Spiegel

Streaming-Tipps fürs Wochenende: “CheckCheck”, “Breaking Even”, “The Forty-Year-Old Version”




Lorna Ishema in der ZDFneo-Serie


Lorna Ishema in der ZDFneo-Serie “Breaking Even”: Berauschend wuchtiger TV-Krimi


Foto: 

© Frank Dicks / ZDF und © Frank Dicks


“Breaking Even”, ZDF Mediathek

Zeitbudget: sechs Folgen à 45 Minuten

für Fans von: “Succession”, “Der große Bellheim”

Lange schon sehnt sich das ZDF nach einer Serie, mit dem der Sender mit dem Kukident-Image das Publikum abholen kann, das bei diesen neumodischen Streaming-Anbietern herumsurft. Jetzt hat es wirklich geklappt: Die Serie “Breaking Even” ist wuchtig und düster, sieht wesentlich teurer aus, als sie wahrscheinlich war, steckt voller Zeitgeist und überzeugt als mitreißende Neufassung sattsam bekannter Krimi-Klischees. Also: reiche Familie mit defektem Moralkompass, Intrigen, Geheimnisse et al.

In diesem Fall heißt die Familie Lindemann, alter Ruhrbaron-Adel mit großem Automobilkonzern, und will mit seinem ersten selbstfahrenden Auto in die Zukunft starten. Blöderweise ist der Wagen mit dem bescheuerten Namen “Lindi” schuld an einem tragischen Unfall. Die junge Anwältin Nora Shaheen soll den Schaden begrenzen, recherchiert aber auf eigene Faust und findet immer mehr Leichen im Keller. Ganz leichthändig führen die Macher mit der von der großartigen Lorna Ishema gespielten Nora eine Figur ein, die keine helle Hautfarbe hat. Traurig, dass das eine Besonderheit sein soll, aber ist ja nun mal noch so.

Spannend ist, wie beiläufig und doch nachhaltig sich dadurch der Blick auf diese oft erzählte Geschichte verschiebt. Einmal steht die aufstrebende Nora im Fahrstuhl. Eine Reinigungskraft steigt zu, auch sie ist dunkelhäutig. Beide blicken sich unsicher an, und dieser Blick erzählt unendlich viel über die komplexen und oft widersprüchlichen Lebenswirklichkeiten nicht-weißer Menschen in diesem Land.



Zweite Staffel

Zweite Staffel “Check Check”: Albern und rührend zugleich


Foto: 

Stephanie Kulbach / Joyn / ProSieben


“Check Check”, Staffel 2, Joyn

Zeitbudget: acht Folgen à 20 Minuten

für Fans von: “Tagebuch eines Uber-Fahrers”, “Late Night Berlin”

Die Algen-Burger aus Staffel 1 gibts immer noch, und zwar im China-Restaurant der bumslangweiligen Kleinstadt Simmering – sollte doch mal jemand nach vegetarischem Essen fragen (was nie jemand macht). Die Fleischersatz-Buletten wollte Jan (Klaas Heufer-Umlauf) eigentlich in Berlin verkaufen und damit groß rauskommen, aber daraus wurde nichts. Jetzt sitzt er schon länger wieder in seiner Heimatstadt inmitten der hessischen Provinz, langweilt sich in seinem Job als Security-Mitarbeiter am Regionalflughafen und schmiedet neue Business-Ideen: Eine Sicherheits-Firma etwa, die vor Einbrüchen schützt. Die häufen sich nämlich in letzter Zeit. Diese Ideen führen natürlich direkt in die Art von Schenkelklopf-Quatsch, der sich schon in der ersten Staffel breit machte. Daneben läuft die Geschichte um Jans zunehmend dementen Vater weiter, die dankenswerterweise ohne Humor-Aufplusterung auskommt und ganz und gar melancholisch sein darf. Der Bruch dazwischen tat der Serie schon beim ersten Anlauf nicht gut. Auch die zweite Staffel verbindet beides nicht überzeugender miteinander. Das ist nicht so schlimm, rührend ist die Geschichte trotzdem, und ab und zu kann man auch mal lachen. Schade nur, dass sich “Check Check” immer wieder zu Größerem aufschwingt – und doch wieder bei der Provinz-Posse landet.



Doku

Doku “Time”: Stille Wut und poetische Wucht


Foto: 

Courtesy of Amazon Studios


“Time”, Amazon Prime Video

“Mein 40-jähriges Ich”, Netflix

Zeitbudget: 80 Minuten (“Time”), 124 Minuten (“Mein 40-jähriges Ich”)

für Fans von: When They See Us“, “Portlandia”

Um die Lebenswirklichkeiten nicht-weißer Menschen in den USA geht es in zwei in bezwingend schönem Schwarzweiß gedrehten Filmen, die kurz aufeinanderfolgend Premiere feiern. Die Dokumentation “Time” trägt einen vielsagenden Titel: Er meint die Zeit, die unwiderruflich verrinnt und Menschen, die sich nahe stehen, aber nicht sehen können, verändert. Und er rekurriert auf den amerikanischen Slang-Ausdruck “doing time”: eine Haftstrafe absitzen.

Der Ehemann der Unternehmerin Fox Richardson sitzt eine Haftstrafe ab, und zwar 60 Jahre. Die Filmemacherin Garrett Bradley erzählt die Geschichte der Mutter und ihrer sechs Kinder in Form einer hauchzarten, impressionistisch hingetupften Collage aus privaten Videoaufnahmen der Familie und einem intimen und doch zurückhaltenden Porträt. Ein stilistisch berauschendes und von stiller Wut geprägtes Plädoyer gegen das amerikanische Justizsystem, ausgezeichnet als beste Dokumentation beim Sundance-Filmfestival.

Ebenfalls aus dem diesjährigen Sundance-Jahrgang stammt die Komödie “The 40-Year-Old-Version”, sie wurde dort für die beste Regie ausgezeichnet. Radha Blank schrieb und inszenierte den Film, sie spielt die Hauptfigur – und die wiederum ist eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. Die Film-Radha hatte einen frühen Erfolg als Dramatikerin, aber seitdem ist der Erfolg ausgeblieben. Die Theaterwelt zeigt ihr die kalte Schulter, weil sie sich weigert, als Schwarze über “schwarze” Themen zu schreiben, mit Creative-Writing-Kursen für Jugendliche hält sie sich über Wasser. Bis Radha ihre alte Liebe, den Rap, wiederentdeckt. Aus diesem Stoff macht Radha Blank eine frische, bewegliche, mitreißend explosiv erzählte Komödie um eine Künstlerin, die sich treu bleiben will.



Hollywood-Star Ryan Gosling: Vielleicht rettet er ja das Kino

Hollywood-Star Ryan Gosling: Vielleicht rettet er ja das Kino


Foto: Broadview / Action Press/Sundholm

“Ryan Gosling – Hollywoods Halbgott”, Arte Mediathek

Zeitbudget: 52 Minuten

für Fans von: “Wie ein einziger Tag”, “Drive“, “Aufbruch zum Mond

Mit Dokus über Schauspieler ist das so eine Sache. Die Filmemacher kommen kaum je wirklich nah an Stars heran, sie befragen dann Kollegen und Filmkritiker, und was am Ende herauskommt, verlängert oft nur das künstlich geschaffene Bild, als das es dieses wirklich hinterfragt. Auch die einstündige Doku über Ryan Gosling läuft stellenweise Gefahr, zur bloßen Fan-Fiction zu werden. “Jede Frau wünscht sich einen Ryan Gosling an ihrer Seite”, haucht die Sprecherin über einer Collage mit Kuss-Szenen aus seinen Filmen. Nun ja.

Interessanter und analytischer sind glücklicherweise die Einschätzungen der Filmkritiker, die aufzeigen, wie es Gosling gelang, mit einer Mischung aus Schmachtfetzen und Independent-Filmen zu einem der größten Hollywood-Stars der Gegenwart aufzusteigen. Unbewusst zeigt diese vor der Pandemie gedrehte Doku aber noch etwas anderes: Wie eng das Kino mit seinen Stars verbunden ist, was für eine schöne Sache Glamour sein kann, weil er Filme wirklich larger than life macht – und dass das Fernsehen, trotz Netflix und Co., diese gefühlte Größe niemals wird vermitteln können. Insofern kann man nur hoffen, das Ryan Gosling und seine Kollegen zu wirklichen Helden werden: Indem sie das Kino retten, wenn Corona endlich vorbei ist.

Und hier geht es zum aktuellen “Tatort”.

Icon: Der Spiegel