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Porsche R Gruppe: Das luftgekühlte Manifest




Wenn eine Lebenseinstellung einen Auto-Club prägt, kann eine Gemeinschaft wie die R-Gruppe entstehen.


Wenn eine Lebenseinstellung einen Auto-Club prägt, kann eine Gemeinschaft wie die R-Gruppe entstehen.


Foto: Frank Kayser

Porsche-Fahrer neigen zur Grüppchenbildung. Weltweit gibt es rund 700 vom schwäbischen Sportwagenhersteller offiziell anerkannte Porsche-Clubs mit insgesamt mehr als 230.000 Mitgliedern. Nicht zu diesem erlauchten Kreis gehört die R Gruppe. Dabei ist diese Gemeinschaft die wohl exklusivste Truppe im Porsche-Kosmos: 1999 im US-Staat Kalifornien gegründet, die Mitgliederzahl auf exakt 300 begrenzt (die Wartelisten sind ellenlang), als Autos kommen nur luftgekühlte Typen in Frage und vor allem: Sie werden eher nicht poliert, sondern getunt, gepimpt, gefahren, gerne auch richtig schnell.

Doch eigentlich sind die Autos gar nicht so wichtig. Die R Gruppe ist in erster Linie ein Kumpel-Ding, für manche sogar eine Lebenseinstellung. Klingt nach PS-Esoterik, wird aber verständlich, wenn man das Buch “R Gruppe” zur Hand nimmt, das erste und zugleich ultimative Konvolut über diesen einzigartigen Club.



R Gruppe: Erkennungszeichen unangepasst

Foto: Frank Kayser

R Gruppe: Erkennungszeichen unangepasst

Es ist das Werk von Frank Kayser. Der Fotograf, Jahrgang 1967, ist in der Autoszene bestens vernetzt. Seine Arbeit – Shootings auf Flugzeugträgern, im kasachischen Weltraumhafen Baikonur, auf Rennstrecken – wirkt stilbildend in der Branche. “Es war ein ewiges größer, schneller, schriller”, sagt Kayser, “doch irgendwann hatte ich davon genug.” Ungefähr zur gleichen Zeit hörte er von der R Gruppe, einer Gemeinschaft von Porsche-Fans in Kalifornien, die auf Konventionen pfeifen, Klischees ausbremsen und einfach nur das tun, worauf sie wirklich Bock haben: fahren, feiern, Freunde sein. Kaysers Interesse war geweckt. Und schon nach dem ersten Kontakt mit ein paar R Gruppe-Leuten war klar: “Deren Haltung und Lebensgefühl war genau das, was ich vermisst, wonach ich gesucht hatte.”

“Als ob ich verknallt sei”

“Zu dieser Zeit habe ich praktisch nur von der R Gruppe gequatscht. Als ob ich verknallt sei. Meine Frau war schon genervt deswegen”, erinnert sich Kayser. Doch Frau und Kinder zogen mit, das heißt vor allem, sie verzichteten über Wochen auf Ehemann und Papa – und Kayser zog es durch.

Rund fünfzehn Monate arbeitete er an seiner Idee, der R Gruppe ein bibliophiles Denkmal zu setzen. Viermal flog er nach Kalifornien, um vor Ort die Menschen zu interviewen und zu fotografieren. Er sprach mit Cris Huergas und Freeman Thomas, den beiden Gründern der R Gruppe, mit Chad McQueen, dessen Vater Steve McQueen als eine Art ideeller Schirmheer fungiert – und der posthum die Mitgliedsnummer 001 erhielt. Solche und zahlreiche weitere Geschichten finden sich im Buch – und dazu 812 Fotos. Jedes für sich ein kleines Dokument der Sehnsucht nach Coolness und Individualität, zusammengenommen ein gigantisches Mosaik der rebellisch-heiteren Lebensart, die die R Gruppe ausmacht.

In diesem Fall gab es keine Kompromisse

Vom Multimillionär bis zum Metzger, vom Bauarbeiter bis zum Filmregisseur – ob sie hinter den Lenkrädern ihrer luftgekühlten Porsche sitzen oder mit einem Becher Kaffee am Rande einer Rennstrecke klönen, in der R Gruppe gibt es keine Hierarchie. Man gehört dazu, weil man es unbedingt will. “Das R in R Gruppe”, erklärt Mitgründer Freeman Thomas an einer Stelle im Buch, “steht auch für ‘our’.” Man müsse nur das “R” im breitesten kalifornischen Slang aussprechen. Die Autos, von denen manche mehrere Dutzend besitzen, manche ein einziges, auf das sie jahrelang gespart haben, seien vor allem eine Metapher, erklärt Kayser. “Die klassischen Porsche stehen für eine Hingabe an analoge, authentische Werte.”

Das Buch soll diese Haltung sichtbar machen. Auf 580 Seiten, die knapp fünf Kilo wiegen. Es gab ein paar Verlage, die hätten sich einen Band mit vielleicht 280 Seiten vorstellen können. “Aber in diesem Fall wollte ich keine Kompromisse eingehen”, sagt Kayser. Er nahm einen Kredit auf und nahm die Sache selbst in die Hand – mit allem was dazugehört: Layout, Übersetzung, Druck, Vertrieb, Marketing, Webshop. Es entstanden 2000 Standard-Exemplare sowie 700 in einer Limited Edition im Schuber, für 180 oder 300 Euro. Ein Manifest in jeder Hinsicht.

Wer hineinblättert, bekommt ziemlich schnell eine Vorstellung, warum die R Gruppe kein offiziell anerkannter Porsche-Club ist. Weil für diese Gemeinschaft die Autos nicht an erster Stelle stehen, weil die Autos selbst nicht als unantastbar angesehen werden, und vor allem, weil niemand in der R Gruppe sich irgendwelche Vorschriften machen lassen würde, wie ein Porsche-Club zu sein hat. Das ist ganz allein ihr Ding.

Frank Kayser: “R Gruppe”, 580 Seiten, 812 Fotos, Eigenverlag, www.therbook.com

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