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Sinti und Rassismus: Deutscher Name, deutscher Pass, diskriminiert

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“Nicht. Hauen!” Charmaine Wagner stützt sich auf den Küchentisch und fixiert einen zwölfjährigen Jungen, der in Jogginghose vor ihr an der Spüle lehnt. “Du darfst auf keinen Fall mehr zuschlagen”, sagt Wagner. “Sobald dir komisch wird, kommst du zu mir. Dann klär ich das für dich. Mach dir einen Zettel hier rein.” Sie tippt sich gegen die Stirn. “Nicht mehr schlagen!”

Der Junge flüstert “Ja” zwischen den Sätzen, die Wagner über ihm ausschüttet. Er war gerade drei Monate lang nicht in der Schule, suspendiert, zu viel Ärger mit anderen Kindern.

Dies könnte ein weiterer Fall eines auffälligen Jugendlichen aus sozial schwachem Milieu sein, wie sie Sozialarbeiter bundesweit jeden Tag beschäftigen. Doch hinter der Szene, die sich kurz vor Weihnachten in einem Reihenhaus aus rotem Klinker in der ostfriesischen Kleinstadt Leer abspielte, steckt eine jahrhundertealte Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung.

Es ist die Geschichte einer Minderheit, die seit rund 600 Jahren in Deutschland lebt und immer noch nicht angekommen ist. Es geht um Rassismus, der auch Menschen trifft, die deutsche Namen und Pässe haben. Es geht darum, dass wir als Einwanderungsgesellschaft offenbar noch nicht offen genug für Vielfalt sind. Und es geht um einen Polizeieinsatz im Mai dieses Jahres, der das Vertrauen dieser Minderheit in staatliche Institutionen erneut erschüttert hat.




Sinti und Rassismus:


Foto: Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

Sinti und Rassismus: “Solange ich lebe, verteidige ich euch!”

Charmaine Wagner, 38, heller Teint und dunkle Locken, ist keine Sozialarbeiterin im eigentlichen Sinne. Sie hat nicht studiert, sie hat keine Ausbildung, nicht einmal einen Schulabschluss. Doch sie hat einen anderen Trumpf: Sie ist Sinteza, gehört also zur Minderheit der Sinti. Sie hat erlebt, wie es ist, in der Schule zu versagen. Und sie weiß, was danach kommt.

Sie sagt, sie habe schon oft daran gedacht, in eine andere Stadt zu ziehen. Prügeleien, kiffende Jungs, arbeitslose Eltern, all die Probleme, von denen sie dauernd hört, belasten sie sehr. Seit einigen Monaten plagen sie Magenschmerzen. Aber sie will weiterarbeiten. Sie sagt, sie tue es für die Kinder.

Wagner redet schnell auf den Zwölfjährigen ein. “Du musst jetzt ein bisschen schlauer werden, sonst fliegst du runter und kommst auf eine Schule, die viel weiter weg ist. Dann musst du noch früher aufstehen. Das willst du doch nicht? Hm? Deinen Fußball machst du weiter, ja?” “Ja”, flüstert der Junge. “Immer regelmäßig hingehen, power’ dich da richtig schön aus.”

Charmaine Wagner fährt fast täglich als Bildungsbegleiterin für den 1. Sinti-Verein Ostfriesland durch Leer, um Familien zu helfen, deren Kinder in der Schule nicht zurechtkommen. Über zwei Jahre hinweg hat der SPIEGEL sie immer wieder begleitet.

An diesem Vormittag im Dezember klappt Charmaine Wagner den Block zu, in dem sie sich bei ihren Hausbesuchen Notizen macht. Sie reibt sich den Nacken dort, wo der Gurt ihrer Handtasche scheuert. “Meinst du, er hat jetzt draus gelernt?”, fragt sie die Mutter des Zwölfjährigen.

Deren Antwort klingt trotzig: “Du weißt doch selber, wie die Hauptschule ist. Dass da viele sind, die provozieren. Im letzten Jahr musste ich sein Fahrrad vier Mal zur Reparatur bringen. Reifen zerstochen, Ständer abgetreten.” Seine jüngere Schwester, blond und blauäugig, bekomme das Schimpfwort “Scheiß-Zigeuner” auch schon in der Grundschule zu hören. Er fühle sich manchmal so wütend, flüstert der Junge. Die Mutter sagt: “Dann macht es klick, und er kann sich nicht halten.”

Bundesweit berichten Sinti von großen Problemen in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche. Sie fühlen sich ausgegrenzt und als “Zigeuner” diskriminiert. Dabei sind sie – wie die Dänen, die Friesen und die Sorben – eine anerkannte deutsche Minderheit. Sie haben längst deutsche Nachnamen wie Wagner, Weiß, Böhmer oder Reinhardt, und die deutsche Staatsbürgerschaft.

Was ist schiefgelaufen? Und was lässt sich daraus lernen?

Kapitel eins: die Misere

In Leer wohnen rund 700 Sinti über den ganzen Ort verteilt in unauffälligen Mietwohnungen. In den Einbauküchen riecht es nach Putzmittel, die Fenster zieren je nach Jahreszeit Osterhasen, Herbstlaub oder Weihnachtsengel. Vor Charmaine Wagners Küchenfenster stehen zwei Gartenzwerge. Deutsche Kleinstadtidylle.

Die Sinti stammen aus Indien und wanderten um 1400 oder noch früher in den deutschsprachigen Raum ein. Das Bild des “Zigeuners”, der tagsüber mit Pferden handelt und abends am Lagerfeuer fiedelt, hat mit ihrem Alltag heute nichts mehr zu tun. Sie sind kein fahrendes Volk mehr, sie haben sich angepasst, manche Traditionen und Bräuche aufgegeben.




Charmaine Wagner und ihre Tochter vor ihrer Wohnung in Leer


Charmaine Wagner und ihre Tochter vor ihrer Wohnung in Leer


Foto: 

Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL


“Ich bin extrem pünktlich und koche gern Rotkohl, Kartoffeln und Klöße”, sagt Charmaine Wagner. “Wenn wir im Ausland sind, vermisse ich das deutsche Essen und die sauberen deutschen Straßen. Das hier ist mein Land.” Sie predigt das auch den Kindern und Jugendlichen, mit denen sie täglich zu tun hat: Es ist euer Staat, eure demokratisch gewählte Regierung. Bringt euch ein, grenzt euch nicht ab. Ihr könnt hier was werden. Ihr müsst es nur versuchen.

Charmaine Wagner fällt es selbst nicht leicht, an dieses Credo zu glauben. An ihre eigene Schulzeit erinnert sie sich so: Als es mal Streit gab, sagten andere Kinder zu ihr, sie solle doch “in ihr Land zurückgehen”. Wagner verstand nicht, welches Land sie meinten. Zu Kindergeburtstagen wurde sie selten eingeladen. Auch ihre kurdische Klassenkameradin durfte nicht mit “Zigeunern” spielen. Wenn sie eine gute Note hatte, hieß es, sie habe abgeschrieben.

Später, wenn sie bei Maklern anrief, war die Wohnung meist gerade weg. Sie wollte in Privathäusern putzen, doch sie fand keinen Job. Wenn sie in Geschäfte ging, fühlte sie sich vom Personal beobachtet. “Sie wollen sichergehen, dass ich nichts klaue”, glaubt Wagner. Sie fing früh an, Tabletten gegen Bluthochdruck zu nehmen, weil sich das Leben anfühlte wie ein ständiger Kampf.

Es lässt sich schwer pauschal beziffern, wie schlimm die Diskriminierung der Sinti in Deutschland tatsächlich ist. Die Freiburger Soziologen Albert Scherr und Lena Sachs werteten vor einigen Jahren mehrere Studien dazu aus und kamen zu dem Schluss: Das Unwissen gegenüber der Minderheit ist sehr groß, und jeder vierte bis jeder zweite Bürger hegt Vorurteile oder sogar Abneigung gegen diese. 

“Heute stand ein weibliches Mitglied vor dem Kadi. Der Nachname? Klaro. Wagner.”

Gerd Koch, Lokalpolitiker

In Leer trägt auch der Lokalpolitiker Gerd Koch dazu bei. 1991 gründete er die Allgemeine Wählergemeinschaft AWG. Auf seiner Homepage schreibt er seit Jahren Sätze wie “Widerliches Gesocks diese kriminellen Zigeuner!” oder “Es sind nicht nur die Männer des Wagner-Clans, die die Justiz beschäftigen. Nein, nein. Heute stand ein weibliches Mitglied vor dem Kadi. Der Nachname? Klaro. Wagner.”

Mehrfach wurde Koch verurteilt, unter anderem wegen Beleidigung, Volksverhetzung und Verleumdung. Trotzdem bekam die AWG bei Wahlen jahrelang stets so viele Stimmen, dass Koch in Stadtrat und Kreistag sitzen konnte. 2006 schaffte er es sogar in die Stichwahl ums Bürgermeisteramt.

Auf eine Anfrage des SPIEGEL antwortet Koch: Er sei ja nicht gegen alle Sinti, aber es gebe eben viele, die straffällig würden. “Zigeuner haben in unserer Gesellschaft nun mal keinen hohen Stellenwert”, schreibt er lapidar in seiner E-Mail. “Sinti und Roma mit kriminellen Hintergründen lassen sich auch in Leer nicht leugnen.”

Leer ist eine Kleinstadt. Hier kennt man sich – und wer einmal einen schlechten Ruf hat, wird den nur schwer wieder los. Der Judolehrer von Charmaine Wagners Tochter lebte jahrelang im 25 Kilometer entfernten Aurich. Er berichtet, dass er dort weniger Probleme bei der Job- und Wohnungssuche gehabt habe, weil sein Nachname bei Auricher Vermietern und Arbeitgebern nicht dieselben Assoziationen ausgelöst habe. Ein Sinto aus Nienburg erzählt, dass es dort mit den Nachnamen Claasen und Schmidt schwer sei. Aus Celle ist zu hören, es sei der Name Dettmer.

Burghardt Sonnenburg leitete bis Juni das Heimatmuseum in Leer und beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit den Sinti in Niedersachsen. “Gerade in der älteren Generation ist das Stereotyp des ‘klauenden Zigeuners’ noch verbreitet”, sagt er. Sie erinnern sich noch an die Nachkriegszeit, als sich Charmaine Wagners Großeltern und weitere Sinti in Leer niederließen, weil sie dort, anders als in anderen Orten in der Gegend, geduldet wurden.

Bis Ende der Achtzigerjahre lebten sie zuerst in Wohnwagen, dann in ausrangierten Eisenbahnwaggons und Baracken am Stadtrand, für alle sichtbar ausgegrenzt. Dann lösten die Behörden die Siedlung auf und rissen die Baracken ab. Doch die Probleme blieben.

Kapitel zwei: das Dilemma

Charmaine Wagner kam in Leer zur Welt, als fünftes Kind von acht. Ihre Mutter ist Ostfriesin. Doch weil ihr Vater ein Sinto war, wuchs sie als Sinteza auf. Er nannte seine Tochter nach seinem Lieblingssong von Bill Haley.

“Ich bin stolz drauf, eine Sinteza zu sein”, sagt Wagner. Es fällt ihr schwer zu beschreiben, was das genau für sie bedeutet. Manchmal sagt sie: “Wir sind gar nicht so anders”, und manchmal sagt sie das Gegenteil. Stets führt sie an, dass Familie für Sinti wichtig sei, dass die Kinder betüdelt und die Alten nicht ins Heim abgeschoben werden, dass alle füreinander da sind, so wie das früher auch in Nicht-Sinti-Familien gewesen sei.

“Neulich wollte ich nach Holland zum Shoppen fahren”, erzählt Wagner. “Ich wollte mal einen Tag allein verbringen, schön chillig. Doch dann dachte ich darüber nach, was ich tun würde, wenn das Auto kaputt ginge. Und wie einsam es wäre, stundenlang allein durch die Stadt zu laufen. Also fragte ich eine Freundin, ob sie mitkommen wollte. Sie wollte, und ihr Sohn auch. Der rief meinen Neffen an, und plötzlich war das Auto voll.” Wagner lacht. “Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, allein zu fahren.”

Wenn es darum geht, was Sinti zu Sinti macht, führt Wagner auch das Romanes an, die eigene Sprache, die sich die Minderheit bewahrt hat und die mit dem altindischen Sanskrit verwandt ist. Sie erzählt, dass die meisten Frauen aus Respekt vor älteren Sinti Röcke tragen, die die Knie bedecken. Sie erwähnt auch, dass fast jeder Sinto und jede Sinteza einen weiteren Vornamen hat, der in keinem Ausweis steht und den man sagen kann, ohne dass Außenstehende wissen, um wen es geht. Das war früher wichtiger als heute. Über 300 Jahre lang, bis etwa 1800, galten Sinti fast überall als vogelfrei. Sie wurden mit Berufsverboten belegt und aus Städten verjagt, Rechte hatten sie keine.

Es gibt andere Bräuche und Traditionen, über die Charmaine Wagner nicht gern redet. Zu groß ist ihre Angst davor, dass sie weiteres Misstrauen gegenüber ihrer Minderheit schüren könnten.

So können bei Streitereien in der Familie ältere und als ehrenhaft bekannte Sinti um ihr Urteil gebeten werden. Sie können andere Angehörige der Minderheit aus ihrer Gemeinschaft ausgrenzen, auf Zeit oder auch lebenslang. Auch gelten Berufe, die mit Geburt, Tod und Krankheit zu tun haben, unter traditionellen Sinti bis heute als unrein. Das betrifft die Pflege, Arztpraxen und Krankenhäuser, die Geburtshilfe und Prostitution.

Wagners Schwester wäre als Mädchen gern Tierpflegerin geworden, doch sie entschied sich dagegen. Auch Charmaine Wagner hält an alten Bräuchen fest, weil sie dahintersteht – und weil sie sich nicht mit anderen Sinti anlegen will. Ihrer siebenjährigen Tochter Ninty würde sie zum Beispiel nicht erlauben, Krankenschwester oder Ärztin zu werden. “Das würde Ninty selbst auch nicht wollen”, sagt sie.

Woher diese Tabus stammen, ist nicht klar. Der Bielefelder Professor Klaus-Michael Bogdal vertritt die These, dass Sinti Berufe, die sie nicht ausüben durften, später selbst als unrein definierten. So hätten sie in der eigenen Gruppe ihre Ehre zurückerlangt. Andere, die sich damit beschäftigen, glauben, dass die Sinti ihre Reinheitsgebote aus Indien mitbrachten.

Über die Jahrhunderte sind einige Regeln verschwunden, oder die Sinti haben sie bewusst abgelegt. Dazu gehören die Verbote, mit einem Arzt an einem Tisch zu sitzen oder in einem Gebäude einzukaufen, in dem sich eine Arztpraxis befindet.

Welche der Regeln, die übrig geblieben sind, sind noch zeitgemäß? Sollten die Sinti noch mehr von ihrer Kultur aufgeben, um sich vielleicht endlich in der Gesellschaft, in der sie schon so lange zu Hause sind, akzeptiert zu fühlen? Warum fallen im Einwanderungsland Deutschland manche Unterschiede überhaupt noch negativ auf?

Rechtlich ist die Lage klar: Seit 1995 sind die deutschen Sinti und auch die Gruppe der deutschen Roma, die seit rund 150 Jahren hier leben, eine anerkannte Minderheit. Weitere Roma wanderten als Gastarbeiter in der Nachkriegszeit ein oder flohen in den Neunzigerjahren vor den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien hierher. Sie fallen jedoch nicht unter das Abkommen.




Charmaine Wagner unterhält sich im Vereinsbüro


Charmaine Wagner unterhält sich im Vereinsbüro


Foto: Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

Darin hat sich der deutsche Staat verpflichtet, den deutschen Sinti und Roma zu ermöglichen, “ihre Traditionen und ihr kulturelles Erbe zu bewahren”. Vor jeder auf Assimilierung ausgelegten Maßnahme sind sie zu schützen.

“Wir schaden doch niemandem mit unseren Traditionen”, sagt Charmaine Wagner. “Wieso sollten wir uns noch weiter verbiegen?”

Sie könnte die knielangen Röcke, die sie – wie die meisten anderen Sintezas in Leer – täglich trägt, gegen Hosen eintauschen. Vielleicht würde sie dann in der Fußgängerzone weniger auffallen. Doch Charmaine Wagner fragt: “Was soll an einem Rock verkehrt sein? Ich fühle mich darin wohl.”  

Es gibt zahlreiche Sinti, die den Kontakt zur Verwandtschaft abbrechen und eine erfundene südeuropäische Herkunft vorgeben, falls sie dunkle Haut und Augen haben und jemand sie danach fragt. Charmaine Wagner kennt einen Sinto, der studiert hat und ein eigenes Haus besitzt, er ist beruflich viel unterwegs. Sie kennt auch zwei Sintezas, die andere Namen angenommen haben und für die Kreisverwaltung arbeiten. Sie respektiert, dass alle drei mit der Minderheit so wenig wie möglich zu tun haben wollen. “Ich finde es nur schade, dass unsere Kinder dadurch Vorbilder verlieren”, sagt sie.

Die Angst davor, als “Zigeuner” ausgegrenzt zu werden, sitzt tief im kollektiven Gedächtnis der Minderheit. Das hat auch viel mit Ereignissen zu tun, die rund 80 Jahre zurückliegen.

Kapitel drei: das Trauma

Während der NS-Zeit litten die Sinti in Deutschland so sehr, dass alle gesellschaftlichen und politischen Schikanen der Jahrhunderte zuvor dagegen verblassen. Die Nazis verfolgten die Angehörigen der Minderheit systematisch, betrieben Rassenforschung und Zwangssterilisationen.

Von damals rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma ermordeten sie weit mehr als die Hälfte. Mindestens 23.000 Männer, Frauen und Kinder wurden ins sogenannte Zigeunerlager in Auschwitz deportiert. Von ihnen überlebte höchstens jeder Zehnte.




Michael und Charmaine Wagners Großvater starb im


Michael und Charmaine Wagners Großvater starb im “Zigeunerlager” in Auschwitz


Foto: Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

Gedenken und staatliche Wiedergutmachung erfuhren die Sinti – anders als die Juden – kaum. Im Geschichtsunterricht ist der Völkermord meist nicht mehr als eine Fußnote. Doch innerhalb der Community sind die Erinnerungen daran bis heute sehr präsent.  

“Wir alle kennen Geschichten über diese Zeit”, sagt Charmaine Wagner. Geschichten wie diese: Ihre Großtante kam mit einem Säugling ins Lager. Weil sie mit dem Baby nicht arbeiten konnte, knallten Aufseher es gegen den Zugwaggon, bis es tot war. Wagners Großonkel hob einen Zigarettenstummel auf, den ein SS-Mann weggeworfen hatte. Da hetzte er die Hunde auf ihn, sie bissen ihn tot.

Und die Sinti erlebten damals, was passieren kann, wenn man sich auf die falschen Menschen einlässt. Einmal vertrauten sie einer Frau, einer Forscherin, und brachten ihr Romanes bei. Sie erklärten ihr auch, wer mit wem verwandt ist. Sie wussten nicht, was Eva Justin mit ihrer Forschung bezweckte. Sie war Assistentin des NS-Arztes und Rassenforschers Robert Ritter.

Bei Charmaine Wagner und anderen Sinti ist bis heute eine latente Angst vor staatlichen Institutionen wie Schulen, Behörden, Krankenhäusern geblieben. Wagner gab ihre Tochter mit drei Jahren in einen Kindergarten. Viele Mütter aus ihrem Bekanntenkreis, erzählt Wagner, behalten ihre Kinder bis zur ersten Klasse zu Hause. Nach der Einschulung stünden sie wochenlang täglich zur Pausenzeit am Schultor.




Charmaine Wagner und ihre Tochter im Kinderzimmer


Charmaine Wagner und ihre Tochter im Kinderzimmer


Foto: Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

Die NS-Zeit hat auch eine Generation von Bildungsverlierern hinterlassen. Im sogenannten Dritten Reich waren Sinti vom Unterricht ausgeschlossen oder saßen in eigenen “Zigeunerklassen”. Auch nach dem Krieg kümmerte sich der Staat jahrzehntelang wenig darum, ob sie die Schulpflicht erfüllten. In den Achtzigerjahren gingen fast alle Sinti in Leer auf die Sonderschule.

Heute haben diese Sinti Kinder und Enkel, denen sie nicht bei den Hausaufgaben helfen können, weil sie selbst nicht einmal das Alphabet beherrschen. Wenn Charmaine Wagner krank war, kritzelte sie ihre Entschuldigungen selbst. “Kotzen” stand dann beispielsweise darauf, der Vater setzte nur seinen Namen darunter.

Wagner bereut heute, dass sie die Schule nicht abgeschlossen hat. Sie bereut, dass sie vorher mit dem Jungen durchbrannte, in den sie mit 15 verliebt war. Sie sagt, sie hätte nicht mit 18 ein Kind von ihm bekommen sollen. Bis ihr Sohn erwachsen war, lebte sie von Hartz IV.

Kapitel vier: die Aufgabe

Charmaine Wagner möchte, dass das aufhört. Sie will, dass junge Sinti in der Schule besser abschneiden, dass sie leichter einen Ausbildungsplatz finden und später einen guten Job. Sie glaubt, dass dafür zwei Dinge passieren müssen: Die Jugendlichen müssen lernen, was sie ausmacht, woher sie kommen und wer sie eigentlich sind. Damit sie sich mehr zutrauen und nicht so leicht resignieren. Und der Rest der Gesellschaft muss sehen, dass die Minderheit besser ist als ihr Ruf.

Charmaines Bruder Michael Wagner hat dafür vor fünf Jahren den 1. Sinti-Verein Ostfriesland gegründet. Gemeinsam mit seinem Partner Ingo Lindemann hat er den Lehrgang für die Bildungsbegleiter ins Leben gerufen. Die beiden haben mit dem Heimatmuseum in Leer eine Ausstellung über Sinti in Ostfriesland nach 1945 organisiert, die bereits in mehreren Städten zu sehen war. Gerade sind sie dabei, einen Dachverband für Organisationen von Sinti und Roma in Niedersachsen aufzubauen. Wagner und Lindemann verbringen oft mehr Zeit miteinander als mit ihren Ehefrauen.




Ingo Lindemann (links) und Michael Wagner


Ingo Lindemann (links) und Michael Wagner


Foto: Joanna Nottebrock / DER SPIEGEL

Charmaine Wagner fährt als Bildungsbegleiterin mehrmals wöchentlich zur Hauptschule. Sie spricht mit den dortigen Sozialarbeiterinnen über schwierige Schüler und ermahnt diese immer wieder, dass Schule wichtig ist. Sie berät auch Sinti, die ins Vereinshaus kommen, weil sie Ärger mit den Behörden haben. Und sie leitet eine AG, in der sie mit den Jugendlichen über die Geschichte der Leeraner Sinti spricht, typische Gerichte wie gebratenes Suppenhuhn mit Mehlklößen kocht oder traditionelle Kartenspiele spielt.

An guten Tagen hat Wagner das Gefühl, schon viel erreicht zu haben. An schlechten glaubt sie, dass sich nie etwas ändert.

Ungerechte Lehrer, feindselige Mitarbeiter im Jobcenter, misstrauische Ladendetektive. Die Sinti als Opfer: Dieses Narrativ zieht sich wie ein roter Faden durch die Gespräche, die Sinti in Leer untereinander führen. Das hinterlässt Spuren. Charmaine Wagner sagt, sie deute Worte und Blicke vielleicht manchmal falsch. Sie sei empfindlich geworden mit den Jahren. Vielleicht bekommt sie manches in den falschen Hals.

Doch dann geschehen Vorfälle wie der am 21. Mai, Vatertag, der all ihre Vorbehalte und Ängste bestätigt und sie in ihrer Arbeit als Bildungsbegleiterin wahrscheinlich um Jahre zurückgeworfen hat.

“Sie haben uns schon so lange auf dem Kieker.”

Charmaine Wagner über die Polizei in Leer

Wagners 19-jähriger Sohn wollte abends seine Tante besuchen, obwohl strenge Corona-Auflagen galten. Er hat eine leichte geistige Einschränkung, und weil Vatertag war, hatte er etwas getrunken. Wagner sagt: “Ich habe ihn extra am frühen Abend mit dem Auto von einem Onkel abgeholt, wo er Vatertag gefeiert hatte. Ich hatte Angst um ihn.” Sie hatte gehört, dass die Polizei an dem Tag auch schon bei den Wohnungen anderer Sinti vorbeigefahren sei. “Sie haben uns schon so lange auf dem Kieker.”

“Ich beobachte seit einigen Jahren, dass die Polizei unverhältnismäßig hart gegen die Familie Wagner und andere Sinti in Leer vorgeht”, sagte auch Strafverteidiger Folkert Adler, der Angehörige der Minderheit seit 25 Jahren anwaltlich vertritt.

Wagner sagt, ihr Sohn wollte nicht mit in die Wohnung kommen, sondern lieber noch zu seiner Tante. “Wir standen vor der Tür, sein Vater schimpfte mit ihm, mein Sohn weinte, ein anderer Onkel versuchte, ihn zu trösten. Da hielt ein Streifenwagen an, zwei Polizisten stiegen aus.”

Wagner sagt, sie habe geahnt, was passieren würde. Deshalb sei sie sofort mit ausgestreckter Hand und so ruhig und höflich, wie sie es in dem Moment vermochte, auf die Beamten zugegangen. Sie habe ihnen gesagt, dass es sich um eine Familienangelegenheit handele, dass sie nur ihren angetrunkenen Sohn ins Haus bringen wolle, und dass die Beamten wieder fahren könnten.

Ein Polizist habe sie daraufhin angeblafft: Das interessiere ihn “einen Scheiß” und sie solle “endlich die Fresse halten”. “Dann haben sie mich und meine fast 70-jährige Schwiegermutter mit Tränengas eingesprüht”, sagt Charmaine Wagner. “Es hat so gebrannt, ich habe nichts mehr gesehen, die Oma hat geweint und geschrien.”

Die Männer seien daraufhin in Rage geraten, sagt Wagner. So wie sie und andere Sinti sich erinnern, kamen vier weitere Streifenwagen hinzu. Die Polizisten stießen den Vater ihres Sohns und dessen Onkel zu Boden, traten auf sie ein, legten ihnen Handschellen an und nahmen sie mit auf die Wache. Ein unbeteiligter Nachbar, der die Szene aus seinem Fenster beobachtete, sagt dem SPIEGEL, er habe nicht verstanden, warum die Polizisten so brutal vorgegangen seien.

In der “Ostfriesen-Zeitung” stand zwei Tage später: Ein Streit zwischen zwei Brüdern sei “völlig eskaliert”. Der Ältere habe die wegen des Lärms alarmierten Beamten bedroht, die daraufhin Reizgas eingesetzt und den Mann zu Boden gedrückt hätten. Weitere Familienmitglieder versuchten laut Polizei “die ganze Zeit, den Einsatz zu stören”.

“Die polizeilichen Maßnahmen wurden nach Recht und Gesetz durchgesetzt.”

Polizei Leer

Die Polizei teilt auf Anfrage: Einer der anwesenden Männer sei “in drohender Haltung” auf die Beamten losgegangen. Erst danach habe man das Reizgas eingesetzt. “Wie bei allen polizeilich bekanntgewordenen Fällen wurden die polizeilichen Maßnahmen ungeachtet der ethnischen Zugehörigkeit nach Recht und Gesetz durchgesetzt.”

“Als Bildungsbegleiterin sage ich zu den Kindern: Benehmt euch, alles wird gut, ihr braucht keine Angst zu haben, die Polizei und der Staat sind auch für euch da”, sagt Wagner. “Wie können sie mir das jetzt noch glauben?” Eine Nachbarin half ihr, das Tränengas abzuwaschen. “Mein ganzer Körper hat gebrannt, als ob ich in Feuer gefallen wäre.”

Wagner sagt, ihre siebenjährige Tochter habe an diesem Abend lange geweint. Wenn sie jetzt einen Polizisten sehe, sage sie Sätze wie: “Mama, guck mal, da sind die schon wieder.” Sie weiß nicht, was sie darauf antworten soll.

Trotzdem möchte Wagner weiter ihre Hausbesuche machen. Sie möchte weiter daran arbeiten, dass Sinti stolz darauf sein dürfen, was sie sind – und sich nicht verleugnen müssen. Wenn Schüler sie nach dem Tränengas fragen, will sie sagen, dass sie darüber nicht mit ihnen sprechen kann. “Ich kann sie nicht anlügen und will sie auch nicht gegen die Polizei aufhetzen”, sagt sie.

Charmaine Wagner mag ihren Job als Bildungsbegleiterin sehr. Im ersten Jahr machte sie ihn ehrenamtlich für den Verein. Seit April 2019 ist sie über ein Förderprogramm fest beschäftigt. Sie verdient 1900 Euro brutto im Monat plus Kindergeld für eine 39-Stunden-Woche, befristet auf fünf Jahre.

Es ist der erste bezahlte Job in ihrem Leben.

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