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Petrichor: Götterblut auf heißem Stein – Kolumne

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Kolumnist Frank Patalong


Kolumnist Frank Patalong

Victoria Jung/ DER SPIEGEL

In diesem Jahr habe ich die Bäume grün werden sehen, von der Knospe zum satten Blatt. Ich roch, wie die Landschaft über Wochen ihren Duft veränderte: Blüten, feuchte Wiesen, Gülle auf den Feldern. Dann Staub, heißer Stein, das erste Heu und schließlich: Petrichor!

Petrichor ist ein Neuwort. 1964 suchten die Wissenschaftler Isabel J. Bear und Richard G. Thomas für eine im Fachblatt “Nature” veröffentlichte Studie ein Wort für den Geruch, der entsteht, wenn nach längerer Hitze und Trockenheit Regen auf Asphalt fällt. Sie setzten das Wort aus den griechischen Bezeichnungen für Stein oder Fels und dem Wort “ichor” zusammen, was soviel wie “Blut der Götter” bedeuten soll.

Götterblut auf heißem Stein. Ein Stück moderne Poesie. Ich liebe das Wort, und ich liebe den Geruch. Er entsteht, weil manche Pflanzen bei Trockenheit ein Öl absondern, das sich auf Steinen und festen Böden sammelt und hält. Wenn es regnet, bildet es mit dem Niederschlag ein Aerosol, das dann einige Minuten satt duftend in der Luft hängt. Man kann es tief einatmen, es füllt Nase und Lunge, auf der Zunge schmeckt es wie Abendgewitter im Hochsommer.

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. 

Der Zauber dauert leider nie lang. “Endlich!”, ruft der Petrichor-Duft, “endlich ist die Dürre vorbei!” Man freut sich mit ihm und über ihn. In trockenen Weltgegenden ist er das Signal für Pflanzen und Tiere, sich fortzupflanzen. Petrichor sagt ihnen, dass das Leben jetzt weitergehen kann: Ab jetzt, sagt es, wird alles besser. Gesund und grün und nahrhaft. Lebt auf!

Mitte März, als die ersten Corona-Maßnahmen zum Lockdown verschärft wurden und wir nach Wegen suchten, unsere Tage nicht zu einem halbtoten Einer-wie-Alle werden zu lassen, hatte ich mir angewöhnt, abends mit dem Motorrad aufs Land zu fahren.

Ich mache kein einziges Foto. Ich weiß jetzt aber, wo im nächsten April ein Baum auf freiem Feld blühen wird.

Immer zieht es mich hinaus, raus aus der Stadt. Ich fahre nichts als Landstraße, gern einspurig, Tempo 70. Schwinge durch Kurven, lasse das Krad bergab und durch Dörfer rollen, dass man mich kaum hört. Ich suche kleine Straßen durch Wald, spüre und genieße die Temperaturschwankungen: In den Tiefen der dunklen Siepen geht es zehn Grad Celsius runter, dann wieder zehn hoch. Meine Reviere sind Bergisches Land, Westerwald, Siebengebirge, Eifel. Alles im Umkreis von 30 Kilometern vor der Haustür. Ich habe wirklich Glück.

Die jeden Tag sichtbare Veränderung der Landschaft im Frühjahr sauge ich regelrecht auf und spüre, wie der Kältehauch des Frühjahrs allmählich der Hitze des Frühsommers weicht. Ich beginne, die kleinen, aber signifikanten Unterschiede zwischen den Mittelgebirgen zu entdecken. Eifeldörfer sehen anders aus als die im Bergischen, stehen isolierter, weiter voneinander entfernt und verschlossener: ganztägig High Noon, kein Mensch auf der Straße.

Wo Westerwald auf Rhein trifft, windet die sich in Serpentinen. Schlimm da: das Sterben der Fichten. Ganze Berge sind rasiert, andere stehen braun und tot und brandgefährlich. Das Bergische ist im Vergleich sattgrüner Mischwald, bemooster Dschungel. Es ist verwinkelter, kleiner, oft fließen Bäche durch steile Spalttäler, und oft steht Wild am Wegrand.

Ich mache kein einziges Foto. Ich weiß jetzt aber, wo im nächsten April ein Baum auf freiem Feld blühen und aussehen wird wie ein perfektes naives Gemälde: ein riesiger, formvollendeter Ball aus weißen Blüten auf dunklem Stamm. Ende April kaufe ich mir einen Jethelm, weil der immer offen ist: Man riecht alles, man sieht noch mehr. Er ist das Gegenteil einer Maske, er lässt atmen, riechen, den Wind im Gesicht spüren. Das Brummen der Maschine unter mir wird zu einem Om, das die Fahrt zum meditativen Flug macht. Es ist mein einsamer Ausgleich zum sozial isolierten Arbeitstag. Ich fühle mich dabei wie Columbus, der Neuland entdeckt. Und noch nie so intensiv wie seit dem Lockdown.

Wohin ich gern reisen würde, wenn das wieder möglich sein wird? Mir fällt nichts ein.

Es ist ein erzwungener Bruch mit dem bisherigen Leben. Er fühlt sich nicht immer gut an, aber er hat gute Seiten. Ich entdecke den Wald wieder. Ich lege im Garten ein großes Wildblumenbeet an und warte Woche um Woche, bis es sich Anfang Juni endlich zu einem Farbenmeer wandelt. Mitte Juni zieht es Fiona und mich auch erstmals wieder in die relative Ferne: Wir reisen unfassbar bescheidene 100 Kilometer und fühlen uns doch verreist, wir fahren Fahrrad an der Mosel, wir wandern im Hunsrück. 

Haben wir zusammen noch nie gemacht. Unser Leben war seit Jahrzehnten emsiger, eiliger, mit Terminen und sozialen Verpflichtungen gefüllt. Urlaub hieß Pause, um herunterzukommen. Jetzt, nach nur knapp drei Monaten Corona-Lockdown, heißt Urlaub: neue Eindrücke und Reize, Stimulation, um hochzukommen in prinzipiell bedrückender Zeit. “Im Herbst”, sagt sie, “können wir gern wiederkommen. Aber nicht, wenn hier die Weinfeste sind.”

Sondern: dann, wenn man es für sich hat. Allein, zumindest nicht überlaufen, entspannt. Außer Saison, nicht in Masse.

Es ist nicht nur Corona. Einmal fragt mich Fiona, wohin ich denn gern reisen würde, wenn das wieder möglich sein wird. Ich muss tatsächlich darüber nachdenken. Mir fällt nichts ein. Nur vertraute, jetzt vermisste Orte.

Es ist nicht so, dass wir schon überall gewesen wären. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, etwas nachholen zu müssen. Meine Bucket List ist seit Corona nicht gewachsen, im Gegenteil. Im Grunde hole ich ja gerade nach, meine unmittelbare Welt zu entdecken.

Nur die soziale Dürre hält an und quält. Auch nach den Lockerungen bleibt das Leben seltsam eingeschränkt. Treffen mit Freunden planen wir strategisch. Hat auch jeder genug Abstand? Der Abstand zu Freunden, die weit weg leben und die wir nicht sehen konnten und können, schmerzt immer deutlicher. Die Hälfte unserer Familie lebt in Irland, wir sind füreinander unerreichbar. Und noch immer tragen wir Masken. Noch immer komme ich der Natur näher als meiner Natur, die auch Nähe will, Party, gedankenloses Miteinander.

Wie werden, wie sollen wir das nennen, wenn wir irgendwann zum ersten Mal wieder spontan einen lang vermissten Freund umarmen, ohne kurz zu zögern, ohne flaues Gefühl? Haben wir ein Wort für so einen Augenblick? Und ist dann mit einem Mal wieder alles wie früher? Werden wir uns je wieder bedenkenlos nah sein können?

Am vergangenen Wochenende hätten wir eigentlich feiern wollen, wir hatten das seit eineinhalb Jahren geplant. Als wir vor 30 Jahren heirateten, haben wir das aus Gründen fast heimlich getan, ohne Gäste: Jetzt wollten wir das groß nachholen. “Ich weiß nicht”, sagt Fiona, “ob ich mir vorstellen kann, das nächstes Jahr zu tun.”

Ich auch nicht. Werden wir jetzt also immer anders leben? Oder ist die Dürre irgendwann vorbei? So ein unbeschwertes Fest, das wäre wie Götterblut auf heißem Stein. Ich würde es gern erleben. Aber ohne zu verlieren, was wir gerade gewonnen haben.

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