Spiegel

News des Tages: Corona-Regeln, Jugendwort 2020, Donald Trump

1. Rückzug ist die beste Verteidigung

“Es ist 2020 nicht einfach, 20 Jahre alt zu sein”, sagt Emmanuel Macron, der für Frankreich eine nächtliche Ausgangssperre verkündete. Es ist aber auch nicht einfach, 10, 40, 60 oder 80 zu sein: Nach allem, was ich höre, infiziert der Corona-Frust alle Altersgruppen. Auch ich finde es schwer, guten Mutes zu bleiben, wenn selbst die, die in der vergangenen Nacht neue Regeln verkünden, wenig später verlauten lassen: Reicht alles nicht. Und wenn der Söderalismus dafür sorgt, dass in Bayern die Regeln gleich weiter verschärft werden. Ging es nicht darum, mehr Einheitlichkeit und Klarheit zu schaffen?

Auch mit dem Beherbergungsverbot scheint niemand glücklich zu sein. Trotzdem haben Bund und Länder sich nicht einigen können – vertagt auf die Zeit nach den Herbstferien. So lange versucht jeder, der Reisen will, einen Negativ-Test zu bekommen. “Gerade in Hotspot-Städten wie Berlin und Köln werden unnötig wertvolle Testkapazitäten dafür benötigt”, warnt SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. Meinem Kollegen Timo Lehmann sagte er: “Mit Blick auf die langsam knapp werdenden Reagenzien braucht es zeitnah eine bundeseinheitliche Lösung.” (Mehr hier.)

Wie sehen Forscherinnen und Forscher die Maßnahmen? Nach dem Gespräch mit einer Modellierungsexpertin sagt meine Kollegin Julia Köppe: “Sperrstunde, Maske, Kontaktbeschränkung – die neuen Maßnahmen sind Makulatur, wenn nicht alle mitmachen.” Noch haben wir laut Hochrechnungen die Chance, die Ausbreitung in den Griff zu bekommen. “Aber wir müssen uns sputen.” Die kommenden ein bis zwei Wochen seien entscheidend, sagt Julia: “Über den Daumen gepeilt, müsste jeder seine Kontakte um die Hälfte reduzieren.” (Die ganze Analyse lesen Sie hier.)

6638 neuen Fälle meldete das Robert Koch-Institut heute, das ist der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. “Das Virus schert sich nicht um unsere Bedürfnisse und Befindlichkeiten”, schreibt mein Kollege Stefan Kuzmany. “Wollen wir es aufhalten, müssen wir alle wieder wachsamer werden.” (Hier sein Kommentar.)

2. Der Unbändigen Lähmung

Ach Shakepeare, da lese ich, bei Christie’s haben sie eine Deiner Erstausgaben für 9,978 Millionen Dollar versteigert, ein Rekordpreis. Ohne diesen Sammelband wären Klassiker wie “Macbeth” nach Deinem Tod womöglich verschütt gegangen, heißt es. Eine Welt ohne “Macbeth“, wie hätte mein jüngeres Ich die gefeiert! Wie sehr habe ich Dich verflucht in der Oberstufe, als ich Leistungskurs-Formulierungen in Klausurhefte schmierte: It strikes me as important that there is a dagger.

An solche Krummsätze meine ich mich zu erinnern. Woran ich mich nicht erinnern will, ist die Sprache, mit der wir uns auf dem Schulhof unterhielten. Läse sich wahrscheinlich peinlich. Das “Jugendwort des Jahres” gab es damals noch nicht, das hat der Langenscheidt-Verlag erst 2008 als Werbeaktion erfunden (damals “Gammelfleischparty” für eine Ü30-Feier). Redeten Jugendliche wirklich so Ende der Nullerjahre?

Heute dann die Meldung: Das Jugendwort 2020 heißt “lost”. Es hat den Vorteil, wirklich in Gebrauch zu sein, wie mein Kollege Markus Deggerich bestätigt, Vater von fünf Kindern, eines davon 14 oder besser “im 15. Lebensjahr”, wie es das NIcht-mehr-Kind formuliert. Neulich schrieb er seine Elternkolumne darüber, dass er den Nachwuchs nicht mehr versteht. Jetzt sagt Markus: “‘Lost’ ist in diesem Jahr mehr als nur ein Wort. Es könnte das Gefühl einer ganzen Generation spiegeln, die jene noch unabsehbaren Folgen von Corona werden tragen müssen. Und das ist cringe.”

3. Trump vs. Biden – das Fernduell

Sie haben es mitbekommen: Der US-Präsident mischt wieder mit im Vor-Ort-Wahlkampf, live und vor Publikum. Mein Kollege Alex Sarovic hat Trumps Tiraden, Attacken, Selbstbeweihräucherung bei einem Auftritt in Des Moines verfolgt. “Das Publikum ist, in Iowa nicht überraschend, so gut wie ausschließlich weiß”, berichtet er. “Von den wenigen Schwarzen unter den Anwesenden gehören einige zum Secret Service.” Die Trump-Leute inszenieren die Show so vorhersehbar wie Hollywood den Plot eines Blockbusters – der Weiße Schrei.

Meine Kollegin Alexandra Rojkov wiederum hat schwarze Wähler in North Carolina getroffen, die vom Black-Lives-Matter-Protest politisiert wurden. “Biden braucht sie, um US-Präsident zu werden”, schreibt sie. Das Problem: “Viele junge Schwarze sind unsicher, ob sie Biden wählen sollen. Und ob sie überhaupt zur Wahl gehen sollen.” (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Heute Nacht gegen 2 Uhr unserer treten Biden und Trump zu einem Fernduell an: Zeitgleich werden sie sich auf konkurrierenden Sendern den Fragen von Wählern stellen, Trump auf NBC, Biden auf ABC. Meine Kollegin Valerie Höhne wird sich den Auftritt des Demokraten anschauen, mein Kollege Marc Pitzke den des Präsidenten. Die Analysen finden Sie dann in den frühen Morgenstunden auf unserer Website.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Gelassen dem Abgrund entgegen: Stillstand beim Brexit, Grabenkampf um den nächsten Haushalt: Schon zu Beginn des EU-Gipfels steht fest, dass die Staats- und Regierungschefs keine konkreten Beschlüsse fassen werden. Dabei läuft ihnen die Zeit davon.

  • Tesla muss Fabrikbau in Grünheide unterbrechen: Die E-Auto-Revolution stößt auf unerwartete Hindernisse. Weil der US-Konzern Tesla seine Wasserrechnung nicht zahlt, hat sein Versorger in Strausberg-Erkner ihm den Hahn für seine neue Fabrik zugedreht.

  • Hunderte Thailänder demonstrieren trotz Versammlungsverbot: Obwohl die thailändische Regierung den Ausnahmezustand verhängt und Versammlungen untersagt hat, sind wieder Hunderte Demonstranten auf der Straße. Sie fordern den Rücktritt der Regierung.

  • Flammen auf dem Kilimandscharo breiten sich aus – Bergsteiger-Camp evakuiert: Der Großbrand auf dem Kilimandscharo breitet sich offenbar immer weiter aus. Bergsteiger berichten von starkem Wind und einer dichten Ascheschicht. Ein Lager mit Kletterern musste geräumt werden.






Foto: Thomas Becker / dpa

Mein Lieblingsinterview heute: Mutige Mütter, mutige Töchter






Foto: 

Alexey Kuzma / Stocksy United


Meine Kollegin Maren Keller schreibt, viele Frauen trauten sich nicht, ihr Leben anzupacken – aus Angst vor dem Scheitern. Das kann ich aus meinem direkten Umfeld so zwar nicht bestätigen, aber von dem Phänomen habe ich auch schon gehört. Maren hat die Politikerin Reshma Saujani gefragt, woher das kommt? Im Interview erklärt sie, welche Übungen auch Erwachsenen helfen.

Was wir heute bei SPIEGEL empfehlen

  • “Ich habe das traurige Gefühl, dass mir der amerikanische Traum abhandenkommt”: Cornelia Funke lebt seit vielen Jahren in Südkalifornien. Hier spricht sie von den Waldbränden und ihrer Frustration über das politische System der USA.

  • Jung, schwarz und unentschieden: Der Black-Lives-Matter-Protest in den USA hat viele junge schwarze Wähler politisiert. Sie verachten Donald Trump, doch Joe Biden wollen sie auch nicht zu ihrem Präsidenten machen. Warum?

  • “Ich habe in die Steaks geschluchzt”: Eine Frau in der Krise, dann kam der Erfolg – und ein Mann mit stahlblauen Augen: Nele Neuhaus lebt ihren ganz eigenen Roman. Ein Hausbesuch im Taunus.

  • Wenn Medizinmänner die Wildnis erklären: Reisewarnungen verwandeln die Welt in einen geheimnisvollen, nicht ungefährlichen Ort. Ich habe seit einem halben Jahr das Land nicht verlassen.

Was heute nicht so wichtig ist



Nicht ganz Licht?

Nicht ganz Licht?


Foto: Andreas Arnold / dpa

  • Luft raus: Gabriele Susanne Kerner, 60, aus Hagen hat etwas auf Instagram geschrieben, “aus dem wir viel über den Irrsinn lernen können – unseren eigenen”, wie mein Kollege Arno Frank schreibt. Denn besser bekannt ist Frau Kerner als Nena. Offenbart sich die Sängerin im Netz als Verschwörungstheoretikerin, wie einige mutmaßen? Keinesfalls. Mehr lesen Sie hier.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: “Ins Facebook-Foyer hatte im vergangenen Herbst jemand den Dilorean aus “Zurück in die Zukunft” gestellt.”

Cartoon des Tages: Das Portrait






Foto: 

Thomas Plaßmann


Und heute Abend?

Könnten Sie sich schon mal ansehen, wie künftige Generationen auf den Corona-Lockdown im Frühjahr schauen werden. In acht Folgen erzählt die neue Netflix-Serie “Social Distance” von der Pandemie und in zwei Episoden auch von der “Black Lives Matter”-Bewegung – eine “Spiegelung dramatischer Weltereignisse in mehr oder weniger privaten Geschichten”, so beschreibt es mein Kollege Wolfgang Höbel.

Er hatte beim Sehen den Eindruck, “die Serienproduzenten blickten auf eine bereits historische, hoffentlich bald völlig überwundene Epoche”. Über vieles haben wir selbst immer wieder berichtet in den vergangenen Wochen und Monaten: Familienfeiern per Videokonferenz, Jugendliche, die sich ins Netz flüchten, berufstätige Mütter, die niemanden haben, der ihre Kinder betreut. Dieses Puzzle aus kleinen Alltagsgeschichten ergibt, schreibt Wolfgang, “ein emotional packendes, hochinteressantes Gesamtbild, das Psychogramm einer Zeit, die kaum vergangen ist – und womöglich bald wiederkommt”. (Hier lesen Sie mehr.)



Qual des Calls

Qual des Calls


Foto: Netflix

In diesem Sinne: Erst Abstand halten, dann Abstand einschalten.

Ihnen einen schönen Abend. Bis morgen. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die “Lage am Abend” per Mail bestellen.