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Schriftsteller Aldous Huxley: Sterbehilfe mit LSD

Der 22. November 1963 geht in die US-Geschichte ein. Es ist der Tag, an dem laut offizieller Schilderung Lee Harvey Oswald um 12.30 Uhr im Texas School Book Depository in Dallas mit seinem Repetiergewehr anlegt und wenige Augenblicke später John F. Kennedy in seiner offenen Limousine auf der Dealey Plaza erschießt.

Das zweite denkwürdige Ereignis, das sich fast zur gleichen Zeit in Los Angeles ereignet, wird dadurch zur Randnotiz. Still und leise stirbt dort der Schriftsteller Aldous Huxley. Kurz nachdem die Schüsse auf Kennedy verklungen sind, setzt Laura Huxley ihrem sterbenden Ehemann, der nichts mehr von dem Mord in Dallas erfährt, ebenfalls zwei Schüsse, zwei ausgesprochen leise Schüsse: intramuskulär verabreichtes LSD.

In einem bewegenden Brief schildert Laura Huxley kurz darauf die letzten Tage ihres Mannes und ihren gemeinsamen Weg an die Pforte des Todes. Sie ist überzeugt, dass Aldous’ Ende nicht nur für sie von Bedeutung ist; es sei Beleg für die Richtigkeit der in seinem letzten Roman “Island” entworfenen Vision menschlichen Zusammenlebens – und für die heilsame Wirkung zielgerichtet eingesetzter Psychedelika. Laura will die Todesumstände daher öffentlich machen, obwohl ihr die Folgen bewusst sind. An Huxleys älteren Bruder schreibt sie: “Es wird Menschen geben, die sagen werden, er sei sein ganzes Leben lang ein Drogensüchtiger gewesen und sei auch als solcher geendet, aber die Geschichte bezeugt, dass Huxleys Ignoranz stoppen, bevor Ignoranz Huxleys stoppen kann.” Die mutige Frau, die sich über Tabus und Vorurteile ihrer Zeit hinwegsetzt, wird mit ihrem Mann zu einer Pionierin des Einsatzes psychedelischer Substanzen in der Sterbebegleitung.

Der Dichter und seine Drogen

Der Tod auf LSD war nur auf den ersten Blick eine spontane Entscheidung. Aldous und Laura Huxley hatten in den Monaten zuvor oft darüber gesprochen. Aldous litt an Kehlkopfkrebs. Er hatte starke Schmerzen, nahm Medikamente mit extremen Nebenwirkungen. Trotzdem plante er bereits seinen nächsten Trip. Es musste ihm nur ein bisschen besser gehen. Er wollte es genießen können.

Gemeinsam mit Laura las er vorbereitend “The Psychedelic Experience”, die gerade erschienenen Anweisungen zur Durchführung einer psychedelischen Reise basierend auf dem tibetischen Totenbuch, verfasst von dem frisch aus Harvard entlassenen Psychologen Timothy Leary und dessen Kollegen Richard Alpert und Ralph Metzner.

Das tibetische Totenbuch wird traditionell Sterbenden und Toten vorgelesen, um deren Seelen auf ihren Reisen durch das Jenseits zu leiten. Wie das echte Totenbuch sollen die psychedelischen Anweisungen dem Berauschten vorgelesen werden, um ihn heil durch die Gefilde des Unbewussten zu führen. Huxley bat seine Frau, sie solle ihn bei Gelegenheit erinnern, dass diese Interpretation des Totenbuches ausschließlich darauf ausgelegt sei, Menschen von einem Trip zurück in die Alltagswelt zu bringen, nicht Sterbende hin zum ewigen Licht. Nicht, dass er während des Trips irgendwas verwechsle. Von seinem nahenden Tod wollte er nichts wissen.

Halluzinogene Substanzen hatten das Leben und Wirken des Schriftstellers in den Jahren vor seiner Krankheit gehörig durcheinandergewirbelt. Sie hatten den Autor des dystopischen “Brave New World” in den Verfasser des utopischen “Island” verwandelt.

1953 nahm Aldous unter Aufsicht des Psychiaters Humphry Osmond zum ersten Mal Meskalin, später auch LSD. Gemeinsam prägten sie den Begriff “psychedelisch” – die Seele offenbarend. Seine Erfahrungen fanden sich unter anderem in den Essays “The Doors of Perception” und “Heaven and Hell”. Im Zentrum seines letzten Romans “Island” steht die psychedelische Moksha-Medizin. Moksha ist ein Begriff aus dem Hinduismus, der die Erlösung bezeichnet. In dem Roman geht es zentral auch um den Tod. Und um psychedelische Sterbebegleitung, von deren Nutzen Huxley aus ganzem Herzen überzeugt war. Nicht nur sein eigenes Ende, auch Studien auf dem Gebiet scheinen ihm recht zu geben.

In ihrem Buch “Die Begegnung mit dem Tod” aus dem Jahr 2000 geben der Psychiater Stanislav Grof und die Anthropologin Joan Halifax folgende Liste möglicher positiver Effekte der psychedelischen Therapie bei Sterbenskranken: “Die ausgeprägtesten therapeutischen Veränderungen wurden in den Bereichen Depression, Angst und Schmerz beobachtet, dicht gefolgt von den mit der Angst vor dem Tod zusammenhängenden Symptomen.” Allerdings wirkt die psychedelische Sterbebegleitung nicht auf jeden Menschen so beglückend wie auf Aldous Huxley. Mögliche Kontraindikationen sind laut Grof und Halifax vor allem schwere Herz- und Gefäßprobleme, ernsthafte Erkrankungen des Gehirns, drastische psychische Probleme sowie Epilepsie.

Huxleys Fall ist insofern eine Ausnahme, dass er tatsächlich während der Wirkung der Substanz starb. In der Regel geht die psychedelische Sterbebegleitung mit intensiver psychologischer Betreuung einher und vollzieht sich in den Tagen und Wochen vor dem Tod.

Aldous wollte sein nahendes Ende nicht wahrhaben. Er arbeitete weiter an neuen Ideen, diktierte seine Träume. Unausgesprochen war der Tod beständig anwesend. An seinem Todestag wollte er immer wieder bewegt werden, mit keiner Lage, keiner Ausrichtung des Bettes war er zufrieden, deutliche Zeichen innerer Unruhe, womöglich sogar Angst. Er spürte: Es geht zu Ende.

Er überreichte seiner Frau einen Zettel: Versuch LSD 100 (Mikrogramm) intramuskulär. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Er wollte seine Moksha-Medizin. Eine andere Gelegenheit würde es nicht mehr geben.

Der schönste Tod

Laura wusste, was zu tun war. Zwar hatte ihr Mann zuvor nie den Gedanken geäußert, auf LSD sterben zu wollen, doch sie kannte seinen Glauben an das Potenzial der Substanz im Angesicht des Todes. Sie hatte es geahnt und bereits sicherheitshalber einen befreundeten Psychiater gefragt, ob er je LSD einem Menschen in Aldous’ Zustand verabreicht habe. Es war mehr eine rhetorische Frage, wie sie später schreibt – sie hätte es so oder so getan, unabhängig vom Urteil welcher Autorität auch immer.

Laura Huxley setzte ihrem Mann persönlich die Spritze.

Nach einer halben Stunde glaubte sie, Veränderungen wahrzunehmen. Aldous, der so schwach war, dass er sich kaum äußern konnte, signalisierte, nichts zu spüren. Sie spritzte ihm weitere 100 Mikrogramm. Kurz darauf weiteten sich seine Pupillen. Er lächelte schwach. Es war nicht der von Ekstase und Liebe überflutete Gesichtsausdruck, den sie von früher kannte, aber doch etwas in diese Richtung, jedenfalls definitiv anders als noch vor zwei Stunden.

Laura saß bei ihm, rezitierte stoisch wie eine Gebetsmühle die an das tibetische Totenbuch angelehnten Geleitworte, wie sie es vereinbart hatten: “Leicht und frei, geh, lass los, Liebling. Du gehst vorwärts und aufwärts; du gehst zum Licht. Willentlich und bewusst, du gehst willentlich und bewusst und du machst das wundervoll – du gehst zum Licht. Es ist so leicht; es ist so schön. Du machst das so wundervoll.”

Sie fragte Aldous, ob er sie höre. Er drückte zärtlich ihre Hand. Sie fuhr fort.

“Du gehst der wunderbarsten, größten Liebe entgegen, und es ist leicht, es ist so leicht, und du machst das so wundervoll.”

Sie geleitete ihren Mann in den Tod. Nicht nur er ging “willentlich und bewusst”, sie ging in vollstem Bewusstsein mit ihm, voller Liebe begleitete sie ihn zur letzten Schwelle.

Irgendwann folgte auf ihre Frage, ob er sie höre, keine Reaktion mehr. Sie machte trotzdem weiter: “Leicht, leicht, und du machst es willentlich und bewusst und wundervoll – geh vorwärts und aufwärts, leicht und frei, vorwärts und aufwärts zum Licht, ins Licht, in die vollkommene Liebe.”

Jetzt atmete er immer langsamer. Es gab nicht das leiseste Zeichen von Widerwillen oder Widerstand. Laura beschreibt es so: “Es war nur der Atem, der langsamer wurde – und langsamer – und langsamer, und um 17.20 Uhr hörte das Atmen auf.” 

In Laura Huxleys Version sind sich alle Anwesenden einig, dass sie nie einen schöneren Tod bezeugt haben. “Das Nachlassen des Atmens war kein Drama; es geschah so langsam, so sanft, wie ein Stück Musik, das in einem sempre piu piano dolcemente endet. Ich hatte das Gefühl, dass die letzte Stunde des Atmens nurmehr auf konditionierte Reflexe des Körpers hin geschah, der es gewöhnt war, all das über 69 Jahre ohne Unterlass millionenfach zu tun. Es gab nicht das Gefühl, dass mit dem letzten Atemzug der Geist ihn verließ. Er ist während der letzten vier Stunden ganz sanft gegangen.”

Laura war von den positiven Effekten des LSD bei diesem Sterbeprozess überzeugt. Nur wenige Tage später nannte sie Huxleys Ableben “the most beautiful death” – den “schönsten Tod”. Das Urteil der Anwesenden bestärkte sie in ihrem Glauben. “Beide Ärzte und Krankenschwestern sagten, dass sie niemals eine Person in ähnlichem physischem Zustand so absolut frei von Schmerzen und Kampf haben gehen sehen.”

Der 22. November 1963 ist einer dieser Tage, an denen im Großen offenbar wird, wie nah der absolute Schrecken und der tiefste Frieden beieinander liegen. Dallas und Los Angeles. Die Hölle und das Nirwana. Vielleicht haben John F. Kennedy und Aldous Huxley sich ja in irgendeiner Warteschlange vor dem Paradies getroffen. Dieser high wie die Sterne, jener mit der Erinnerung an ein Stück Blei im Kopf. Und vielleicht haben sie genickt und gelächelt, frisch Erlöste, jeder auf seine Weise diesem durch die Ewigkeit kreiselnden Zirkus entkommen.

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