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Staudamm “Gerd”: Äthiopien staut, Ägypten schäumt

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Megastausee in Äthiopien: Ein Damm, sie zu spalten


EDUARDO SOTERAS/ AFP

Megastausee in Äthiopien: Ein Damm, sie zu spalten


Geopolitischer Streit am Nil

Durch Äthiopiens neuen Mega-Staudamm eskaliert der Konflikt um das Wasser des Nils. Die Ägypter fürchten, bald auf dem Trockenen zu sitzen – und berufen sich auf Abkommen aus der Kolonialzeit.

Eine Analyse von

Christoph Titz

Es regnet wieder in Äthiopien, und geht es nach der Regierung in Addis Abeba, dann wird diese äthiopische Regenzeit 2020 in die Geschichte eingehen.

Aus äthiopischer Sicht soll sie ein fast 100 Jahre altes Unrecht korrigieren, nämlich die bisherige Nutzung des Wassers aus dem Nil durch die drei Anrainerstaaten des Stroms; zu denen zählen neben Äthiopien selbst auch Ägypten und Sudan.

Dafür hat sich Äthiopien ein Jahrhundertbauwerk gegönnt: Der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm (“Gerd”) ist bis zu 155 Meter hoch und durchschneidet mit seiner Mauer kilometerweit das Niltal. Sein Reservoir soll drei Mal so groß werden wie der Bodensee. Und die Kraft des Wassers soll dann das 109-Millionen-Einwohnerland und sogar die Nachbarstaaten mit grünem Strom versorgen.

Äthiopiens Freudenfest, Ägyptens Katastrophe?

Fertig ist “Gerd”, wie der Damm in Äthiopien heißt, noch nicht. Die Staumauer ist aber bereits jetzt hoch genug, um in der ersten Aufstaustufe einen tiefen, dauerhaften See entstehen zu lassen.




Ephrem Woldekidaner, leitender Ingenieur des


Ephrem Woldekidaner, leitender Ingenieur des “Gerd”-Staudamms

Julian Busch


“An der niedrigsten Stelle hat der Damm nun eine Höhe von gut 60 Meter erreicht”, sagt der leitende Ingenieur des Staudamms, Ephrem Woldekidan, in einem Telefonat mit dem SPIEGEL. Und Ephrem bestätigt darin den Plan seiner Regierung: Mitte Juli, mit dem Anschwellen des Nils in der Regenzeit, beginnt sich auch der Stausee zu füllen.

Was für Äthiopien ein Freudenfest werden soll, gilt in Ägypten als nationale Katastrophe.

Der Nil ist die Lebensader für das Land, dessen rund 100 Millionen Einwohner sich in das fruchtbare Niltal drängen. Dort schürt der äthiopische Damm Ängste. Etwa, dass das Land vom Wasser abgeschnitten werden und am Ende wortwörtlich fast verdursten könnte, weil Äthiopien eigensinnig handelt.

Da hat es auch nichts genutzt, dass der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed, mittlerweile Friedensnobelpreisträger, bereits 2018 persönlich in Kairo “bei Gott” schwor: “Wir werden Euch nicht schaden.” Und auch nicht, dass das Füllen des Mega-Stausees in Äthiopien nicht bedeutet, dass dann kein Wasser mehr flussabwärts fließt.

“Ägyptens Wasserversorgung ist nicht bedroht”

Zudem haben Sudan und Ägypten eigene Reserven. Der ägyptische Assuan-Stausee ist legendär. Er wird während der Füllperiode zwar einige Prozent an Wasser verlieren. “Aber bei zumindest durchschnittlichem Regenfall während des Füllens ist Ägyptens Wasserversorgung nicht bedroht”, sagt William Davison, Nil-Experte der Denkfabrik International Crisis Group.

Ägypten aber beharrt auf alten Rechten, Abkommen von 1929 und 1959, die den damals britisch beherrschten Kolonien Ägypten und Sudan fast das gesamte Nilwasser zusicherten. Äthiopien, aus dem 85 Prozent des Wassers ursprünglich kommt, spielte damals keine Rolle.

Über die Frage des Wassers streiten die Nilanrainerstaaten nun seit mehr als zwei Jahrzehnten. Und je höher Äthiopien die Mauer seines Staudamms baute, desto schärfer wurde die Rhetorik – zwischenzeitlich war sogar von Bombardements der Baustelle durch Ägyptens Kampfjets die Rede. Das ist allerdings ein Szenario, das Experten für ausgeschlossen halten.

Ein Schritt vor, einer zurück

Am Freitag kam scheinbar Bewegung in den Konflikt, die Zeit drängt ja. Südafrika, das derzeit den Vorsitz der Afrikanischen Union (AU) innehat, vermittelte. Die Regierungschefs der drei Anrainerstaaten debattierten – und am Ende kam es nur erneut zum Eklat.

Als erstes behauptete Ägypten, die Äthiopier hätten zugesichert, den Stausee ohne bindende Übereinkunft nicht zu füllen. Äthiopische Nationalisten tobten.

Dann folgte Stunden später eine Regierungserklärung aus Addis Abeba: Man werde in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht auffüllen und werde weiter verhandeln. Der Zeitplan bleibe aber bestehen. Substanzieller Fortschritt? Fehlanzeige.

“Die Absicht, Mitte Juli zu füllen, steht für Äthiopien fest, mit oder ohne ein Abkommen”, sagt Experte Davison. Denn mit der Regenzeit, die schon begonnen hat, sei nun das Zeitfenster gekommen, um mit der Stauung zu beginnen.

Wasser, marsch: Flutung hinter der “Gerd”-Talsperre

Eine Übereinkunft aus dem Jahr 2015 hatte bereits festgelegt, dass die Füllung des Reservoirs parallel zum Bau des Damms geschieht. Und dass alle Seiten darauf achten werden, den jeweils anderen Parteien nicht zu schaden.

In den Verhandlungen bestehen – ungeachtet der starken Worte aus Addis Abeba und Kairo – tatsächlich laut der International Crisis Group nur noch zwei inhaltliche Streitfragen:

  • Was geschieht in Folge einer Dürre, womöglich einer, die über Jahre andauert?

Ägypten will erreichen, dass weiterhin eine fixe Wassermenge den Nil hinunter geleitet werden muss – also eine Art Fortschreibung der Abkommen aus der kolonialen Vergangenheit. Feste Durchflussmengen will Äthiopien hingegen auf keinen Fall, denn dann müsste das Land seinen Stausee unter Umständen ganz leerlaufen lassen, sollte es zu einer lang anhaltenden Dürre kommen.

  • Wie werden Streitigkeiten beigelegt?

Ägypten und Sudan favorisieren eine externe Schlichtungsstelle, die über jegliche Streitigkeiten zwischen den Nilanrainern entscheiden soll. Äthiopien will das nicht, dem Land schwebt eine trilaterale Einigung über alle Streitfragen vor.

Dass es in diesen beiden Fragen keinen Fortschritt gibt, liegt auch am vergifteten Klima zwischen den Parteien. “Es fehlt an gegenseitigem Vertrauen, und Ägypten und Äthiopien werfen sich routinemäßig Arglist vor”, sagt Davison.

Nachdem Ägypten im März mithilfe der US-Regierung und zuletzt noch über den Uno-Sicherheitsrat diplomatischen Druck auf Äthiopien aufbauen wollte, ist die Regierung des ägyptischen Militärmachthabers Abdel Fattah el-Sisi nun zurück am Verhandlungstisch.

“Das ist ein Fortschritt, denn nur Gespräche wie nun unter Vermittlung der Afrikanischen Union können das Problem gütlich lösen”, sagt Davison. Ägypten habe seine diplomatischen Mittel fast vollends ausgeschöpft.

Dass die Afrikanische Union nun die Gespräche leitet, könnte darauf hindeuten, dass sie auch bei künftigen Streitigkeiten als Vermittler wirken kann. Bei der Streitfrage der festen Wassermengen für Sudan und Ägypten sieht der Experte jedoch keinen Raum für einen Deal.

Das wahrscheinlichste Szenario sei daher ein unversöhnliches, glaubt Davison. Äthiopien schafft mit jedem Meter Damm weiter Fakten. Das Wasser steigt – und Ägypten schäumt.

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