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NFL: Tom Brady bei den Tampa Bay Buccaneers – Der Zwang zum großen Wurf




Diese Bewegung wird man bei Tom Brady in der Saison 2019/2020 womöglich häufiger sehen denn je


Diese Bewegung wird man bei Tom Brady in der Saison 2019/2020 womöglich häufiger sehen denn je


Foto: 

Chris O’Meara / AP


Ein dröhnendes Heulen durchbricht die Stille. Es stammt aus einem Horn, in das Tom Brady, der erfolgreichste Football-Spieler der Geschichte, gerade gestoßen hat. Kameraschnitt zu einem aufgeschreckten Vogelschwarm, der sich aus einer Baumkrone erhebt, noch ein Schnitt – und aus dem Gestrüpp kommt ein alter Weggefährte von Brady gelaufen: Rob Gronkowski. “‘Gronk’ meldet sich zum Dienst”, sagt der Zwei-Meter-120-Kilogramm-Hüne. Er meint die neue Mission, die Brady für ihn ausgesucht hat.

Das Video lud Brady Anfang April bei Twitter hoch, etwa einen Monat nach seiner Verkündung, in dieser NFL-Saison für die Tampa Bay Buccaneers spielen zu wollen. Zuvor hatte er 20 Jahre für die New England Patriots Bälle durch die Luft geschleudert, ab 2010 war “Gronk” bei den Patriots lange sein Lieblingsempfänger, bevor dieser nach dem Super-Bowl-Sieg 2019 überraschend seine Karriere beendete.

Die Rollen des Erfolgsduos waren immer klar verteilt: Brady war der General, der als Quarterback auf dem Feld die Verantwortung für die Spielzüge trug und die Entscheidungen traf. Gronkowski folgte seinem Anführer ins Gefecht, er warf sich in die Bresche und fing Pässe von Brady. So war es auch im Frühjahr, als Brady seinen Wechsel verkündete. Denn: Nur wenige Wochen später erklärte der 31 Jahre alte Tight End seinen Rücktritt vom Rücktritt – und wechselte ebenfalls zu den Buccaneers.

Der Nächste, bitte

In Tampa im US-Bundesstaat Florida bietet sich für Brady und Gronkowski eine besondere Gelegenheit. Letzterer könnte seiner Super-Bowl-Sammlung einen vierten Titel hinzufügen, Brady steht bereits als einziger NFL-Profi bei sechs Siegen. In einem Promo-Video, das die Bucs vor einigen Tagen bei YouTube veröffentlichten, sollte Gronkowski raten, welcher von Bradys Meisterschaftsringen sein liebster sei. Beide sollten ihre Antworten verdeckt aufschreiben und dann der Kamera zeigen. Glucksend fingen sie an zu lachen und drehten ihre Tafeln um. Sie hatten das Gleiche geschrieben: “Der Nächste.”



Als Blocker im Laufspiel oder als Passempfänger: Gronkowski ist der wohl dominanteste Tight End der Football-Geschichte

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Foto: Chris O’Meara / AP

Bei den Buccaneers trifft Brady auf Trainer Bruce Arians, der sich in einer ähnlichen Situation befindet. Mit 67 Jahren will der Offensiv-Spezialist, der zweimal (2012 und 2014) zum Coach des Jahres gewählt wurde, noch einen letzten Anlauf wagen, bevor es in den Ruhestand geht. Der Unterschied zu Brady: Er hat noch nie den Super Bowl gewonnen, zumindest nicht als Cheftrainer.

Arians ließ vergangene Saison eine sogenannte “High Octane Offense” spielen. Diese Bezeichnung bekommen Football-Teams, die im Angriff aufgrund ihrer Wurfspielzüge “leicht entzündlich” sind: Mit langen Pässen kann es dabei plötzlich sehr schnell gehen, egal wie weit der Weg zur Endzone noch ist. Über den Luftweg erzielte vergangenes Jahr kein Team mehr Raumgewinn als Tampa Bay, nach durchschnittlichen Punkten pro Spiel hatten die Buccaneers die viertbeste Offensive der NFL.

Der Schlüssel zu solch einer Spielweise ist eine Kombination aus verlässlichen Passempfängern und einem präzisen Quarterback. Mit Chris Godwin und Mike Evans stehen bei den Bucs zwei der besten Receiver überhaupt zur Verfügung, hinzu kommen der vielversprechende Tight End O.J. Howard und mit Gronkowski ein Spieler mit historischer Qualität, der allerdings verletzungsanfällig ist.



Receiver Mike Evans schaffte es in den vergangenen vier Saisons dreimal zum Pro Bowl, dem Allstar-Spiel der NFL

Receiver Mike Evans schaffte es in den vergangenen vier Saisons dreimal zum Pro Bowl, dem Allstar-Spiel der NFL


Foto: Chris O’Meara / AP

Als Spielmacher hat Brady also allerhand Optionen. Auf seiner eigenen Position beerbt der 43-Jährige das frühere Toptalent Jameis Winston. In den vorangegangenen 16 Saisonspielen kam Winston auf 5109 erworfene Yards Raumgewinn, Bestwert in der NFL. Hinzu kamen 33 Touchdowns, ebenfalls eine solide Zahl – allerdings warf er den Ball auch 30-mal zum Gegner. Das dürfte nun besser werden: In den vergangenen fünf Jahren kam Brady insgesamt auf nur 29 Interceptions.

Bradys Übersicht und Entscheidungsfindung sind legendär, bei all seinem Wurftalent sind diese Qualitäten seit vielen Jahren seine größten Stärken. Die Frage in Tampa Bay wird aber wohl sein, ob er es auch andersherum mit vielen langen Würfen noch kann. Immer wieder hieß es in den vergangenen Spielzeiten, Bradys Arm habe nach so vielen Einsätzen die Kraft verlassen.

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Immerhin gelang es Tampa Bay vor Saisonbeginn noch, das bislang schwache Laufspiel zu verbessern. Mit dem in Jacksonville aussortierten Leonard Fournette fiel den Buccaneers ein Runningback in den Schoß, der in Topform zu den besten auf seiner Position gehört. Die große Schwachstelle des Teams dürfte aber die Verteidigung sein. Vor allem gegen Wurfspielzüge ist Tampa Bay sehr anfällig, insgesamt ließen die Bucs vergangenes Jahr durchschnittlich die viertmeisten Punkte pro Spiel zu. In Kombination mit der effektiven Offense reichte es zuletzt nur zu sieben Saisonsiegen aus 16 Partien.

Diese Konstellation birgt ein großes Risiko. Gegen offensivstarke Teams in Rückstand zu geraten brächte Brady in die Situation, viel und weit werfen zu müssen, weil beim Laufspiel meistens zu viel Zeit für Aufholjagden verloren geht.

Genau so könnte es bereits zum Saisonauftakt kommen (22.25 Uhr MESZ. TV: ProSieben, Stream: Ran, DAZN). Dann geht es gegen die New Orleans Saints mit Quarterback-Legende Drew Brees. Die Saints sind Hauptkonkurrent um den Divison-Sieg in der NFC South und eines der offensiv gefährlichsten Teams – vor allem im Passspiel. Sollten die Buccaneers früh hinten liegen, wird sich gleich am ersten Spieltag zeigen, wie müde Bradys Wurfarm tatsächlich ist.

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