 2009 eine Pandemie ausrief. Jenes Virus entpuppte sich schließlich als vergleichsweise milder Erreger – woraufhin der WHO vorgeworfen wurde, unnötig Angst verbreitet und im Sinne der Pharmaindustrie gehandelt zu haben.

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Das neue Virus, das bei Schweinen in China entdeckt wurde, sei für Menschen zunehmend ansteckend geworden, es bestehe aber keine unmittelbare Gefahr, heißt es in der Studie. “China verfolgt die Entwicklungen in dieser Angelegenheit genau. Wir werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung eines jeglichen Virus zu verhindern”, erklärte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Zhao Lijian, laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Für die aktuelle Studie nahmen Forscher zwischen 2011 und 2018 rund 30.000 Nasenabstriche von Schweinen in Schlachthöfen aus zehn chinesischen Provinzen. Dabei isolierten sie 179 verschiedene Schweinegrippe-Viren. Die meisten davon waren von dem neuen Typ G4 EA H1N1, der seit 2016 vermehrt bei Schweinen auftritt.

Anschließend führten die Forscher unter anderem Experimente an Frettchen durch, auf sie wird in Grippestudien zurückgegriffen, weil sie ähnliche Symptome wie Menschen entwickeln. Dabei beobachteten die Forscher, dass G4 hochinfektiös ist, sich in den Zellen vermehrt und bei den Frettchen schwerer wiegende Symptome verursacht als andere Viren.

Tests zeigten auch, dass jegliche Immunität, die Menschen durch die saisonale Grippe gewinnen, keinen Schutz vor G4 bietet. Den Wissenschaftlern zufolge waren bereits 10,4 Prozent der Schweinehalter infiziert. Durch Antikörpertests fanden die Forscher heraus, dass rund 4,4 Prozent der Bevölkerung dem Virus ausgesetzt gewesen sind.

Pandemiepotenzial des neuen Erregers

Die Hauptsorge der Wissenschaftler ist, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Es sei besorgniserregend, dass sich das Virus an den Menschen anpasse und sich damit das Risiko einer Pandemie beim Menschen erhöht, schrieben die Forscher. Der G4-Stamm besitze “alle wesentlichen Merkmale eines Kandidaten für ein Pandemievirus”. 

Die Studie sei “eine Erinnerung daran, dass wir ständig dem Risiko des erneuten Auftretens zoonotischer Krankheitserreger ausgesetzt sind und dass Nutztiere, mit denen der Mensch mehr Kontakt hat als mit Wildtieren, als Quelle für wichtige Pandemieviren dienen können”, sagte James Wood, Leiter der Abteilung für Veterinärmedizin an der Universität Cambridge in Großbritannien. Eine zoonotische Infektion wird durch einen Erreger verursacht, der von einem Tier auf einen Menschen übergesprungen ist.

Obwohl das neue Virus in der Lage sei, Menschen zu infizieren, bestehe kein unmittelbares Risiko einer neuen Pandemie, sagte Carl Bergstrom, Biologe an der Universität von Washington. “Es gibt keine Hinweise darauf, dass G4 trotz fünfjähriger intensiver Exposition beim Menschen zirkuliert”, erklärte er auf Twitter

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