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Oscars: Das neue Regelwerk für Oscar-Filme


Neue Oscar-Regeln

Die Oscar-Academy hat ein neues Regelwerk bekanntgegeben, das Minderheiten stärken soll. Ob das dem kriselnden Preis helfen wird, ist fraglich – und ob die Filme dadurch besser werden, auch.  




Robert Redford und Meryl Streep in


Robert Redford und Meryl Streep in “Jenseits von Afrika”: Wo bleiben die “unterrepräsentierten Gruppen”?


Foto: ddp images

In Zukunft werden sich amerikanische Kino-Produzenten wünschen, sie könnten ihre Filme bei einem deutschen Finanzamt einreichen statt bei der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die jedes Jahr die Oscars vergibt.

Denn ab diesem Jahr müssen sie komplizierte Formulare ausfüllen und nachweisen, dass sie bestimmte Standards erfüllt haben. Die neuen Regeln sollen dafür sorgen, dass Minderheiten in den Filmen stärker repräsentiert werden und in der Industrie an Einfluss gewinnen. Das ist löblich.

Unter Standard A wird gefordert, dass entweder einer der Hauptdarsteller oder 30 Prozent der Nebendarsteller einer “unterrepräsentierten Gruppe” angehören müssen. Als solche werden beispielsweise Asiaten, Hispanics, Native Americans oder Menschen mit Behinderungen definiert. Sollte das nicht der Fall sein, kann der Film den Standard trotzdem erfüllen, wenn er sich thematisch um eine der Gruppen dreht.

Ein Film wie “Jenseits von Afrika”, 1986 mit sieben Oscars prämiert, würde schon hier scheitern. Beide Hauptdarsteller sind weiß, Klaus Maria Brandauer ist zwar Österreicher, gilt aber auch nach den neuen Regeln wohl nicht als Angehöriger einer Minderheit. Nebenrollen, die von Schwarzen gespielt werden, sind in “Jenseits von Afrika” rar, auf 30 Prozent kommt der Film nie. Und zu behaupten, er drehe sich um eine “unterrepräsentierte Gruppe”, wäre geradezu zynisch: Er handelt von weißen Kolonialherren und -frauen, die auf Kosten der schwarzen Mehrheit leben. 

Auch der Thriller “Das Schweigen der Lämmer”, der 1992 fünf Oscars gewann, hätte, wenn wir die Regeln richtig deuten, diesen Test kaum bestanden. Kannibalen gelten nicht als unterrepräsentiert. Und wie sieht es mit “The King’s Speech” (2010) aus? Weiße Engländer, wohin man blickt. Vielleicht hätte es es ja doch geklappt, schließlich geht es in dem Film um einen Mann mit einer Sprachbehinderung, das könnte es ausgleichen.

Standard B verlangt, dass Führungspositionen mit Personen aus den genannten Gruppen besetzt werden oder – alternativ – 30 Prozent der Crew. Auch der gesamte LGTQ Bereich gilt als unterrepräsentiert. Doch auch heute noch will mancher seine sexuelle Identität oder Orientierung für sich behalten. Wird ein Produzent den von ihm angeheuerten schwulen Kostümbilder bitten, sich zu outen, damit die Quote erfüllt wird? 



Schauspieler Billy Porter bei der Oscar-Verleihung im Februar: Fröhliche Buntheit statt Proporz

Schauspieler Billy Porter bei der Oscar-Verleihung im Februar: Fröhliche Buntheit statt Proporz


Foto: Mike Blake / REUTERS

Die Oscar-Academy versucht mit diesen Regeln, die sich an Richtlinien der britischen Filmförderung orientieren und durch zwei weitere Standards einige Hintertürchen offen lassen, für mehr Diversität zu sorgen. Vor fünf Jahren hatte die #OscarsSoWhite-Kampagne angeprangert, dass zu viele weiße Künstler ausgezeichnet würden und in der Academy, die heute rund 10.000 Mitglieder hat, Weiße überrepräsentiert seien. Daraufhin wurden immer mehr Angehörige von Minderheiten aufgenommen.

Das war richtig und überfällig, aber gleichzeitig Ausdruck der Angst vor dem zunehmenden Bedeutungsverlust des Preises. Denn die Einschaltquoten der Oscar-Verleihung sinken stetig und haben in diesem Jahr einen neuen Tiefstwert erreicht. Zwar wurde die Zahl der nominierten besten Filme auf zehn erhöht, um mehr populäre Titel berücksichtigen zu können. Das Schwinden des öffentlichen Interesses konnte diese Maßnahme allerdings nicht aufhalten. 

Die Oscars stecken in der Krise

Hollywoods Branchenexperten stellen fest, dass es immer unberechenbarer wird, wie sich Nominierungen und gewonnene Oscars in Zuschauerzahlen übersetzen. Offen fragen sie, ob es sich noch lohnt, Millionen Dollar in PR-Kampagnen zu stecken, die schon Monate vor der Verleihung beginnen. Die Oscars sind wie Schützenfeste: Man muss viel springen lassen, um zu gewinnen. Der einstige König der Oscars, der mit seinen Produktionen so viele Trophäen gewann wie kaum jemand sonst, sitzt im Knast: Harvey Weinstein. 

Die Oscars stecken in einer Krise. Die Frage ist, ob man ihr mit mehr Bürokratie beikommen kann, vor allem dann, wenn man dem Eindruck entgegenwirken möchte, man sei nicht mehr zeitgemäß. Wer will Filme herstellen, die einem Proporz-Denken entsprungen sind – und wer will sie sehen? Wenn die Zuschauer vor der Frage stehen, ob sie sich einen Oscar-Film anschauen sollen oder nicht doch lieber einen guten Film, dürfte ihnen die Entscheidung leicht fallen. 

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