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Tisch selbst bauen: Das hässliche Entlein unter den Tischen




Rüttelfest: Der neue Tisch


Rüttelfest: Der neue Tisch


Foto: Benjamin Schulz/ DER SPIEGEL

Es ist mir nicht ganz klar, wann es passiert ist. Aber irgendwann zwischen dem Kauf meiner ersten Japansäge und der Erweiterung meines Sortiments auf vier Stück (okay, sechs) bin ich zu einem Grantler geworden. 

So ein Typ, der im Baumarkt meist nur noch kopfschüttelnd dasteht und sich über die miese Qualität der Ware beschwert. Und der beim Besuch im Möbelhaus die mangelhafte Konstruktion der Ausstellungsstücke kritisiert, meistens mit dem Zusatz “und wahnsinnig teuer noch dazu”. 

Als wir einen neuen Küchentisch brauchten (der alte hielt den Rüttelattacken gewisser Familienmitglieder nicht mehr stand), war die Möglichkeit da, endlich zu machen statt zu nörgeln. Qualitativ schlechtes Material in einer lausigen Konstruktion würde ich auch selbst hinbekommen, da war ich mir sicher. Aber selbstverständlich viel billiger als im Möbelhaus.



Möbel Marke Eigenbau: Der kleine Tisch

Foto: Benjamin Schulz/ DER SPIEGEL

Möbel Marke Eigenbau: Der kleine Tisch

Vor einiger Zeit hatte ich eine Anhängerladung sägeraue Balken günstig im Nachbarort erstanden. Vier davon dienten mir als Rohmaterial für den Tisch – Materialkosten gut 30 Euro. Es handelte sich um Nadelholz, ziemlich astig, und für den Möbelbau nur bedingt geeignet, insbesondere für eine stark beanspruchte Tischplatte viel zu weich.

Aber bevor ich womöglich Hunderte Euro für hübsche Hartholzbohlen ausgeben würde, wollte ich erst mal wissen, ob so ein Tischbau nicht doch meine Fähigkeiten übersteigt. Und ob mein angestrebtes Design etwas taugt. Sollte am Ende nur Brennholz entstanden sein, wäre der Verlust eher zu verschmerzen gewesen. 

Ich hatte ein schlichtes Exemplar vor Augen. Vier Beine, vier Zargen, per Schlitz und Zapfen verbunden. Obendrauf eine Platte, selbst zusammengeleimt. Ein Experiment in Holz. Dass so etwas auch in Perfektion möglich ist, können Sie hier sehen. Wenn Sie das Gegenteil sehen wollen, schauen Sie auf meinen Tisch.

Die Tischplatte, alles andere als ein Handschmeichler

Er ist das hässliche Entlein unter den Tischen – leider ohne Aussicht, jemals ein hübscher Schwan zu werden. Mein Tisch ist unbeabsichtigt zweifarbig geworden, was an der Holzauswahl und -qualität liegt. Auf Streichen hatte ich keine Lust.

Die Platte ist alles andere als ein Handschmeichler, weil meine Hobelkünste dem Ast-Wildwuchs nicht gewachsen waren. Auf langwieriges Schleifen hatte ich keine Lust angesichts des Umstandes, dass ich die Platte vielleicht gegen ein Exemplar aus schönerem und robusterem Holz austauschen werde. Das wäre schon deshalb sinnvoll, weil an einer Kante ein kleiner Ast herausgebrochen ist – ideal, um mit der Hose hängenzubleiben. 

Immerhin ist der Tisch solide, auch nach den ersten Monaten wackelt nichts, er hält allem Rütteln stand. Ich wage zu behaupten, dass er mindestens so stabil ist wie Exemplare, die man für 30 Euro kaufen kann.


Titel: Gesägt, getan: Eine Anleitung zum Heimwerkerglück

Herausgeber: Ullstein Taschenbuchvlg.

Seitenzahl: 240

Autor: Schulz, Benjamin

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Preisabfragezeitpunkt

13.09.2020 18.01 Uhr

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Ein Gefühl der Behaglichkeit

Als ich mich zum ersten Mal an den fertig gebauten Tisch setzte, überkam mich für einen Moment Zufriedenheit. Noch vor wenigen Jahren hätte ich mich an so ein Projekt überhaupt nicht herangetraut – und jetzt habe ich etwas gebaut, das man mit einigem guten Willen als Möbelstück bezeichnen kann. 

Dieses Gefühl wurde in Ansätzen sogar schon literarisch geadelt und in “Robinson Crusoe” beschrieben. Nachdem dieser auf der Insel gestrandet ist, beginnt er, sich dort häuslich einzurichten, Möbelbau inklusive: “Ich begann sodann mir diejenigen Gegenstände anzufertigen, die mir die notwendigsten schienen, nämlich vor Allem einen Tisch und einen Stuhl, da ich ohne diese nicht einmal die geringe Behaglichkeit, die mir auf der Welt geboten war, zu genießen vermocht haben würde.”

Für mich kann ich konstatieren, dass diese Behaglichkeit sich bei mir immer breit macht, wenn ich mich an meinen Tisch setze. Das gute Gefühl, ihn selbst hergestellt zu haben, hält immer noch an. Der Frust über die verhunzte Tischplatte allerdings auch.

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