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Streaming-Tipps fürs Wochenende: “High Fidelity”, “Der einzig wahre Ivan”, “Chef’s Table”




Zoë Kravitz als Rob in


Zoë Kravitz als Rob in “High Fidelity”: Ihr Plattenladen trotzt den digitalen Playlists


Foto: 

Phillip Caruso / Starzplay / Hulu


“High Fidelity”, Starzplay

Zeitbudget: zehn Folgen à 35 Minuten

für Fans von: Fleetwood Mac, Dexys Midnight Runners

“Meine Top 5 der übelsten Break-ups”, sagt Rob direkt in die Kamera und rasselt fünf Namen von Verflossenen herunter, mit denen das Schlussmachen besonders weh tat. Darunter: Weiße und schwarze Männer, ein Kerl, der herausfindet, dass er eigentlich schwul ist und eine Frau. Und Rob selbst? Ist Musik-Nerd, besitzt einen Plattenladen in Brooklyn – und ist eine Frau. Willkommen beim Update von Nick Hornbys Roman “High Fidelity” aus dem Jahr 1995 und dessen Verfilmung mit John Cusack aus dem Jahr 2000. Vieles ist gleich geblieben: das Direkt-in-die Kamera-Sprechen, die Spezialisten-Debatten über Randthemen der Popkultur – etwa die frühen Fleetwood Mac – und natürlich die Suche hoch Individualisierter Großstadt-Individuen nach dem Glück. Nur viel diverser ist alles geworden, die Möglichkeiten sind größer, nicht nur wegen digitaler Playlists, sondern auch zwischenmenschlich. Zoë Kravitz leuchtet in der Hauptrolle, aber wie es für ihre Rob nach einem recht offenen Ende weitergeht, wird man nie erfahren. Denn trotz guter Kritiken wurde die Serie, die in den USA schon im Februar gestartet war, nach der ersten Staffel beendet. Manchmal trifft es auch die Guten. Oliver Kaever



Das nächste sprechende Tier aus dem Rechner: Ivan sucht die Freiheit

Das nächste sprechende Tier aus dem Rechner: Ivan sucht die Freiheit


Foto: 

Disney


“Der einzig wahre Ivan”, Disney  

Zeitbudget: 90 Minuten

für Fans von: “Das Dschungelbuch”, “Der König der Löwen”

Mit computeranimierten Tieren kennen sich die Disney-Leute gut aus, die Realfilm-Version vom “König der Löwen” spielte fast 1,7 Milliarden Dollar ein. Die Romanadaption “Der einzig wahre Ivan” hätte an diesen Erfolg anschließen sollen. Sie handelt von einem Gorilla, der seit vielen Jahren in einer Zirkusshow die Kinder erschreckt. Doch wie die Disney-Produktionen “Artemis Fowl” und “Mulan” kommt sie wegen der Corona-Pandemie nun nicht ins Kino, sondern läuft direkt bei Disney . Die britische Regisseurin Thea Sharrock nimmt den Zuschauer in die Niederungen des Entertainments mit und zeigt den Zirkusdirektor Mack (Bryan Cranston), der ebenso marktschreierisch wie leidenschaftlich eher bescheidene Sensationen ankündigt. Seine Manege steht in einer Mall, meist sind die Ränge ziemlich leer. Er ist froh, wenn er seine Tiere durchgefüttert bekommt. Die sehen ihm aus ihren Käfigen zu, mal besorgt, mal amüsiert, denn sie können miteinander reden. Dass der Zuschauer zusammen mit den tierischen Helden – darunter ein Elefant, eine Robbe und ein Straßenköter – durch die Gitterstäbe auf den umtriebigen Mack blickt wie auf ein seltsames Wesen in seinem Habitat, ist ein hübscher Perspektivwechsel. Der Film mit seinem tierischen Personal, dem unter anderem Angelina Jolie, Danny DeVito und Sam Rockwell ihre Stimmen leihen, strotzt nicht gerade vor Originalität, entfaltet aber doch Charme und Witz. Lars-Olav Beier



Sarah in

Sarah in “Jugendland”: Verdammt viel zu regeln


Foto: 

Jannis Keil / heyfilm / NDR


“Jugendland”, NDR auf YouTube

Zeitbudget: 24 Folgen, jeweils knapp unter zehn Minuten

für Fans von: “Kids”, “Bungalow”

Die Gemeinde Uetze am Südrand der Lüneburger Heide mag ein schönes Fleckchen Erde sein. Zu den Sehenswürdigkeiten zählt die Johannes-der-Täufer-Kirche von 1863. Alle zwei Jahre wird ein Zwiebelfest gefeiert. Für den 19-jährigen Timo ist es ein Highlight, als nach vier Jahren endlich wieder ein Kiosk eröffnet, in dem man sich abends mit Kippen und Bier eindecken kann. Er ist einer der Protagonisten einer vom NDR produzierten Web-Dokuserie, die junge Erwachsene begleitet, die den Sprung in die nächstgelegene größere Stadt verpasst haben. Wie eben Timo, der für seine Oma das Garagentor streicht und dafür gebackene Hähnchenschenkel mitnehmen darf. Und sein Freund René, der dem Kamerateam provozierend einen Joint anbietet und dessen Klappe so laut wie sein Vorstrafenregister lang ist. Nachts sitzen sie auf einer Parkbank und saufen Wodka mit Fruchtsaft, und Timo meint: “Wenn man die richtigen Leute kennt, kommt man hier an alles.” Bisher stehen zwei Folgen online, sie verbreiten eine gewisse Larry-Clark-hafte Ausweglosigkeit. Die Kamera ist wie bei dessen Filmen (“Kids”) kompromisslos nah dran – allerdings auch bei der rührenden Szene mit der Oma. Gut möglich also, dass hier ein durchaus chargierendes und nicht zwanghaft auf düster getrimmtes Porträt vom Leben in der Provinz entsteht. Neugierig macht das Projekt auf jeden Fall. Oliver Kaever



Grillmeister Rodney Scott: Fleischberge à la carte

Grillmeister Rodney Scott: Fleischberge à la carte


Foto: 

Netflix


“Chef’s Table: Meisterliches BBQ”, Netflix

Zeitbudget: vier Folgen à 45 Minuten

für Fans von: “Anthony Bourdain – Parts Unknown”, “Ugly Delicious”

Mittlerweile hat David Gelb, der Mann hinter “Chef`s Table”, so viele Gänge serviert, dass man als Zuschauer das Gefühl bekommen kann, jetzt wirklich mal satt zu sein angesichts der Überfülle an Kochsendungen allein auf Netflix. So wird der neue Ableger als zweites Spin-off (nach “Chef’s Table: Frankreich”) der mittlerweile auf sechs Staffeln angewachsenen Dokumentarserie gezählt. Und er ähnelt einem anderen Format, das ebenfalls von Gelb kommt: Der Serie “Streetfood”, in der nicht Haute Cuisine, sondern Essen vom Straßenrand gefeiert wird. In “Chef’s Table: Meisterliches BBQ” geht es nun ebenfalls um die Freude an einfachem Essen. Hier landen Fleischberge auf gigantischen Grills, gegen die sich selbst die kleinwagengroßen Edelstahlgeräte auf heimischen Terrassen und Balkonen bescheiden ausnehmen. Hausmannskost wie Spanferkel und Texas-Barbeque in allen Ehren, aber die Faszination an “Chef’s Table” war bisher ja, wie sich Biografie und Werdegang auf den Tellern von Kochkünstlern materialisierte. Dieses Element fehlt hier weitgehend – bis auf die wirklich spannende zweite Episode mit dem Grill-Genie Lennox Hastie aus Sydney. Bei ihm landet nicht nur Fleisch auf dem Rost, sondern unter anderem Salat, Muscheln und Kaviar. Ob das wirklich schmeckt, lässt sich natürlich mal wieder nicht nachvollziehen, aber darum geht es hier auch nicht. Sondern, wie in jeder spannenden Kunst, um Grenzen, die verschoben werden, um Dinge sichtbar zu machen, die zuvor verborgen waren. Oliver Kaever

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