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Reeperbahn Festival in Corona-Zeiten: Erster Abend mit International Music und Jettes




Auftritt von Blvth auf dem Spielbudenplatz beim Reeperbahn Festival in Hamburg-St. Pauli: Die Konzertbesucher stehen auf Platzaufklebern


Auftritt von Blvth auf dem Spielbudenplatz beim Reeperbahn Festival in Hamburg-St. Pauli: Die Konzertbesucher stehen auf Platzaufklebern


Foto: Marvin Contessi

“Don’t let the fuckers get you down!” Solche Sätze hört man einen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium eher selten öffentlich sagen. Aber Wolfgang Schmidt hatte am Mittwochabend im Operettenhaus an der Hamburger Reeperbahn eine gute Entschuldigung fürs Fluchen: Das Zitat ist eine Songzeile der Londoner Band Savages – und insofern passend für eine Rede zur Eröffnung eines Musikfestivals.

Zum anderen spricht aus der “Fuckers”-Zeile der gewisse Trotz, mit dem das Reeperbahn Festival 2020 in Hamburg durchgezogen werden soll. Der Bund und die Stadt Hamburg unterstützen das sowieso schon subventionierte Festival für seine diesjährige Corona-Ausgabe zusätzlich, 800.000 Euro gibt es vom Bund, die Stadt erhöht ihren Beitrag um eine halbe Million. Staatssekretär Schmidt vertrat den erkälteten Vizekanzler Olaf Scholz, der ausrichten ließ, dass er hoffe, das Festival zeige einen Weg auf, “wie es trotz Virus gute und sichere Konzerte und Events geben kann – denn eins ist klar: Wir alle vermissen das sehr schmerzlich.”



Reeperbahn-Festival-Eröffnung im Operettenhaus: Den Sorgen trotzen

Reeperbahn-Festival-Eröffnung im Operettenhaus: Den Sorgen trotzen


Foto: Fynn Freund

Solche Sätze hört man und nickt, wenn man sich bewusst wird, dass sich in den vergangenen Wochen immer öfter Szenen aus Konzerten in die nächtlichen Träume gemischt haben. Ja, die Sehnsucht danach ist da. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda hat natürlich auch ein passendes Zitat, er ist in der Szene der Hansestadt bekannt dafür, Songzeilen zu referieren. “Be afraid, be very afraid”, beschwört er mit dem Country-Rock-Songwriter Jason Isbell, “but do it anyway”.

So steht man dann mit Maske und Abstand in der Schlange vor dem traditionsreichen Klub Grünspan, eine Dreiviertelstunde vor Konzertbeginn, weil die besonderen Einlassbedingungen Zeit brauchen, zum Beispiel die Registrierung für die Nachverfolgung im Fall eines Falles. Und prompt erscheint auf dem Handy die Push-Nachricht, dass einer Bar im Hamburger Schanzenviertel mehrere positive Corona-Fälle zugeordnet werden und Gäste falsche Angaben hinterlassen haben. Be afraid, be very afraid.

But do it anyway: Hier an der Grünspan-Tür registriert man sich mit einer App oder zeigt seinen Personalausweis vor. Dann wird man an seinen Sitzplatz geführt, zwei Plätze daneben bleiben zu jeder Seite frei. Am Platz darf die Maske abgenommen werden, und schon kommt einer vom Tresenpersonal und fragt, was man trinken mag. Überhaupt ist der Ton, der ja in solchen Clubs manchmal etwas ruppiger sein kann, auffallend höflich. Geduldig erklärt der muskulöse Securitymann die Einbahnstraßenregelung auf dem Weg zur Toilette.



Bestuhlung im Grünspan (beim Auftritt des österreichischen Sängers Voodoo Jürgens am späteren Abend): Die Strobos tanzen, als habe auch der Lichtmensch etwas nachzuholen

Bestuhlung im Grünspan (beim Auftritt des österreichischen Sängers Voodoo Jürgens am späteren Abend): Die Strobos tanzen, als habe auch der Lichtmensch etwas nachzuholen


Foto: Georg Wendt / picture alliance / dpa

Könnte man sich an so etwas gewöhnen? Eine Konzerterfahrung ohne die stinkende Lederjacke des Nachbarn vor der Nase, ohne den Hinterkopf des Zweimetertypen vor sich, ohne das Gedrängel und das Übersehenwerden an der Bar? Klar ist: Ökonomisch könnte so eine Art von Konzert – abseits vom subventionierten Festival – eigentlich nur als Luxus-Event funktionieren, bei so viel mehr Personalaufwand und so viel weniger zahlenden Gästen.

Und atmosphärisch? Inzwischen sind International Music auf der Bühne, die Band aus Essen mit dem ungooglebaren Namen, den konzentrierten Songs und den versponnenen Texten. Es tut gut, mal wieder den Bass zu spüren, selbst wenn man dabei sitzt, mit dem Kopf nicken und mit dem Fuß tappen geht ja immerhin. Trockennebel und Stroboskoplicht werden so großzügig eingesetzt, als habe auch der Lichtmensch etwas nachzuholen.

Pedro Goncalves Crescenti, der Bassist und einer der beiden Sänger der Band, spricht von einer Cabaret-Stimmung und wackelt ein bisschen mit dem Po, Gelächter, zwischen den Lieder viel Applaus, hier und da die üblichen “Wooh!”-Rufe – aber, ach, die Aerosole? Zum Abschluss sagt Goncalves mit dieser Ruhrpott-Lakonie in der Stimme: “Wir schaffen das schon gemeinsam, ne? Wir machen uns das schön.”



International Music aus Essen: Gut, mal wieder den Bass zu spüren

International Music aus Essen: Gut, mal wieder den Bass zu spüren


Foto: Alfred Jansen

Sich nach dem Konzert mit der Band zu treffen, das geht nicht im Backstage-Raum; der muss schnell wieder verlassen werden, damit alles vor dem nächsten Act desinfiziert werden kann. Im Hof, wo die Bandbusse parken, erzählen International Music, wie sich ihr erstes Konzert seit zehn Monaten angefühlt hat. Der Energieaustausch zwischen Band und Publikum, sonst so wichtig, der war subtiler als sonst, erzählt Gitarrist Peter Rubel.

Die Musiker hatten extra die etwas sphärischen Lieder für die Setliste ausgewählt – und warfen sie zwischendurch um, “weil wir Lust auf Rock bekamen”. Auch bei ihnen bekommen Songzeilen in der ungewöhnlichen Situation einen neuen Beiklang: “Es war sehr leise, jetzt wird es laut, alles ist noch aufgebaut” – das taugt plötzlich als Motto.

Normalerweise prägt das Reeperbahn Festival vier Tage lang das Straßenbild im Stadtteil St.Pauli. 2019 kamen 50.000 Besucher, die abends von Club zu Club eilten, mal hier, mal dort hereinschauten und sich überraschen ließen. Dazwischen die Fachbesucher mit ihren Namensschildern um den Hals – 5900 gab es letztes Jahr. Dieses Jahr findet der Fachkongress rein digital statt, und an Konzertbesuchern sind nur 2500 pro Abend zugelassen.



Daði Freyr singt auf der Spielbudenplatz-Bühne - vor einer Handvoll Zuschauer

Daði Freyr singt auf der Spielbudenplatz-Bühne – vor einer Handvoll Zuschauer


Foto: Marvin Contessi

Auf dem Spielbudenplatz, sonst ein Zentrum des Festivalgeschehens, sehen nur ein paar Verstreute dem Isländer Daði Freyr dabei zu, wie er seinen Disco-Song “Think About Things” singt, mit dem er beim Eurovision Song Contest hätte auftreten sollen. Wie viele Punkte aus Deutschland Barbara Schöneberger dafür von dieser Stelle aus wohl hätte verkünden können? 

Noch mehr “hätte” und “würde” am anderen Ende der Reeperbahn: Das Molotow ist normalerweise eine Art Reeperbahn Festival im Kleinen – vier Bühnen, zwischen denen man hin und her springen kann. Diesmal sind nur zwei geöffnet, der Hauptsaal und der Backyard, die Hinterhofbühne unter freiem Himmel, in der normalerweise einem im Laufe eines Festivalabends viele der Bekannten, die auch unterwegs sind, über den Weg laufen.



Desinfektionsmittelspender beim Reeperbahn Festival:

Desinfektionsmittelspender beim Reeperbahn Festival: “Tanzlustbarkeiten” verboten


Foto: Georg Wendt / picture alliance / dpa

Solche Zufallsbegegnungen sind 2020 zwangsläufig seltener. Auch in den Backyard werden nach Schlangestehen und Händedesinfizieren nur wenige zugelassen – und diese gebeten, auf den Boden geklebte Punkte aufzusuchen, wo man stehen darf, mitwippen, vielleicht sogar ein bisschen tanzen, solange es nicht in “Tanzlustbarkeiten” ausartet, die sind nämlich laut Hamburger Verordnung derzeit verboten.

Auf der Bühne stehen die Jettes, die Berliner Band um die Gurr-Sängerin Laura Lee und den US-Musiker Melody Connor. Sie spielen die Sorte Garagen-Rock, wie sie im Molotow seit 30 Jahren und hoffentlich auch noch in 30 Jahren gespielt wird: ohne große Innovation, aber mit sehr viel Energie. Es fühlt sich fast normal an, wie bei einem spärlich besuchten Klubkonzert eben. Zum Abschluss spielen Jettes einen Klassiker des Indie-Rock, den Song “Gigantic” von den Pixies. Man wippt auf seinem Aufkleberpunkt und ertappt sich dabei, mitzusingen. Nicht aus Trotz, nein: einfach wegen der Musik.

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