Spiegel

Schulen und Corona: Richtig lüften mit dem Umweltbundesamt


Schulen und Corona

Richtig lüften mit dem Umweltbundesamt

Fenster ganz auf, am besten alle 20 Minuten: Das empfiehlt das Umweltbundesamt in einer Anleitung zum richtigen Lüften in Schulen. Lehrervertreter reagieren zurückhaltend: Wirklich hilfreich sei die Handreichung nicht.




Kipplüftung reicht nicht, sagt das Umweltbundesamt - die Fenster in Schulklassen müssen schon komplett geöffnet werden (wenn es denn möglich ist)


Kipplüftung reicht nicht, sagt das Umweltbundesamt – die Fenster in Schulklassen müssen schon komplett geöffnet werden (wenn es denn möglich ist)


Foto: Madhourse / Shotshop / imago images

Vier Seiten umfasst die Broschüre, die das Umweltbundesamt (UBA) für die Kultusministerkonferenz (KMK) erstellt und am Donnerstag veröffentlicht hat: “Lüften in Schulen” heißt sie und soll Lehrerinnen und Lehrern dabei helfen, die möglicherweise virenbelastete Luft im Klassenzimmer möglichst schnell loszuwerden. Denn “wegen des vergleichsweise geringen Luftvolumens im Klassenzimmer mit vielen anwesenden Schülerinnen und Schülern ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich infektiöse Partikel im Raum anreichern, vergleichsweise hoch”, heißt es in der Empfehlung.

“Regelmäßiges Lüften ist zur Verringerung der Ansteckungsgefahr das wirksamste Instrument”, sagte Heinz-Jörn Moriske, Geschäftsführer der UBA-Kommission Innenraumlufthygiene. Gleichzeitig schränkte er aber ein: “Das funktioniert nicht zu einhundert Prozent.” Umso wichtiger sei, dass die Fenster regelmäßig geöffnet werden: “Wir empfehlen schon seit Jahren das Durchlüften in den Unterrichtspausen, jetzt sollte alle 20 Minuten komplett gelüftet werden.”

Selbst im Winter, wenn es draußen sehr kalt ist, sei das Stoßlüften – oder besser noch eine Querlüftung durch gegenüberliegende Fenster – dreimal stündlich ratsam, so die Fachleute. Die Angst vor einem Auskühlen des Raums sei unbegründet, denn es komme dabei “nur zu einer Temperaturabsenkung von wenigen Grad im Klassenzimmer”, so Wolfgang Birmili, Fachgebietsleiter für Innenraumhygiene am UBA. Beim Luftaustausch würde neben den Viren auch Feuchtigkeit abtransportiert. Zusätzlich sinke der Kohlendioxidgehalt (CO2) in der Luft, die Schülerinnen und Schüler könnten sich anschließend wieder besser konzentrieren. Auch den Einsatz von CO2-Ampeln empfehlen die UBA-Fachleute. Die Geräte könnten signalisieren, wann es wieder Zeit zum Lüften sei, und seien mit 50 bis 100 Euro relativ günstig.

Deutlich skeptischer äußern sich die UBA-Fachleute über mobile Raumluftreiniger. Deren Wirkung sei “oft wenig geprüft”, sagte Heinz-Jörn Moriske. Eine Nutzung sei ohne ausreichende Vorabprüfungen “nicht sinnvoll”, heißt es in der Handreichung. Allenfalls ergänzend zur Lüftung könnten diese Geräte eingesetzt werden – eine Position, der andere Experten jedoch schon widersprochen haben.

Fenster auf Kipp? Reicht nicht

In der Broschüre wird auch deutlich gemacht, wie der Luftaustausch nicht funktioniert: Wer nur die Türen, nicht aber die Fenster öffnet, riskiert demnach, dass Viren über den Flur in andere Klassenräume transportiert werden. Ebenfalls falsch: gekippte Fenster oder nur ein einziges Fenster, das gewissermaßen als Alibi offensteht. “In der kalten Jahreszeit führt dieses hygienisch ineffiziente Lüften zudem dazu, dass Wärme aus dem Raum unnötig entweicht”, schreiben die Verfasser, “Kipplüftung erhöht zudem das Schimmelrisiko an den Fensterlaibungen.”

Für Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, ist die UBA-Broschüre “nur indirekt hilfreich”. Die Empfehlungen seien immerhin Rückenwind für die Lehrerverbände, die auf eine bessere Ausstattung der Schulen drängen: “Es ist doch katastrophal, dass das UBA seit zehn Jahren Lüftungsanlagen für Schulgebäude fordert und dass diese Empfehlung kaum umgesetzt wird.” Gerade einmal jede zehnte Schule verfügt aktuell über Lüftungsanlagen, schätzt das Umweltbundesamt.

Sie hoffe, so Lin-Klitzing gegenüber dem SPIEGEL, dass jetzt Bewegung in die Diskussion um die sinnvolle und notwendige Ausrüstung von Schulgebäuden komme. Für die Lehrkräfte vor Ort allerdings sei die neue Broschüre nur sehr bedingt nutzbar. Dies gelte vor allem dann, wenn Lehrerinnen und Lehrer in Klassen unterrichten, in denen Fenster nur teilweise oder gar nicht geöffnet werden können. Das kann an der Bauart der Fenster liegen oder eine Sicherheitsmaßnahme sein, damit Kinder nicht aus dem Fenster fallen.

Stefanie Hubig, Präsidentin der KMK und rheinland-pfälzische Bildungsministerin, sieht die Broschüre dagegen deutlich positiver: Das Heft enthalte “kurze und präzise Hinweise, warum, wann und auf welche Weise gelüftet werden soll – und nimmt dabei auch Bezug auf häufig gestellte Fragen”.

Icon: Der Spiegel