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TikTok soll offenbar doch nicht an US-Konzern verkauft werden




Ein Auto fährt an einem TikTok-Büro in Los Angeles vorbei


Ein Auto fährt an einem TikTok-Büro in Los Angeles vorbei


Foto: Dylan Stewart / picture alliance / Newscom

TikToks Mutterfirma ByteDance werde den US-Ableger von TikTok an keinen amerikanischen Software-Konzern verkaufen – weder an Oracle noch an Microsoft, berichtet Chinas staatlicher englischsprachiger Fernsehsender CGTN unter Berufung auf “Kreise”. Auch werde ByteDance den Quellcode für die Videoplattform nicht an einen US-Käufer weitergeben, berichtet der Fernsehsender.

Die Strategie sei nun, statt eines Verkaufs eine Partnerschaft mit Oracle einzugehen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters mit Bezug auf Informanten. Damit hoffe ByteDance, ein US-Verbot zu vermeiden und gleichzeitig die chinesische Regierung zu beschwichtigen.

In der Nacht zum Montag war bekannt geworden, dass Microsoft aus dem Rennen um TikTok ausgeschieden sei. Stattdessen wurden Oracle die besten Chancen eingeräumt. US-Präsident Donald Trump hatte im August angeordnet, bis zum 15. September TikTok an ein US-Unternehmen zu verkaufen. Er hatte mit einem Verbot der Video-Plattform in den USA gedroht, würde ByteDance dieser Forderung nicht nachkommen.

Chinas Regierung kann Trumps Wunsch-Deal verhindern

ByteDance lehnte es ab, den Bericht von CGTN zu kommentieren. Es sind aber nicht die ersten Signale aus China, die darauf hindeuten, dass es möglicherweise überhaupt keinen Deal gibt. Reuters hatte bereits vergangene Woche berichtet, die chinesische Regierung würde eher in Kauf nehmen, dass TikTok in den USA nicht mehr verfügbar ist, als einem von der US-Regierung erzwungenen Verkauf zuzustimmen.

Peking hatte Ende August seine Ausfuhrbestimmungen verschärft – mit der Folge, dass “IT-Technologien mit Personalisierung auf Basis von Datenanalyse” und Bedienung mithilfe künstlicher Intelligenz nur mit einer Erlaubnis der Regierung ins Ausland verkauft werden dürfen. TikToks Herzstück, der Empfehlungsalgorithmus, könnte unter diese Definition fallen. Ohne den Algorithmus ist TikToks US-Geschäft für einen Käufer weniger attraktiv.

Ein möglicher Mittelweg sähe so aus: Oracle, das nicht nur mit Datenbanken, sondern längst auch als Cloud-Anbieter Geld verdient, könnte als Technologiepartner von TikTok die Daten der US-Nutzer verwalten und damit die US-Regierung zufriedenstellen, die TikTok als Gefahr für die nationale Sicherheit bezeichnet. Neben dem Bedeutungszuwachs als Cloud-Betreiber ergäbe sich für Oracle ein weiterer Vorteil: Der Konzern könnte mit den TikTok-Daten sein Datenanalysegeschäft für Onlinemarketing-Kunden stärken.

Verwirrung um die Verkaufsfrist

Oracle oder ein neu zu gründender US-Ableger von TikTok, an dem Oracle beteiligt wäre, müsste allerdings einen neuen Empfehlungsalgorithmus entwickeln – schnell genug, um die US-Nutzerinnen und -Nutzer bei der Stange zu halten.

Ob Trump mit einem derartigen Deal einverstanden wäre, ist unklar. Er hatte noch am Freitag eine Fristverlängerung für TikTok jenseits des 15. Septembers abgelehnt und gesagt: “Es wird entweder geschlossen oder sie verkaufen es.” Zudem hatte er wiederholt gefordert, dass die US-Regierung selbst Geld für den erzwungenen Deal bekommen müsse. Oracle-Gründer und Verwaltungsratschef Larry Ellison einer der wenigen Unterstützer von Trump unter den Spitzenmanagern in der US-Technologiebranche.

Zudem sorgt das Datum für das angedrohte TikTok-Verbot weiterhin für Verwirrung. Trump hatte zwei Exekutivanordnungen unterzeichnet. Die erste gilt ab dem 20. September, nicht dem 15., und verbietet US-Unternehmen weitere Transaktionen mit TikTok. Die zweite erfordert einen Verkauf des US-Geschäfts von TikTok bis zum 12. November.

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