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Reka-Dorf im Appenzeller Land: Berge für Zwerge

Wir sind noch keine zwei Kilometer weit gewandert, als das Kind die Marschroute ändert. “Ich will nach Hause”, ruft es. “Jetzt. Bitte.” Zugegeben, die Bedingungen für eine Wanderung sind gerade eher mäßig: Es gießt seit einer Viertelstunde, unsere Jacken sind feucht, und von den Rucksäcken rinnt das Wasser auf die Hosen. Sogar in dem von einer Plastikplane ummantelten Buggy stehen kleine Wasserlachen.

Trotzdem versuchen wir tapfer, das Kind mit Aussicht auf den Bergbauernhof bei Laune zu halten. “Da sind ganz viele Kühe, die freuen sich schon auf dich”, sage ich. Aber keine Chance: “Neeee”, protestiert die Zweijährige. “Ich will nach Hause.”



Wandern mit Kind: Im Reka-Dorf im Appenzeller Land

Foto: Claas Nagel

Wandern mit Kind: Im Reka-Dorf im Appenzeller Land

Na gut. In Wirklichkeit haben ja auch wir keine Lust, noch länger durch den Regen zu laufen. Wir wenden den Buggy und wandern das kurze Stück zurück nach Urnäsch. Unser Zuhause ist eine Wohnung im Reka-Feriendorf, trockene Klamotten und Ovomaltine-Schokolade warten schon auf uns.

Außerdem gibt es auf dem Reka-Gelände Ställe mit Ponys, Ziegen, Hühnern und Kaninchen, ein kleines Hallenbad, zwei Spielplätze, eine Matschstation und einen Fuhrpark mit Tretrollern, Treckern, Bobbycars und Laufrädern. Als wir dort einrollen, lässt passenderweise der Regen nach – und das Kind hüpft aus seinem Buggy zu einem Bobbycar mit Anhänger. “Ich fahre barfuß”, verkündet es und wirft die Gummistiefel weg.

Eine Ziege namens Emmi und das Pony Mira

Die genossenschaftlich organisierte Schweizer Reisekasse (Reka) setzt auf nachhaltigen Tourismus. Zwölf Reka-Feriendörfer gibt es in der Schweiz, alle sind mitten im Grünen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Unseres liegt in Urnäsch in den Appenzeller Alpen in der Ostschweiz. Von unserer Ferienwohnung schauen wir auf Wiesen, auf Kühe, Schafen, Ziegen – und auf die Dorfkäserei. Manchmal rollt ein Zug vorbei, man hört ihn kaum.

Die Schweizer sind ja in allem, was sie tun, sehr unaufdringlich – weshalb es in unserem Feriendorf auch praktisch nie laut wird. Denn die meisten Gäste in den 50 Ferienwohnungen sind Schweizer, das Appenzeller Land samt seinem Käse und den vielen Wanderwegen reizt sie offenbar auch.

“Aber man kann hier gut auch einfach mal einen Tag im Dorf bleiben”, sagt Hanskoni Frischknecht, 46. Er sitzt auf der Terrasse vor dem Gemeinschaftsraum, wo gerade der große Familienabend mit Älplermagronen und Apfelmus zu Ende gegangen ist. Frischknecht leitet das Feriendorf zusammen mit seiner Frau Elisabeth seit der Eröffnung 2009. Er ist Manager, Hausmeister und guter Geist für Mensch und Tier.

In dem kleinen Bauernhof des Reka-Dorfs werden zweimal täglich Ponys, Ziegen, Hasen und Hühner gefüttert. Die Kinder dürfen beim Ausmisten helfen, Futter verteilen und die Tiere striegeln und streicheln. Unsere Tochter hat am zweiten Tag ihr Herz an eine junge Ziege namens Emmi verloren und am dritten an Mira, ein geschecktes Pony. “Mira ist jetzt meine Freundin”, verkündete sie. Die Freundschaft entstand beim Ponyreiten. Wir waren dabei nur Zaungäste, extra zahlen mussten wir nicht fürs Reiten.

Auch die Grillstellen am Fluss stehen allen Familien kostenlos zur Verfügung. Die Bratwürste muss man beim Dorfmetzger selbst kaufen, klar. Aber das Holz liegt schon bereit. Und als mein Mann das Feuerzeug zücken will, winkt ein anderer Vater ab: Er habe sich gerade den Abenteuerrucksack an der Rezeption ausgeliehen. Jetzt wolle er zusammen mit seinem vierjährigen Sohn Feuer wie anno dazumal machen: mit einem Feuerstein und viel Geduld.

Schweizer Firmen vergeben Reka-Schecks

Wer Urlaub in einem Reka-Feriendorf macht, darf keinen Luxus erwarten. Die Wohnungen sind groß, modern und mit viel hellem Holz eingerichtet. Doch die Mahlzeiten muss man selbst zubereiten, außerdem den Müll trennen und entsorgen und am Ende des Urlaubs die Betten selbst abziehen. Dadurch bleiben Ferien bei der Non-Profit Organisation im Vergleich zu anderen Urlaubsdomizilen in der Schweiz relativ erschwinglich.

Immer schon drin im Preis sind Schwimmbad, Kinderbetreuung und ein bisschen Gemeinschaftsgefühl. Auch Mountainbuggy und Kraxe werden für Familien mit Kleinkindern kostenlos zur Verfügung stellt. Zahlreiche Schweizer Firmen geben an ihre Angestellten Reka-Schecks aus, mit denen die sich über das Jahr eine Art Ferienguthaben aufbauen können.

Viele seiner Gäste seien schon zum zweiten oder dritten Mal in Urnäsch, sagt Hanskoni Frischknecht, manche sogar zum zehnten und elften. “Die sind hier einfach happy.” Warum? “Weil die Welt hier noch heil ist.” Immerhin: Der Massentourismus ist am Appenzeller Land irgendwie vorbeigezogen. Die Einheimischen pflegen ihr Brauchtum, feiern Alpabfahrten und “Stobete”, Sennenfeste mit Streichmusik. “Das ist auch für Schweizer attraktiv, viele Städter kennen unser Brauchtum ja nicht mehr”, sagt Frischknecht.

Bei uns vor der Haustür sind die Berge noch rund, eher gemütliche Hügel als große Herausforderungen. Das passt uns gut in den Kram: Mit einer Zweijährigen im Gepäck ist man schon froh, wenn man eine zwei Kilometer lange Wegstrecke in weniger als einer Stunde schafft. Für kleine Stadtkinder sind die Berge ja nichts anderes als ein großer Abenteuerspielplatz: Wiesen mit Blumen und Schmetterlingen, Wälder mit Brombeersträuchern, auf jedem Hügel grasende Kühe – es gibt ständig etwas zu sehen und zu sammeln auf dem Weg.

Top Ausblick aus der Kraxe

Am nächsten Tag wollen wir von dem Örtchen Stein über ein paar Höhen und Tiefen am Kloster Wonnenstein vorbei bis zu dem Freibad in Teufen wandern. Den ersten Kontakt mit Wasser haben wir schon nach einer knappen Stunde: Dort, wo Rotbach und Sitter zusammenfließen, ist eine Badestelle. Das Kind sammelt Kiesel und spielt im eiskalten Wasser. Wir holen derweil das Picknick aus unseren Rucksäcken, essen Käse von den Urnäscher Hornkühen, dazu Weggli und Laugenbrötchen vom Dorfbäcker.

Danach ist der Rucksack deutlich leichter, die Kraxe aber umso schwerer. Das Kind hat nach dem Baden genug vom Wandern und lässt sich lieber durchs Panorama tragen. Es mag den Ausblick in der Kraxe sehr – vielleicht weil es sonst selten die Gelegenheit hat, die Welt von oben zu betrachten. Es giggelt jedenfalls, pfeift mit den Vögeln um die Wette. “Ich mache Urlaub in den Bergen”, ruft es anderen Wanderern zu. Und dann schläft es ein.  

Wir hatten uns für diese Ferien nichts Aufregendes vorgenommen. Wir sind einfach froh, endlich wieder Grenzen überschreiten zu dürfen und auf Berge kraxeln zu können. Erfreut stellen wir fest, dass es hier in der Ostschweiz längst nicht so überlaufen ist wie an der deutschen See.

Als Highlight für den letzten Tag haben wir uns den Säntis aufgehoben. Der 2501 Meter hohe Gipfel ist das Aushängeschild des Appenzeller Landes. Eine riesige blaue Gondel schwebt an der felsigen Steilwand vorbei auf den Gipfel. Oben weht ein kühler Wind, aber die Aussicht ist top. Links macht sich der Bodensee breit, rechts stechen die unzähligen Spitzen wie ein blauschwarzes Schattenvolk in den Himmel, und ganz hinten am Horizont tragen die Berge Mützen aus Schnee.

Das Kind ist vom Panorama allerdings längst nicht so begeistert wie wir. Auch die neue, schick gemachte Klima-Erlebniswelt am Gipfel lässt es eher kalt. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir ein paar Tage zuvor die Appenzeller Schaukäserei besichtigt haben – und das Kind jetzt denkt, jedes Museum sei so attraktiv wie das vom Käse. Dort konnte man durch große Glasfenster zwei Käsern bei der Arbeit zuschauen und 12.000 Käselaiben beim Reifen. Ein Roboter drehte die Laibe fix von links nach rechts. Außerdem gehörte zum Eintritt ein Degustationpaket, ein aufblasbarer Käse und ein Extra-Schlüssel für geheime Türen. Unser Kind kam aus dem Staunen kaum heraus.  

Es erzählt noch vom Käse, als wir längst schon wieder zu Hause sind – in dem echten, in der grauen Großstadt. “Mama, ich will noch mal ins Käseland”, sagt es in regelmäßigen Abständen, manchmal auch “Ich will wandern” oder “Ich will Emmi streicheln”. “Wanderferien mit einer Zweijährigen hinterlassen offenbar bleibende Eindrücke”, sagt mein Mann zufrieden.

Ich nicke und denke an den Kraxenmuskelkater, den ich noch eine Woche nach dem Urlaub in den Beinen gespürt habe. 

Stéphanie Souron ist freie Autorin für den SPIEGEL. Diese Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.

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