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Susan Neiman: “Gemeinsamkeiten sind wichtiger als Unterschiede”

Die Buchmesse ist ein Ort des Diskurses. In diesem Jahr müssen wir ihn virtuell stattfinden lassen. Anstelle eines Gesprächs am Messestand haben sich Intellektuelle, Schriftstellerinnen und Schriftsteller bereit erklärt, in einem SPIEGEL-Fragebogen Auskunft zu geben. Den Anfang machte die Autorin Annie Ernaux, dann antworteten der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Philippe Lançon, Überlebender des Terroranschlags auf “Charlie Hebdo”, die Schriftstellerin Jagoda Marinić und der Intellektuelle Daniel Mendelsohn.

Wie ist Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Radikale Unsicherheit.

Und wie empfinden Sie den Zustand Ihrer Nation? Und der Welt?

Meine Geistesverfassung spiegelt den Zustand der Welt ziemlich genau wider.

Corona, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung – wo sehen Sie die größte Bedrohung für eine humane Gesellschaft?

Die soziale Ungleichheit und der Klimawandel sind die größten Bedrohungen.

Liberté, égalité, fraternité – welcher der drei Begriffe der Französischen Revolution braucht eine Wiederbelebung? 

Fraternité fehlt uns am meisten – das sieht man sowohl durch die Ungleichheit wie auch durch den Zuwachs an identitären Bewegungen rechts und links.

Und wie würden Sie es anstellen?

Angesichts der Klimakrise wie auch der Pandemie müssten wir erkennen, dass wir alle verletzlich sind, trotz aller Unterschiede – und dass wir alle untergehen, wenn wir nicht zusammenarbeiten. Dazu gehört natürlich nicht nur intellektuelle Einsicht, sondern wirkliche Veränderungen in den Wirtschaftssystemen.

Über welches Problem denken Sie gerade nach?

Wie kann man den viel verschmähten Universalismus wiederherstellen?

Welches Buch hat Sie zuletzt beschäftigt?

Da musste ich zwei Bücher nennen. Eins davon ist älter, “The Twilight of Common Dreams”, von dem amerikanischen Soziologen Todd Gitlin. Es ist eine hervorragende Analyse der Tendenz der Linken, sich mit symbolischen Fragen der Identität anstatt mit systemischen Problemen zu beschäftigen. Leider stimmt seine Diagnose noch heute genau. Das zweite Buch ist der Roman “Tyll” von Daniel Kehlmann, der hervorragend vor Augen führt, wie Europa vor der Aufklärung ausgesehen hat. Ich kann nur hoffen, dass die Aufklärungskritiker aufgepasst haben.

Vermittelt die Pandemie irgendeine Botschaft?

Die universelle Verletztlichkeit und Verbundenheit der Menschen

Gibt es eine Überzeugung, der Sie seit der Jugend treu geblieben sind?

Wer meine Antworten bis hierher gelesen hat, wird sich nicht wundern, dass ich seit der Jugend dem Universalismus treu bin. Das heißt, Rassismus in jeder Form abzulehnen und die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen mehr als die Unterschiede zu schätzen.

Serien ersetzen den Roman, Podcasts die Zeitungen – würden Sie zustimmen?

Überhaupt nicht. Auch wenn ich bestimmte Serien und Podcasts schätze, lese ich immer noch Romane und Zeitungen – und das tun meine Kinder auch.

Worüber sollten Medien mehr berichten?

Gute Nachrichten. Wir brauchen tatsächlich Beispiele, die uns Hoffnung machen. Bei den deutschen Medien werden diese oft als Kitsch abgewertet, aber sie sind lebensnotwendig.

Wie hat Corona Ihren Alltag beeinflusst?

Wie hat es meinen Alltag nicht beeinflusst? Ein Buch von mir ist auf Deutsch erschienen, ein paar Tage vor dem Lockdown – alle Lesereisen wurden abgesagt. Einiges konnte auf Zoom stattfinden, aber eine ganze Reihe Reisen und Gespräche, im In- und Ausland, fehlte und fehlt weiter. Auch mein Institut, das Einstein Forum, musste online gehen, was unsere Arbeitsweise stark beeinträchtigt. Wir öffnen jetzt wieder, aber stark eingeschränkt. Es ist beeindruckend, wie die wissenschaftlichen und literarischen Betriebe auf irgendeine Weise weiter funktionieren, aber es ist sicherlich nicht das, worauf man sich normalerweise freuen kann. Trotzdem gehöre ich natürlich zu den privilegierten Menschen, die zu Hause arbeiten können. Dennoch ist die Unmöglichkeit der Lebensplanung schon eine Herausforderung.

Es ist kein einfaches Jahr. Gab es einen besonders schönen, privaten Moment und würden Sie ihn beschreiben? 

Es ist nicht besonders privat, aber ich habe mich sehr über die Begeisterung für die Black-Lives-Matter-Bewegung gefreut – vor allem, dass so viel weiße Bürger, in den USA und in Europa, sich beteiligt haben.

Kennen Sie eine Lieblingszeile oder einen Zauberspruch, mit dem man gut durch diese Zeiten kommt?

Kein Zauberspruch, sondern ein Argument von Kant: Wenn wir hoffen, dass die Menschheit zum moralischen Fortschritt fähig ist, können wir dazu beitragen. Wenn wir die Hoffnung aufgeben, ist alles verloren. Also haben wir eine Pflicht, die Hoffnung aufrechtzuerhalten. (Neulich hat Noam Chomsky das gleiche Argument mit anderen Wörtern formuliert.)

Was macht Ihnen Mut?

Nur der Gedanke, dass Resignation und Zynismus die Rechten fördern.

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