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Paul Theroux: “Ich lebe seit 1963 im Lockdown”




Paul Theroux 2011


Paul Theroux 2011


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David Levenson / Getty Images


Die Buchmesse ist ein Ort des Diskurses. In diesem Jahr müssen wir ihn virtuell stattfinden lassen. Anstelle eines Gesprächs am Messestand haben sich Intellektuelle, Schriftstellerinnen und Schriftsteller bereit erklärt, in einem SPIEGEL-Fragebogen Auskunft zu geben. Den Anfang machte die Autorin Annie Ernaux, dann antworteten der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Philippe Lançon, Überlebender des Terroranschlags auf “Charlie Hebdo”, die Schriftstellerin Jagoda Marinić, der Intellektuelle Daniel Mendelsohn und die Philosophin Susan Neiman. Zum Abschluss antwortet der Romanautor Paul Theroux.

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ich bin fasziniert.

Und wie empfinden Sie den Zustand Ihrer Nation? Und der Welt?

Wir befinden uns inmitten verschiedener katastrophaler Krisen – politischer, infektiöser, ökologischer und wirtschaftlicher Art. Und das scheint auf die Welt als Ganzes zuzutreffen. Daran denke ich viel – in der übrigen Zeit beschäftige ich mich mit meiner Arbeit, einem Roman, der mit all dem nichts zu tun hat.

Corona, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – wo sehen Sie die größte Bedrohung für eine humane Gesellschaft?

Menschliche Gier, Dummheit, Kurzsichtigkeit und intellektuelle Faulheit.

Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts wurden einmal die goldenen, dann die roaring twenties genannt. Welches Adjektiv fällt Ihnen für unser Jahrzehnt ein?

Unausgewogen.

Jede Buchmesse hat ein Thema, was sollte Ihrer Meinung nach das zentrale Thema in diesem Herbst sein?

Die Notwendigkeit des Lesens.

Liberté, égalité, fraternité – welcher der drei Begriffe der Französischen Revolution braucht eine Wiederbelebung? 

Die Egalité.

Und wie würden Sie dabei vorgehen?

Trump abwählen.

An welches Problem denken Sie im Moment?

In den USA herrscht zurzeit ein gravierender Mangel an Munition – 9 mm (Glock, Luger, zum Beispiel) und 223 cal (für das Sturmgewehr AR 15). Warum ist das so? Wofür wird sie verwendet? Wie wird es enden?

Welches Buch hat Sie in letzter Zeit beschäftigt?

Ich lese Bücher über das Surfen, denn mein jüngster Roman, der auf Hawaii spielt, handelt von einem Surfer und trägt den Titel “Under the Wave at Waimea”.

Vermittelt die Pandemie eine Botschaft?

Die Gefahren der Überbevölkerung und des Globalismus, die Scheußlichkeit der Städte, die mangelnde Vorbereitung auf einen solchen Notfall.

Gibt es eine Überzeugung, der Sie seit Ihrer Jugend treu geblieben sind?

In den Worten von Joseph Conrad: “Wir leben, wie wir träumen – allein”.

Wie hat Corona Ihren Alltag beeinflusst?

Meinen Alltag gar nicht – ich lebe seit 1963, als ich anfing, ernsthaft zu schreiben, im Lockdown: Ich sitze jeden Tag zu Hause an meinem Schreibtisch. Aber ich reise auch von Zeit zu Zeit, und es schmerzt mich, dass ich im Moment keine Reisepläne machen kann.

Es ist kein einfaches Jahr. Gab es einen besonders schönen, privaten Moment, und würden Sie ihn beschreiben?

Ja – kürzlich fuhr ich durch einen ländlichen Teil von Maine, sah das karminrote und gelbe und lila und rosa Laub und dachte, wie herrlich! Und ich dachte auch daran, dass Thoreau sagte, dass fallende Blätter uns lehren, wie man stirbt.

Haben Sie einen Lieblingsspruch oder einen Zauberspruch, der Ihnen hilft, diese Zeiten zu überstehen?

“The unswerving punctuality of chance.” – “Die unerschütterliche Pünktlichkeit des Zufalls.”

Aus dem Amerikanischen von Nils Minkmar