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Teruo Nakamura und Co: Japans letzte Weltkriegssoldaten, versteckt im Dschungel

Die indonesischen Soldaten stimmten die japanische Nationalhymne an, als sie in den frühen Morgenstunden des 18. Dezember 1974 auf die Lichtung mitten im Dschungel traten. Aus einer kleinen Hütte, kaum drei mal drei Meter groß, trat ein Mann, nackt und unterernährt. Beim Anblick der Fremden erstarrte er und ließ sich widerstandslos in Gewahrsam nehmen.

30 Jahre zuvor hatte die kaiserliche japanische Armee Teruo Nakamura als Soldat nach Morotai entsandt, um die indonesische Insel im Zweiten Weltkrieg gegen die Alliierten zu verteidigen. Der Kampf um Morotai war für die Japaner schnell verloren, doch Nakamura sollte sich im Inneren der Insel verstecken und den Feind als Guerilla angreifen. Für ihn endete der Einsatz erst 1974, als er, nun 55 Jahre alt, aufgespürt wurde.

Nakamura war Japans letzter Soldat, der erst Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckt wurde. Wenige Monate zuvor hatte der Fall des Nachrichtenoffiziers Hiro Onoda auf der philippinischen Insel Lubang Schlagzeilen gemacht; 1972 hatten zwei Fischer den Soldaten Shoichi Yokoi auf Guam gefunden.

Die “Holdouts”, wie die ausharrenden Soldaten genannt wurden, konfrontierten die wirtschaftlich aufstrebende Nation Japan mit ihrer Kriegsvergangenheit, die sie jahrzehntelang verdrängt hatte. “In den Zeitungen fand man plötzlich aufwühlende Erinnerungen von Veteranen über die Schlacht von Saipan direkt neben Anzeigen für einen Kurztrip dorthin”, sagt Beatrice Trefalt, Professorin für Japanstudien an der australischen Monash University. “Die Kombination aus der Entdeckung der Holdouts und der massiven medialen Aufmerksamkeit brachte bei der Nachkriegsgeneration die Frage auf: Haben wir ausreichend Wiedergutmachung betrieben?”

“Bewahre immer den Geist des Angriffs”

Aufarbeitung gab es bis dahin kaum. Veteranen fanden bis in die Sechzigerjahre selten Gehör, viele hatten sich zunächst aus der Gesellschaft zurückgezogen. “Ein psychologischer Zusammenbruch war weit verbreitet unter wiederkehrenden Soldaten”, erklären Edgar A. Porter und Ran Ying Porter in einem Buch über den japanischen Blick auf den Zweiten Weltkrieg und die Besetzung durch die USA. Sie beschreiben den Fall von Naomasa Kodama, der auch Jahrzehnte später noch Scham über die Niederlage spürt und ein Foto mit seinen militärischen Auszeichnungen ablehnt: “Ich kann kein solches Foto von mir mit Kriegsandenken machen lassen, weil Japan den Krieg verloren hat.”

Das Japanische Kaiserreich schien ab Mitte des 19. Jahrhunderts in seinen Eroberungen unaufhaltsam. Zunächst unterwarf es Taiwan und Korea und siegte 1905 gegen Russland; 1931 folgte die Besetzung der Mandschurei und 1937 die Invasion in China.

Schon 1882 verlangte ein Ehrenkodex die Loyalität jedes Soldaten zum Kaiser. Dieses Selbstverständnis wurde im Zweiten Weltkrieg durch den “Senjinkun” verstärkt: ein Büchlein mit Handlungsanweisungen, das ab 1941 jeder Soldat bekam. “Im Falle einer Verteidigung bewahre immer den Geist des Angriffs […], gib niemals eine Stellung auf, sondern stirb lieber.” Aufgeben war im “Senjinkun” keine Option: “Wenn du überlebst, bring nicht die Schande über dich, ein Gefangener zu werden.”

Japanisches Territorium um jeden Preis zu verteidigen – mit dieser Order zog auch Nakamura in den Dschungel. Am 15. September 1944 landeten rund 57.000 alliierte Soldaten auf Morotai. 500 Japaner verteidigten die Insel und bauten falsche Camps auf, um den Gegner über ihre Truppenstärke zu täuschen. Vergebens: In nur drei Wochen eroberten die Alliierten wichtige Teile der Insel, mehr als 300 Japaner starben. Die verbliebenen Soldaten, darunter Nakamura, sollten den Kampf vom Dschungel aus in Einzelattacken fortführen. Viele starben an Unterernährung, Krankheiten oder bei Guerillaangriffen.

Nakamura schloss sich einer kleinen Gruppe an. Aus Wochen im Versteck wurden Monate und Jahre. Anfang der Fünfzigerjahre verließ er das Camp von einem Tag auf den anderen. Wenig später wurde die Gruppe gefunden – und glaubte, Nakamura sei im Dschungel gestorben.

Tage zählen nach dem Mondzyklus

Der aber hatte eine Lichtung von 20 mal 30 Meter freigeschlagen, mit Bambus eingezäunt und eine kleine Hütte gebaut. In einem Tal, umgeben von Felsen, züchtete er Paprika, Papau-Früchte, das Wurzelgemüse Taro und Tabak. Er fischte in einem kleinen Fluss und kochte in der Dunkelheit, damit niemand den Rauch seines Feuers sah. Seine Waffe benutzte er nicht: aus Furcht, mit dem Lärm Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

“Nicht mein Leben zu verlieren, wurde mein einziges Ziel, und das nahm fast meine gesamte Zeit ein”, sagte er nach seiner Rückkehr. Die Tage zählte er nach dem Stand des Mondes, machte nach jedem Mondzyklus einen Knoten in ein Seil.

Wenn Militärflugzeuge einen Flugplatz auf der Insel ansteuerten, bewies das für Nakamura, dass der Krieg nicht vorbei war. Dass sie immer moderner wurden, hielt er für ein Zeichen anhaltender Aufrüstung. Piloten sahen hin und wieder Zeichen einer Siedlung im Dschungel. Im Sommer 1974 berichtete ein Pilot, er habe einen nackten Mann, eine Hütte und ein kleines Gemüsefeld gesehen. Als Nakamura am 18. Dezember 1974 entdeckt wurde, hatte er seit 20 Jahren keinen Kontakt mit Menschen gehabt.

Anders der Nachrichtenoffizier Hiro Onoda, nur wenige Monate vorher auf Lubang gefunden: Etwa 30 Einheimische soll er getötet, rund 100 verletzt haben. Abgeworfene Flugblätter zu Japans Kapitulation hielt er für feindliche Propaganda. Als ein Abenteurer ihn im März 1974 entdeckte, trug Onoda noch seine Uniform und war bewaffnet. Er ergab sich erst auf Befehl seines früheren Vorgesetzten, den die Behörden extra einflogen.

Der philippinische Präsident begnadigte Onoda für die Morde, weil er sie im Glauben begangen hatte, noch im Krieg zu sein. Als er im März 1974 in Japan aus dem Flugzeug stieg, wurde er von einer jubelnden Menge und Reportern empfangen.

Opfer der Besatzungsmacht oder Kollaborateur?

Nakamuras Rückkehr stellte die Behörden vor ein Dilemma. Er war taiwanesischer Ureinwohner und musste nach der japanischen Eroberung für die Besatzungsmacht kämpfen. Nakamura wollte nach Taiwan zurückkehren, identifizierte sich aber als Japaner. Doch Japan hatte seine Ansprüche auf die Insel nach Kriegsende abgetreten. Seit 1949 war Taiwan Regierungssitz des chinesischen Diktators Chiang Kai-Shek und der Republik China, nachdem er den Bürgerkrieg gegen Mao verloren hatte. Japan hatte Maos Volksrepublik China gerade erst anerkannt und fürchtete diplomatische Konsequenzen.

Taiwan versuchte indes, die eigene japanische Vergangenheit zu verdrängen. Nakamura bekam einen chinesischen Namen: Li Kuang-hui. Leise kehrte er am 8. Januar 1975 zurück. Unklar blieb, ob er von den Japanern eingezogen worden war oder sich selbst zur Armee gemeldet hatte – Freiwillige galten nach dem Krieg als Kollaborateure. “Die Taiwanesen wollten, dass Nakamura sich als Opfer der Besatzungsmacht inszeniert”, so Forscherin Trefalt. “Nakamura sagte, dass er zwar eingezogen wurde, aber ohnehin in der Armee kämpfen wollte. Er passte einfach nicht in die Kategorien, in die man ihn stecken wollte.”

Als Taiwanese hatte Nakamura zudem keinen Anspruch auf eine Pension der japanischen Armee. Zwar zahlte ihm die Regierung nach öffentlichem Druck vier Millionen Yen, doch sein Fall führte in Japan zu einer Debatte über den Umgang mit Soldaten aus ehemaligen Kolonien: Diejenigen, die sich in Japan niedergelassen hatten, fanden oft keine Jobs, lebten in Armut und litten Hunger.

“Während des Kriegs war Taiwan japanisches Gebiet, und wir haben in der kaiserlichen Armee gekämpft. Aber weil Japan verloren hat, werden wir diskriminiert. Es wäre gut, wenn die japanische Regierung an uns denken würde”, sagte der ehemalige Soldat Jiro Yoshida. Mehr als zehn Jahre später ein Erfolg: 1987 schrieb ein Gesetz der japanischen Regierung vor, taiwanesischen Veteranen oder ihren Familien eine Entschädigung zu zahlen.

Nakamura erlebte diesen Umschwung nicht mehr. Nur vier Jahre nach seiner Rückkehr erkrankte er schwer und starb am 15. Juni 1979 an Lungenkrebs. Vermutlich eine Folge seiner Zeit im Dschungel: Auf seinem Gemüsefeld hatte er auch Tabak angebaut.

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