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Serie „Humbug“: Hat Hitler den Zweiten Weltkrieg überlebt?


Serie „Humbug“
:
Hat Hitler den Zweiten Weltkrieg überlebt?



Der „Führer“ spricht zu seinen Gefolgsleuten. Verschwörungstheoretiker glauben, Adolf Hitler habe nach Kriegsende in Südamerika oder in der Antarktis weitergelebt.
Foto: ja/Amaral/Riva Verlag

Düsseldorf Die Verschwörungstheorie, dass Hitler kurz vor Kriegsende aus Berlin entkommen sei und das NS-Regime seinen Tod nur fingiert habe, ist immer wieder zu hören. Historiker widersprechen und weisen auf zahlreiche Beweise hin, die den Tod des Diktators im Jahr 1945 bezeugen.

Heute wäre Adolf Hitler, geboren 1889, auch unter normalen Umständen nicht mehr am Leben. Doch starb er wirklich am 30. April 1945 gegen 15.30 Uhr im Privatzimmer seines Bunkers in Berlin? In jedem Geschichtsbuch steht sinngemäß: Hitler und seine frisch angetraute Frau Eva Braun werden tot auf dem Sofa gefunden, nachdem ein Schuss zu hören war. Kurze Zeit später werden die Leichen nahezu vollständig verbrannt. Doch Verschwörungstheorien besagen, dass Hitler überlebt und im Ausland weitergelebt habe.

Was wird behauptet?

Verschwörungstheoretiker glauben, dass Hitler seinen Tod mit einem Doppelgänger fingiert habe und unbemerkt geflüchtet sei, als der endgültige Zusammenbruch Deutschlands im Zweiten Weltkrieg kurz bevorstand. Die meisten Anhänger dieser Theorie gehen davon aus, dass Hitler – wie etliche andere Nazigrößen auch – mit einem U-Boot nach Argentinien geflüchtet sei. Andere halten es für wahrscheinlicher, dass Hitlers Ziel ein geheimer Stützpunkt in der Antarktis gewesen sei.

Woher kommt der Humbug?

Die Sowjetunion verbreitete bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs absichtlich Falschinformationen über Hitlers Verbleib, die bis heute von Verschwörungstheoretikern aufgegriffen werden. Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 verkündete Stalin, dass Hitler überlebt habe, von den westlichen Alliierten versteckt gehalten werde oder nach Spanien oder Argentinien geflohen sei. Zudem verschwieg das kommunistische Regime absichtlich, dass es Hitlers Überreste bereits gefunden und identifiziert hatte.

In einer über 60 Jahre alten Akte des US-Geheimdienstes CIA soll es dennoch Hinweise darauf geben, dass Hitler in den 50er Jahren unter dem Namen Adolf Schüttelmayer in Kolumbien gelebt hat. Die Aussagen der Akte sollen sich auf den ehemaligen SS-Mann Philip Citroen aus den Niederlanden beziehen. Er behaupte demnach, dass Hitler in Tunja lebte, einer rund 140 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bogotá gelegenen Kleinstadt. In den Unterlagen soll es auch ein Foto geben, das den Niederländer mit Hitler zeigt. Auch in Akten des FBI soll von Sichtungen Hitlers nach dessen Tod die Rede sein.

Wie verbreitet ist der Humbug?

Sönke Neitzel, der viel zum Zweiten Weltkrieg forscht, begegnet Verschwörungstheorien zur NS-Zeit regelmäßig bei seiner Arbeit. „Immer mal wieder bekomme ich Sachen zugeschickt, die ich aber nicht weiterverfolge“, sagt der Historiker. In den Verschwörungstheoretikern, die etwa daran glauben, dass Hitler nicht im Führerbunker gestorben ist, sieht Neitzel eine „Hobbyszene von historischen Laien“, die mit Wissenschaft nichts am Hut habe. „Das Gedankenkonstrukt ist jenseits der Rationalität, da hört die Wissenschaft auf“, sagt er.

Die Verschwörungstheorie hält sich aber auch deshalb so hartnäckig, weil es zahlreiche Bücher zu dem Thema gibt. Dass Hitler kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges aus Berlin geflüchtet sei, wird unter anderem im Buch „Hitler überlebte in Argentinien“ aufgegriffen, das Abel Basti und Jan van Helsing, ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker, im Jahr 2011 publizierten. Darin behaupten sie, dass Hitler nach Argentinien geflüchtet sei und einen Sohn gehabt habe.

Was ist dran?

Es gibt durchaus führende Nationalsozialisten, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, weil sie sich ins Ausland abgesetzt haben. Es ist sogar historisch belegt, dass etliche Größen des NS-Regimes nach dem Krieg nach Südamerika flüchteten. Adolf Eichmann, bekannt als Organisator des Holocaust und so für den Tod von schätzungsweise sechs Millionen Menschen mitverantwortlich, entkam etwa mithilfe der katholischen Kirche nach Argentinien. Anfang der 60er Jahre wurde er nach Israel entführt, dort verurteilt und hingerichtet. Auch der KZ-Arzt Josef Mengele lebte bis zu seinem Tod 1979 in Argentinien, Paraguay und Brasilien. Die Biografien von Eichmann und Mengele könnten die Vertreter der Verschwörungstheorien zu den Thesen gebracht haben, Hitler könnte ebenfalls in Südamerika weitergelebt haben.

Die Theorie um den Nazi-Stützpunkt in der Antarktis, wohin Hitler geflüchtet sein soll, fußt im Kern ebenfalls auf einer wahren Geschichte: Im Jahr 1938 brach ein deutsches Schiff unter strengster Geheimhaltung zu einer Expedition in die Antarktis auf. Die Crew sollte einen Landstrich in einem unerschlossenen Teil des Kontinents kartografieren und in Besitz nehmen. Getauft wurde das Stück Land damals Neuschwabenland. Der Stützpunkt selbst aber ist Teil einer eigenen Verschwörungstheorie.

Lange Zeit gab es zudem widersprüchliche Aussagen über die Todesumstände Adolf Hitlers. Eine Obduktion bestätigte dann im Jahr 2018 die Erkenntnisse aus der Nachkriegszeit. Französische Wissenschaftler führten an Hitlers Überresten, die seit 1946 vom russischen Geheimdienst unzugänglich verwahrt wurden, eine rechtsmedizinische Untersuchung durch. Untersucht wurden sein Gebiss und ein Schädelfragment. Hitler sei zweifelsfrei 1945 gestorben, sagte der Rechtsmediziner Philippe Charlier im Anschluss. Die Zähne seien authentisch. Die Wissenschaftler hatten das Gebiss mit einem Röntgenbild von Hitler aus dem Jahr vor seinem Tod verglichen.

Mithilfe des Schädelfragments konnte auch die Todesursache näher bestimmt werden. Der Schädel wies laut den Wissenschaftlern ein Loch in der linken Hälfte auf, der von einem Pistolenschuss herrührte. Der Schuss ist wahrscheinlich in die Stirn oder den Nacken gegangen, weil keine Pulverspuren an den Zähnen festgestellt wurden. Hitler nahm, bevor er sich erschoss, zudem eine Giftkapsel. Charlier und sein Team entdeckten bläuliche Ablagerungen an Hitlers falschen Zähnen, was auf eine chemische Reaktion zwischen dem Gift Zyanid und dem Metall der Prothesen hindeutete. Das Forscherteam ging daher davon aus, dass Hitler höchstwahrscheinlich durch eine Kugel und eine Vergiftung gestorben ist.

Adolf Hitler war bereits viele Jahre zuvor, am 25. Oktober 1956, nach einer ausführlichen Untersuchung vom Amtsgericht Berchtesgaden offiziell für tot erklärt worden. Dabei wurden mehr als 40 Zeugen unter Eid befragt, darunter der SS-Mann Otto Günsche und der Kammerdiener Heinz Linge, die die Ersten waren, die Hitlers Leiche fanden und später auch Zeugen ihrer Verbrennung waren. Günsche berichtete in seiner Vernehmung, dass Hitler ihn in seine Pläne einweihte, sich das Leben zu nehmen.

Auch die Geheimdienste hatten nie Zweifel an Hitlers Tod. Die CIA bezweifelte die Informationen aus der Akte von 1955 schnell und fand nie Hinweise darauf, dass Adolf Schüttelmayer in Wirklichkeit Adolf Hitler war. Dass Hitler überhaupt aus Berlin entkam, scheint ebenfalls widerlegt. Das FBI und andere Geheimdienste gingen vielen Hinweisen nach, ohne jemals Hinweise auf eine Flucht von Hitler gefunden zu haben.

Was sagen die Experten?



Sönke Neitzel ist Historiker und beschäftigt sich insbesondere mit der Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Foto: dpa

Auch Historiker Sönke Neitzel hält deshalb nichts von den Theorien. „Das ist alles Quatsch“, sagt der Professor für Militärgeschichte an der Uni Potsdam. „Der Befund, dass sich Hitler am 30. April gegen 15.30 Uhr im Führerbunker erschossen, gleichzeitig auf eine Giftampulle gebissen hat und im Anschluss von der Wachmannschaft verbrannt worden ist, ist eindeutig und wird in der Wissenschaft nicht angezweifelt“, sagt Neitzel. Zudem sei unstrittig, dass es viele schlüssige Beweise gebe, die den Befund weiter stützten. Dazu gehörten die Aussagen der Insassen im Führerbunker, die Hitlers Tod bestätigten. „Dafür, dass Hitler am 30. April irgendwie aus Berlin entkommen konnte, gibt es nicht ein einziges kleines Indiz“, sagt Neitzel.