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“Raised by Wolves” – Serie von Ridley Scott: Dieser Garten Eden ist kein Paradies




Szene aus


Szene aus “Raised by Wolves” mit “Vater” (Abubakar Salim) und “Mutter” (Amanda Collin): Andoiden spielen Adam und Eva.


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Coco Van Oppens / TNT


Wäre es nicht schön, wenn man seine Kinder in diesen irrationalen Zeiten von freundlichen Robotern großziehen lassen könnte, Kreaturen, die nur den Gesetzen der Logik und Vernunft folgen, frei von Geschlechter- und Gesellschaftskonflikten? “Raised By Wolves”, eine neue Serie des US-Senders HBO Max (ab Mittwoch bei TNT Serie), nimmt diese Idee als Ausgangspunkt für ein futuristisches Schlachtengemälde um Schöpfungs-, Glaubens- und Erziehungsfragen.

Zwei Androiden, “Mutter” und “Vater” genannt, bruchlanden in ferner Zukunft, nach der irdischen Apokalypse, auf einem kargen Planeten, um dort mittels künstlicher Befruchtung mitgebrachter Embryonen die menschliche Zivilisation neu zu starten. Doch dieser streng atheistische Garten Eden ist kein Paradies: Die Kinder, bis auf den kleinen Campion (Winta McGrath), werden krank und sterben – und die sanftmütige Robo-Mama (Amanda Collin) wird zum schrillenden Terminator-Todesengel, als eine Arche voller technologiefeindlicher Kreuzritter im Orbit auftaucht.

Co-Produziert wurde “Raised by Wolves” von Science-Fiction-Koryphäe Ridley Scott (“Alien”, “Blade Runner”), der auch die ersten beiden Episoden selbst inszenierte. Erdacht wurde die Serie von Aaron Guzikowski, der sich einen Namen als Drehbuchautor von Denis Villeneuves Elternrache-Drama “Prisoners” gemacht hat. Aber es ist natürlich Scotts Beteiligung, die für Spannung sorgt: Sind die Androiden etwa mit den künstlichen Menschen aus Scotts “Alien”-Saga verwandt? Lässt sich “Raised by Wolves” mit dem Original von 1979, “Prometheus” oder “Covenant” in Verbindung setzen? Geschickt spielt Scott mit dieser Erwartungshaltung: Die Roboter “bluten” genauso milchig und verhalten sich ebenso quasi-menschlich, aber eben doch unheimlich, uncanny, wie ihre Vorbilder “David” oder “Ash” aus Scotts “Alien”-Filmen.



Begräbnis-Zeremonie mit

Begräbnis-Zeremonie mit “Mutter” und “Vater”: Geht es auch ohne Glaube, Liebe, Hoffnung?


Foto: Coco Van Oppens / TNT

Nach drei Episoden, die bisher zu sichten waren, scheinen sich die Parallelen zu Scotts früherer Science-Fiction allerdings eher auf der Meta-Ebene als im Plot abzuspielen. Das Milchblut von “Mutter” dient als Nährlösung für die Föten, aus denen eine schön diverse Kinderschar wird. Die frömmelnden, mit ihrer Arche abgestürzten Menschen, Mithraiker genannt, geraten in Ekstase, als einer von ihnen in den Trümmern ihres Raumschiff-Wracks einen Milch-Kanister ansticht, aus dem es sprudelt, wie aus einem Jungbrunnen oder dem heiligen Gral. Wer sind also die göttlichen Schöpfer? Waren es Kunstwesen, die den Menschen designten – oder war’s andersherum? Ist die dystopische Zukunft, in der Scotts Monster- und Maschinen-Geschichten über das Wesen der Humanität spielen, eigentlich die Vergangenheit der Menschheit?

Kindererziehung wird zum Glaubenskrieg

Die Frage der Kindererziehung wird dabei zum Glaubenskrieg: Campion ist es strikt verboten, sich aus Kummer um die verstorbenen Geschwister in religiöse Fantasien zu flüchten; “Mutter” selbst aber beschwört gegenüber den Kindern immer wieder den de facto göttlichen Auftrag ihrer unbekannten Erschaffer – und holt fiebrige Visionen aus den Tiefen ihrer KI hervor, die man als Epiphanien bezeichnen könnte.

Ohne Glaube, Liebe Hoffnung, ahnt man, scheint am Ende doch kein Leben zu fruchten. Dafür spricht auch der unermüdlich Witze erzählende “Vater” (Abubakar Salim), dem in der Androiden-Elternschaft die Rolle des physisch unterlegenen, aber sympathisch empathischen Kümmerers zufällt, wenn die an David Bowie in seiner bleichen “Aladdin Sane”-Phase erinnernde Mutter mal wieder zur Furie wird.

Gegen diese von den Menschen abergläubisch “Necromancer” getaufte Erzengel-Gestalt, die sich mit ausgebreiteten Armen in die Luft erhebt wie eine Mischung aus Terminator und “Metropolis”-Maria, um ihre Brut mit Killerblick und Banshee-artigem Geheul zu verteidigen, haben die auf dem Planeten gestrandeten Glaubenskrieger kaum eine Chance. Sie werden ebenso zu rotem Blutnebel zersplattert wie die wilden Tiere, die das Farmgelände heimsuchen. Tatsächlich sind die diskursiven Verhandlungen der Roboter untereinander aber auch sehr viel interessanter als die parallel erzählte Geschichte eines Menschenpärchens mit eigenen ideellen, identitären und elterlichen Konflikten.

Sollte der göttliche Ridley-Funke der bildstarken und intellektuell stimulierenden ersten Episoden im weiteren Verlauf einer konventionellen Action-Dramaturgie weichen, wird es “Raised by Wolves” schwer haben, zwischen vertrauten Motiven aus “Westworld”, “The Handmaid’s Tale”, “Star Wars” und “I Am Mother” einen originären Sound und Look zu finden. So viel scheint absehbar in dieser allegorisch überfrachteten Dystopie: Die Kids, wenn sie überleben, müssen im blutigen Kulturkampf zwischen der technokratischen Helikopter-Mom und dem Furor der Fundamentalisten wohl eigene kreative Wege finden. In den späteren Episoden führt unter anderem Ridley Sohn Luke Scott Regie.

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