Spiegel

News des Tages: Corona-Regeln, Facebook, Buchmesse, Cornelia Funke

1. Der Wunsch nach der deutschen Einheit​

Welche Regeln gelten jetzt in Corona-Deutschland? Abschließend lässt sich die Frage am frühen Abend noch nicht beantworten, das Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin zieht sich, die Verhandlungen stocken. “Das Ganze hat fast den Charakter eines EU-Gipfels”, sagt mein Kollege Sebastian Fischer aus unserem Hauptstadtbüro, so zäh wirkt es. Das Ziel: bundeseinheitliche Regeln. Die Frage: Machen alle mit?  

Klar ist: Der Bund will eine ergänzende Maskenpflicht und eine Sperrstunde in der Gastronomie schon dann einführen, wenn die Zahl der Neuinfektionen 35 pro 100.000 Einwohner in einer Region innerhalb einer Woche überschreitet. Diese Maskenpflicht soll dort eingeführt werden, wo Menschen dichter oder länger zusammenkommen, heißt es in der Beschlussvorlage. Zudem soll ab 35 Neuinfektionen die Teilnehmerzahl von Veranstaltungen begrenzt werden. (Mehr dazu hier.)

Während Merkel und die Länderchefs noch über Details diskutieren, schalten andere europäische Länder schon wieder in den Notfallmodus. Laut WHO verzeichnete Europa in der zweiten Oktoberwoche den höchsten Anstieg der Corona-Fallzahlen weltweit – ein Plus von 34 Prozent. Rund 700.000 neue Fälle wurden registriert, ein Drittel der global nachgewiesenen Neuinfektionen, wie meine Kollegin Julia Merlot aus dem Wissenschaftsressort und mein Kollege Patrick Stotz aus unserem Datenteam berichten.

Droht Deutschland ähnliches? “Auch in der ersten Welle waren wir etwas später dran als viele andere Länder”, sagt Julia. “Das Virus könnte sich noch deutlich schneller ausbreiten.” Gleichzeitig macht die Statistik aus Italien aber Hoffnung: “Dort ist es bisher gelungen, die zweite Welle ohne allzu gravierende Einschränkungen deutlich zu bremsen – wohl auch weil die Menschen sehr konsequent die Hygieneregeln befolgen.”

2. Facebook und wir, Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Herzogin Meghan warnt vor den Gefahren von Social Media: Als ich die Schlagzeile las, dachte ich an meinen letzten Kontakt zu Facebook. Eingeloggt habe ich mich schon lange nicht mehr, mein Account ruht. Aber im Herbst 2019 trottete ich durch die Firmenzentrale im kalifornischen Menlo Park: Bei einer Führung zeigten die Facebook-Leute uns, einer Gruppe deutscher Journalisten, ihre neue bepflanzte Dachterrasse, präsentierten ihr Angebot “Facebook News” und erzählten, wie frei sie angeblich denken und arbeiten können. Die Zitatfetzen, die ich mir notierte, begannen oft mit: “Mark denkt…”, “Mark findet…” und “Mark sagt…”.

Mark Zuckerberg, Gründer und CEO, ist immer dabei, auch wenn er nicht anwesend ist. Den Ideen, Visionen, Launen des obersten Anführers von Facebook, WhatsApp, Instagram ordnen sich alle unter, gut gelaunt, mit Smoothie in der Hand, das war mein Endruck. Dabei steuerte Zuckerberg den Konzern durch manch eine Konfliktzone mit einer beeindruckenden Naivität, wie mein Kollege Patrick Beuth aus unserem Netzwelt-Team findet. “Seine Überzeugung, eine neutrale Plattform bieten zu müssen, fällt ihm jetzt auf die Füße”, kommentiert Patrick. Denn erst seit Kurzem versucht Facebook, den Verschwörungskult QAnon von seinen Seiten zu verbannen. Erst gestern kündigte der Konzern an, das Leugnen des Holocausts weltweit nicht mehr zu dulden. Und erst jetzt will das Netzwerk auch keine Anzeigen von Impfgegnern mehr akzeptieren. Dazu kommen zahlreiche neue Regeln für den US-amerikanischen Wahlkampf. “Facebook lernt endlich, Haltung zu zeigen”, sagt Patrick. Zuckerberg habe offenbar eingesehen, dass seine Plattformen nicht nur Milliarden gut meinende Menschen vernetzen. “Sondern dass antidemokratische, antisemitische, gewaltverherrlichende, gesundheitsgefährdende Botschaften dort alltäglich sind.”

Ins Facebook-Foyer hatte im vergangenen Herbst jemand den DeLorean aus “Zurück in die Zukunft” gestellt, die wohl bekannteste Zeitmaschine der Filmgeschichte. Im Film reiste Michael J. Fox einst als Marty McFly ins Jahr 2015 – ein 2015, in dem Autos fliegen und im Kino Teil 19 von “Der weiße Hai” läuft. Zu sehen ist eine Zukunft ohne Facebook, Instagram und Twitter, so wie Meghan sie sich wünscht.

3. Buchverbinder

Der Buchbinder Mortimer Folchart, genannt Mo, hat die Gabe, Lebewesen und Gegenstände aus Geschichten herauszulesen, sodass sie in die echte Welt wechseln – das ist der Kniff in “Tintenherz“, dem wohl bekanntesten und erfolgreichsten Buch von Cornelia Funke.

Mein Kollege Volker Weidermann hat die Autorin heute interviewt, per Video. Eigentlich wollten sich die beiden auf der Frankfurter Buchmesse treffen, aber die findet wegen der Pandemie nun mal fast ausschließlich digital statt (zum SPIEGEL-Begleitprogramm geht es hier entlang). Und es wirkt, als hätte Volker sich die Gabe gewünscht, Funke aus dem Video herauszuquatschen, zu sich ins Berliner Studio. Oder, noch besser, sich hineinzuquatschen in den Bildschirm, zu Funke auf die Avocadofarm nach Malibu. So begeistert war er von Funkes “Mischung aus Lebensfreude, Offenheit, politischer Entschlossenheit, Freude am gemeinsamen Arbeiten mit anderen Künstlern, die bei ihr wohnen können”, wie er sagt. “Echt Paradise.”

Ein Hinweis in eigener Sache: Die Wahl in den USA



SPIEGEL-Team zur US-Wahl

SPIEGEL-Team zur US-Wahl

Unsere US-Korrespondenten haben in den vergangenen Tagen deutliche Verstärkung bekommen. Jetzt, wo es im Wahlkampf richtig ernst wird, verstärken wir unser US-Team mit fünf weiteren Reporterinnen und Reportern. Gemeinsam werden wir Sie in den kommenden Wochen mit Reportagen, Analysen und Videos informieren – sie sind im ganzen Land unterwegs, natürlich insbesondere in den sogenannten Swing States wie Pennsylvania, Florida oder Arizona, in denen die Wahl am Ende entschieden wird.

Denn die Umfragen sind das eine (hier finden Sie laufend aktualisierte Daten) – aber was sagen die Menschen? Dieses Land kann man nicht nur von Washington oder New York aus verstehen. Deshalb begeben sich die Kolleginnen und Kollegen zu den Wählerinnen und Wählern – sie wollen wissen, wie sie auf Donald Trump und Joe Biden schauen und welche Themen sie am meisten bewegen.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Starker Einbruch, langsame Erholung: Die Coronakrise lässt Deutschlands Wirtschaft so stark einbrechen wie seit Jahren nicht mehr – die führenden Ökonomen erwarten für 2020 ein Minus von 5,4 Prozent. Aber es gibt auch Hoffnung.

  • LKA ermittelt gegen Chatgruppe von Berliner Polizeinachwuchskräften: Studienanfänger der Berliner Polizei sollen in einer Chatgruppe menschenverachtende Nachrichten ausgetauscht haben. Der Staatsschutz hat Ermittlungen eingeleitet.

  • Große Mehrheit der Schotten will Unabhängigkeit: Eine aktuelle Umfrage zeigt: So viele Schotten wie nie wünschen sich die Unabhängigkeit von Großbritannien. Ein Grund ist der Brexit – ein anderer die Regierung in London.

  • Gesetz von Ministerin Lambrecht nun doch in “männlicher” Form: Das Justizministerium sorgte mit einem Gesetzentwurf für Diskussionen, weil er im generischen Femininum verfasst war. Das Kabinett hat er nun aber mit den üblichen männlichen Formulierungen passiert.

Was wir heute bei SPIEGEL empfehlen

  • Wie der Thalia-Chef den China-Deal verteidigt: Thalia-Geschäftsführer Michael Busch sagt, warum er die umstrittene Kooperation mit China noch lange fortsetzen will – und warum er sich von seinen Mitarbeitern unbezahlte Überstunden wünscht.

  • Was steckt hinter Kim Jong Uns Tränen? Nordkoreas Machthaber hat der Welt bei einer Militärparade eine Interkontinentalrakete präsentiert – und weinte gleichzeitig fast vor seinem Volk. Die Nordkorea-Expertin Jieun Baek erklärt Kim Jong Uns Auftritt.

  • Plötzlich unter Mordverdacht: Mitten in der Nacht klingelten drei Polizisten Matthias König aus dem Bett: Er sei beobachtet worden, wie er eine Leiche in seine Garage getragen habe. Was war da los?

  • Die neuen Archen: Feldhamster, Goldene Löwenäffchen, Nerze: Für viele Tierarten ist der Zoo die letzte Rettung. Vielerorts werden Nachzuchten aus den Tierparks bereits erfolgreich ausgewildert.

Was heute nicht so wichtig ist



Paar, weise?

Paar, weise?


Foto: 

Rick Kern / WireImage / Getty Images


Kitsch-Ich: Schauspieler Matthew McConaughey, 50, vor Jahren ausgezeichnet mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller in “Dallas Buyers Club”, transferiert die Tradition des Poesiealbumschreibens in die digitale Öffentlichkeit. In einem Video für das Magazin “People” säuselt er, wie er seine Frau Camila traf: “Ich habe immer nach einer Partnerin gesucht, einer besten Freundin, einer Seelenverwandten. Aber erst, als es für mich okay war, allein zu sein, dann tauchte sie auf.”

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: “Andere VW-Mitarbeiter sehr die Sache pragmatischer”

Cartoon des Tages: Herbstlaute






Foto: 

Thomas Plaßmann


Und heute Abend?

Könnten Sie sich überlegen, ob Sie ein neues Mobiltelefon brauchen und ob es ein iPhone 12 sein soll. Mein Kollege Matthias Kremp hat sich die Präsentation der neuen Apple-Geräte angeschaut. Seine erste Einschätzung finden Sie hier.



Ururururururururahn des neuen iPhones

Ururururururururahn des neuen iPhones


Foto: Sean Gallup/ Getty Images

In diesem Sinne: Ihnen einen 5G-uten Abend!

Bis morgen. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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