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Teenagerschwangerschaften in Sierra Leone: “Ich spreche einiges über Sex aus, was sich nicht gehört”




Die 22-jährige Autorin Eunice Naffie Mustapha hat ihr Buch


Die 22-jährige Autorin Eunice Naffie Mustapha hat ihr Buch “Girlz Planete: Teenage Pregnancy” geschrieben, um junge Frauen aufzuklären


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In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für globale Probleme.



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Als Geschenk zum Valentinstag wünscht sich Henry Sex. Amy ist jünger als er. Sie mag ihn, hat sich einen Freund gewünscht. Henry schreibt ihr viel über WhatsApp. Auch, dass es nun an der Zeit sei, miteinander zu schlafen. Amy berät sich mit ihren Freundinnen, die aufgeregt sind und sie anspornen. Sie beschließt, dass sie es mit Henry versuchen wird. Doch im Bett will er noch mehr.

“Baby, bleib still liegen und lass mich das machen. Ich mag es ohne Kondom. Fleisch an Fleisch wird das beste Erlebnis für dich sein, mein Liebling”, sagt Henry zu ihr. Als Amy widerspricht, wird er wütend. Schließlich lässt sie alles zu. Später wird sie sich nicht trauen, ihren Freundinnen zu sagen, dass ihr erstes Mal nicht schön war. Und auch nicht, dass es sich anfühlte, als sei sie “unaufhörlich mit einem Messer gestochen worden”.

Das ist eine von vielen Szenen in dem Buch “Girlz Planete: Teenage Pregnancy”, die jungen Frauen in Sierra Leone verdeutlichen sollen, wie wichtig es ist, auf sich aufzupassen – und nicht schwanger zu werden. “Wir lernen es nicht in der Schule und auch nicht von unseren Eltern”, sagt die 22-jährige Autorin Eunice Naffie Mustapha. “Ich möchte jungen Mädchen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Unsere Gesellschaft hilft ihnen jedenfalls nicht. Sex ist ein großes Tabu.”



Eine Schwangere kurz vor der Geburt in Freetown: Viele junge Frauen werden von ihrer Familie verstoßen und können nicht zurück in die Schule, wenn sie Kinder bekommen

Eine Schwangere kurz vor der Geburt in Freetown: Viele junge Frauen werden von ihrer Familie verstoßen und können nicht zurück in die Schule, wenn sie Kinder bekommen


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MARCO LONGARI / AFP


Mustapha, die heute Jura studiert, hat das Buch vor zwei Jahren geschrieben. “Ich dachte, vielleicht kann ich als junge Frau andere junge Frauen mit meinen Worten besser erreichen”, sagt Mustapha. Das Thema Schwangerschaft begleitete sie in ihrem Schulalltag und auf den Straßen der Hauptstadt Freetown.

Sierra Leone hat eine der weltweit höchsten Schwangerschaftsraten bei Teenagern. Laut einer Unicef-Untersuchung aus dem Jahr 2015 sind drei von zehn jugendlichen Mädchen betroffen. Auch Kinderehen sind in dem westafrikanischen Land üblich: fast 40 Prozent der Mädchen werden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet.

Veröffentlichen konnte Eunice Naffie Mustapha ihren Ratgeber erst vor wenigen Monaten. “Das Buch ist heute aber aktueller denn je”, sagt Mustapha. “Die Coronakrise wird noch mehr junge Frauen schwanger und allein zurücklassen.” Hilfsorganisationen teilen die Vermutung der Autorin. Laut einer neuen Studie der Hilfsorganisation Save the Children könnte der Kampf gegen Covid-19 in Sierra Leone bis Ende dieses Jahres zu 23.000 zusätzlichen Schwangerschaften bei Teenagern führen.

Ein Grund dafür sind die Schulschließungen seit Ende März. Das letzte Mal, als die Schulen schließen mussten, war im Jahr 2014. Damals wurde wegen der Ebola-Epidemie der Notstand ausgerufen. Nach dem “United Nations Development Programme” sind die Schwangerschaften minderjähriger Mädchen in der Ebola-Krise in Sierra Leone um 65 Prozent gestiegen.



Schulkinder in Sierra Leone: Für Mädchen bedeutet der Unterricht nicht nur Bildung, sondern auch Sicherheit

Schulkinder in Sierra Leone: Für Mädchen bedeutet der Unterricht nicht nur Bildung, sondern auch Sicherheit


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SAIDU BAH / AFP


Schule, das bedeutet in Sierra Leone und anderen afrikanischen Ländern nicht nur Bildung, sondern auch Sicherheit. Fällt sie weg, sind Mädchen oft einen Großteil des Tages unbeaufsichtigt und somit ungeschützt. Manche werden von ihren Verwandten oder Nachbarn missbraucht. Manche müssen arbeiten gehen und zum Beispiel alleine Waren an der Straße verkaufen. In großer Not verkaufen manche auch sich, um Geld für Nahrung aufzutreiben.

Die Corona-Pandemie gefährdet auf dem afrikanischen Kontinent hart erkämpfte Erfolge für die Gleichstellung von Frauen. Und sie verschärft Probleme, die bereits vor dem ersten Corona-Fall zu Ungleichheit geführt haben – wie Teenagerschwangerschaften.

Mustapha stellt mit ihrem Buch eine große Nähe zu jungen Frauen und ihrer Erlebniswelt her. Ihre Protagonistinnen reden im Slang, wie sie es auch untereinander tun würden. Erzählen von den ersten Kontakten mit Männern, Auseinandersetzungen mit ihren Eltern. Diskutieren alles mit ihren Freundinnen. “Ich spreche dabei einiges über Sex aus, was sich eigentlich nicht gehört”, sagt Mustapha. “Das ist nötig, sonst wird sich nie etwas ändern. Unsere Probleme sind tief im Alltag verwurzelt.”



Mustapha ist froh, dass ihr Buch endlich erschienen ist.

Mustapha ist froh, dass ihr Buch endlich erschienen ist. “Seitdem haben sich schon viele Mädchen bei mir gemeldet”, sagt sie. “Der Bedarf über Sex zu sprechen ist groß.”


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Hier erzählt Eunice Naffie Mustapha, wie sie die Lebensumstände junger Frauen in Sierra Leone erlebt – und welche Veränderungen es braucht, um die Zahl der schwangeren Teenager zu verringern:

“Ich war zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal das Wort ‘Sex’ ausgesprochen habe. Meine Freundinnen und ich tauschten uns auf dem Schulhof aus. Keine von uns wusste wirklich Bescheid. Es gibt keinen Sexualkunde-Unterricht in Sierra Leone. Eltern sprechen normalerweise nicht mit ihren Kindern über Sexualität. Sex ist ein großes Tabu.

Gleichzeitig sind die Auswirkungen von Sex aber überall präsent. Es gibt viele schwangere Mädchen, oft gerade mal 14 Jahre alt. Das führt jedoch nicht dazu, dass sich jemand um sie kümmert. Meistens werden sie verstoßen.

Bis vor Kurzem gab es in Sierra Leone ein Gesetz, dass schwangeren Mädchen den Schulbesuch verboten hat. Das oberste Gericht Westafrikas entschied aber, dass damit die Mädchen diskriminiert und ihre Menschenrechte verletzt wurden. Nun dürfen sie offiziell wieder zu Schule gehen. Viele tun das aber trotzdem nicht.

Oft schicken Eltern ihre schwangeren Töchter fort. Sie sollen bei der Familie des Jungen leben, mit dem sie geschlafen haben. Die Mädchen sind dort aber nicht unbedingt willkommen. Sie müssen viel arbeiten und können so nicht mehr zur Schule gehen. Oder sie dürfen oder wollen nicht bei der fremden Familie leben und müssen sich allein auf der Straße durchschlagen. Oder sie schämen sich furchtbar, weil sie ein Kind erwarten – und alle mit dem Finger auf sie zeigen.

Wir alle müssen lernen, besser miteinander umzugehen. Die Stigmatisierung von jungen Schwangeren und jungen Müttern muss aufhören. Sie ist traumatisierend.

An meiner Schule hat mal ein Mädchen das Gerücht verbreitet, ich sei vergewaltigt worden und hätte ein Kind bekommen. Es war grauenhaft. Ich habe viel geweint, weil ihr alle geglaubt haben und ich als beschmutzt galt. Es war nur ein Gerücht und hatte schon solche Auswirkung auf mich. Wie muss sich ein Mädchen fühlen, die wirklich vergewaltigt wurde?



Schulfreundinnen gemeinsam auf dem Heimweg.

Schulfreundinnen gemeinsam auf dem Heimweg. “Viele Eltern sprechen nur Verbote aus und ihre Töchter wenden sich bei Fragen an Gleichaltrige, die selbst unerfahren sind”, sagt Mustapha


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COOPER INVEEN / REUTERS


Es gibt viele solcher Fragen, die ich mir oft stelle. Warum ist es bei uns in Ordnung, als Teenager verheiratet zu werden und ein Kind zu bekommen? Nicht jedoch, ohne Heirat schwanger geworden zu sein? Warum erklären wir Mädchen und Jungen nicht, wie es zu einer Schwangerschaft kommt? Wie wichtig Kondome sind, um nicht schwanger und auch nicht krank zu werden?

Bei uns ist es aber nicht gut, einfach mit dem Finger auf die Gesellschaft zu zeigen. Schon gar nicht, wenn man selbst eine junge Frau ist. Ich habe deshalb nach jedem Kapitel Passagen aus dem Ratgeber eines Mannes und Diskussionsfragen eingefügt. So können alle sehen, dass es nicht nur meine weibliche Sicht ist und selbst über das Thema sprechen.

Das ist ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft und etwas, das ich mit dem Buch ändern möchte: über die wichtigsten Themen reden wir nicht miteinander. Dabei haben junge Menschen viele Fragen, wenn es um Sexualität geht. Sie wollen Wissen. Und sie benötigen es dringend.



Leben am Limit: Eine 15-Jährige mit ihrem fünf Monate alten Kind in Sierra Leone

Leben am Limit: Eine 15-Jährige mit ihrem fünf Monate alten Kind in Sierra Leone


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Olivier Asselin/ UNICEF Sierra Leone


Die Regierung sollte Sexualkunde-Unterricht an den Schulen einführen. Ich hoffe außerdem, dass auch Eltern mein Buch lesen und anfangen, mit ihren Kindern private Unterhaltungen zu führen. Viele sprechen nur Verbote aus und ihre Töchter wenden sich bei Fragen an Gleichaltrige, die selbst unerfahren sind und um anzugeben, ausgedachte Geschichten von tollem Sex erzählen. So wird das Netz aus Unwissenheit immer weiter geknüpft.

Es gibt wenige Frauen, die in Sierra Leone selbstbestimmt leben können. Im Vergleich zu Männern erleben sie vieles, was sie einschränkt oder sogar bedroht. Dazu gehören auch Schwangerschaften in jungen Jahren. Sie bedeuten für Mädchen das Ende von allem. Dabei haben viele Mädchen sehr viel Potenzial. 

Dieses Potenzial geht uns verloren, wenn wir Frauen nicht rechtzeitig unterstützen. Wir schränken die Zukunft unseres Landes ein, wenn so viele Frauen keine Ausbildung erhalten. Teenagerschwangerschaften sind die Ursache für viele weitere Probleme und wir müssen gemeinsam daran arbeiten, ihre Zahl zu verringern. 

Am liebsten wäre es mir, wenn auch Jungen und Männer das Buch lesen und verstehen, dass sie die gesamte Zukunft eines Mädchens zerstören können – mit nur einem Treffen. Sie müssen vorsichtig sein und ein Bewusstsein dafür entwickeln, was ihr Verhalten anrichten kann.

Über Facebook- und WhatsApp-Chats werden viele Mädchen von Männern, oft viel älter als sie, umgarnt. Sie machen Komplimente und sind sehr freundlich. Irgendwann schlagen sie dann ein Treffen vor, sagen, es sei normal, Sex zu haben, um dem Mann etwas zurückzugeben. Es gibt viele Männer, die sich so an junge Frauen heranmachen und das ist gesellschaftlich akzeptiert.

Die Mädchen in meinem Buch sprechen über solche Annäherungsversuche. Manche lassen sich zum Sex überreden und fühlen sich danach schlecht. Sie sind damit allein. Wenn ein Mädchen aber so eine Geschichte von einem anderen Mädchen liest, versteht sie, dass sie nicht wirklich allein ist. Dass es vielen geht wie ihr. Und am wichtigsten: dass sie Nein sagen kann.”

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Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft