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ProSieben-Doku “Rechts. Deutsch. Radikal”: Rechtsradikalen einfach mal zuhören

Über diese Katze war schon im Vorfeld berichtet worden, auch wenn sie – aus Furcht vor einer einstweiligen Verfügung der Betroffenen – vom Sender erst am vergangenen Freitag aus dem Sack gelassen wurde. Ihre ganze Wucht aber entfaltete “Rechts. Deutsch. Radikal” erst im laufenden Programm.

Senderchef Daniel Rosemann nannte das Stück “die wichtigste Dokumentation der letzten Jahre auf ProSieben“. So wichtig jedenfalls, dass komplett und ohne eine einzige Unterbrechung durch Werbung ausgestrahlt wurde. Und wenn die Werbung fehlt, Leute, wird’s wirklich ernst. Auch das ist ein starkes Zeichen.

Nicht wenige Zuschauer werden eingeschaltet haben, um sich, wie von den TV-Zeitungen angekündigt, mit “Django Unchained” einen schönen Abend zu machen. Leute, die nicht notwendigerweise die “NSU-Protokolle” von Annette Ramelsberger oder “LTI” von Victor Klemperer auf dem Nachttisch liegen haben.

Stattdessen ging’s kopfüber in den Kaninchenbau des Rechtsextremismus. Bisweilen ist das behäbig, nach allen Regeln des Genres viel zu lang und Kennerinnen der Szene ohnehin alles längst bekannt. Dennoch ist es in genau dieser Form, auf diesem Sendeplatz und zu diesem Zeitpunkt sensationell.

Ins rechte Milieu – und quer durch seine Geschichte

Als Journalist hat Thilo Mischke zuvor viel über Sex gemacht, dann noch mehr über Sex, dann war er für ProSieben in Syrien und hat über eine andere menschliche Seltsamkeit gutes Fernsehen gemacht: die Gewalt. Diesmal hat er 18 Monate recherchiert und führt nicht nur ins rechte Milieu, sondern auch quer durch seine Geschichte.

Im sächsischen Ostritz besucht er ein Rechtsrockkonzert von deprimierender Piefigkeit. Mischke sagt das auch. Die Subkultur, die man da zu sehen bekommt, gab es genau so schon Anfang der Neunzigerjahre. Nicht cool. Der Journalist führt hier keine gesichtstätowierten Freaks vor. Er möchte einfach gern verstehen, was diese Leute umtreibt.

Eine Szene macht diesen Ansatz deutlich, da steht Mischke in Dresden bei Pegida, wie bestellt und nicht abgeholt. Ratlos schaut er sich um: “Es stehen auch schon relativ viele um uns rum, das sieht immer so aus, als würde man sich unterhalten wollen”. Will dieser Herr hier vielleicht? Nein, der will ihn nur angreifen, wie Mischke nach dessen Übergriff verdutzt feststellt: “Ein Mann kennt seine Grenzen nicht mehr und will mir ins Gesicht greifen. Was bedeutet das?”

Der Wert des jüdischen Lebens? “Kein Kommentar”

Also trifft der Reporter einen jungen Rechtsradikalen, der sich um einen smarten Auftritt bemüht – und in seiner milchbubenhaften Hilflosigkeit beinahe rührend wirkt, wenn er auf die Frage nach dem Wert jüdischen Lebens mit roten Ohren mit “kein Kommentar” antwortet. Einmal darf der angebliche Posterboy deutscher Jungnazis in Zeitlupe in die Kamera schauen, nur dezent von suggestiven Klängen in Moll begleitet. Es ist so traurig, alles.

Fröhlichkeit verbreitet allein Mischke selbst. Was auch an seinem offenen Interview-Stil liegt. Man spürt die Reserve seiner Gesprächspartner. Und man kann zuschauen, wie sie dahinschmilzt. Mischke spielt nicht den empörten Sozialkundelehrer. Er fliegt moralisch so tief an, dass er beinahe die Baumwipfel berührt. Wie ein großer Bruder, Neffe, Onkel, der aus dem Staunen kaum herauskommt. Echt? Nazi? Ey, wieso das denn? “Ist die Idee des Nationalismus nicht etwas total Rückständiges?”

Dabei hält Mischke mit seiner eigenen Haltung nicht hinter dem Berg, im Gegenteil. Auf dem Konzert in Ostritz trägt er ein Regenbogenarmband. Zur Neonazi-Gedenkdemo, in Dresden kreuzt er mit einem rosafarbenen Schal auf. Und dem faschistischen Kampfsportler sitzt er im “Muhammad Ali“-Hoodie gegenüber.

Den rechtsextremen Kampfsportler fragt Mischke, wie er in die Szene geraten ist. Über rechte Hooligans? “Fandest du die nie doof? Ich fand die ganze Idee damals doof!”, und: “Erklär mir die Faszination an dieser rechten Ideologie!” Und der gibt sich wirklich Mühe und klingt, als paraphrasiere er Klaus Theweleit: “Weil’s Stärke ausstrahlt. Die ganze Ideologie strahlt Stärke aus”. 

“Die werden danach, im neuen Deutschland, nicht mehr glücklich”

Bei einer extremistischen Kleinstpartei aus Dortmund steht er im Gerümpelraum für das Merchandising, überall leere Amazon-Schachteln, und staunt über einen Stoffbeutel mit “HKNKRTZ”-Aufdruck. Wie man mit dergleichen denn Geld verdienen könne? “Da stehen Buchstaben!”, stottert da Nazi, das könne alles bedeuten.

Diese “pennälerpubertierende Witzigkeit”, sagt Mischke an anderer Stelle, raube ihm wirklich den Nerv. Weil er es doch gern verstehen würde. Was wäre mit Leuten wie ihm, Mischke, der diese Meinungen nicht teilt? “Die werden danach, im neuen Deutschland, nicht mehr glücklich”. Oder müssten eben in die “Opposition, das, was wir auch sind” mit allen sozialen, beruflichen und biografischen Nachteilen.

Rhythmisiert wird “Rechts. Deutsch. Radikal” durch Aussagen von Thomas Haldenwang, Präsident des Verfassungsschutzes, über die Gefahr des Rechtsradikalismus für unsere Demokratie. Und durch Gespräche mit Experten, die das Gesehene jeweils einordnen. Auflockernd auch erhellende Nahaufnahmen, die bei einer Langzeitstudie eben anfallen. Etwa der anonyme Besucher einer AfD-Wahlparty beim einsamen Grölen: “AfD, AfD, AfD, Grüne weg, Grüne weg! Nur zehn Prozent? Luschen!”

Überhaupt wird die Dokumentation immer besser, je heutiger sie wird. Je mehr sie sich dem rechtsextremen Hebel im Parlament nähert, der AfD. In Potsdam trifft Mischke Dennis Hohloch, dem sein “Freund” Andreas Kalbitz später einen Milzriss verpassen wird. Wichtiger ist die neurechte Influencerin Lisa Licentia.

Gespräch zwischen Lisa Licentia und Christian Lüth

Da kommt für den fleißigen Reporter – und den Zuschauer – dann wirklich Glück dazu. Wir sind nicht mehr im traurigen Ostritz, sondern im Bundestag. Licentia gehört zu den “freien” Youtubern, mit deren Hilfe die AfD ihre Botschaften unter das Volk bringt. 40.000 Abonnenten, emotionale Ansprache, Angst vor dem Islam und um die Kinder.

Schon vor der AfD-Pressekonferenz sagt die Frau, es “sind nicht alle wahnsinnig” in der AfD – kurz bevor Mischke von einem anderen “Infokrieger”, dem man zuvor beim sich Betrinken zuschauen kann, aggressiv bepöbelt wird. Kurz danach bricht Licentia vor Mischke zusammen. Sie wollte “die ganze Scheiße nie”, das gefährde ihre Kinder und sei vollkommen aus dem Ruder gelaufen.

Später wird sie erklären: “Ich bin nur am Kommentare löschen”, auf manche ihrer Beiträge gebe es “maximal zehn Prozent, die irgendwie vertretbar waren”. Sie selbst werde aufs Ungeheuerlichste beschimpft: “Ich weiß, wenn das Ganze ausgestrahlt wird, dann habe ich niemanden mehr”.

Licentia trifft sich mit Christian Lüth, langjähriger AfD-Pressesprecher. In der Sendung wird sein Name nicht genannt, das heimlich Mitgefilmte aus rechtlichen Gründen nachgesprochen. Der Mann will die Frau mit seiner Wichtigkeit beeindrucken, telefoniert mit Alexander Gauland, und sagt Sätze, die ihm selbst Mischke nie würde entlockt haben können.

 “Je schlechter es Deutschland geht”, führt Lüth aus, “desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder”. Eine Strategie, die “Mit Gauland lange besprochen sei”. Je mehr Migranten, umso besser, denn die könne man “nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst”.

Gauland hat inzwischen dementiert und die Partei den Mann “wegen menschenverachtender Äußerungen” von seinen Aufgaben entbunden.

Was nichts am Problem ändert, auf das diese Dokumentation so eindringlich hinweist. Sie zieht eine Linie des Rohen, Dummen und Gewalttätigen, vom bierseligen Verlierer auf dem Rechtsrockkonzert bis zum machtbesoffenen AfD-Karrieristen im Bundestag. 

Das ist Journalismus. Genau der Journalismus, den es in einem “neuen Deutschland” nicht mehr geben würde.

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