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Tomaten züchten: Im Frischeparadies

Es gibt viele gute Gründe, einen Gemüsegarten zu kultivieren. Allein die Gesundheit: Alles kommt superfrisch auf den Tisch und ist biologisch-ökologisch einwandfrei, weil man weder Gift spritzt noch überdüngt. Und preiswerter als im Bioladen ist es noch dazu – wenn man die investierte Zeit nicht umrechnet.

Der Gemüsegarten meiner Kindheit war gefühlt riesig, was geerntet wurde, fester Bestandteil des familiären Speiseplans. Auch heute noch bepflanzen meine Eltern eine kleine Fläche mit Kartoffeln, Zwiebeln, Radieschen, Möhren und Erbsen, und wenn ich sie während der Saison besuche, darf ich immer gleich probieren. Es gibt kaum etwas Köstlicheres als eine frisch aus der Erde gezogene Mohrrübe oder süße Erbsenschoten direkt vom Strauch in den Mund.

Es gibt aber auch Gründe, keinen Gemüsegarten anzulegen. Schließlich dauert es vom Saatkorn zur Delikatesse eine ganze Weile, man muss Unkraut jäten, Schnecken vertreiben und gießen, gießen, gießen. Und wenn dann ein später Frost kommt, war vielleicht alles umsonst.

Tomatensamen zu Weihnachten

Aus Scheu vor diesem Arbeitsaufwand und weil ich wenig Platz habe, gibt es in meinem Garten kein Gemüse. Aber ich habe ein kleines Substitutionsprogramm: Tomaten im Topf. Dabei ist es seit Jahren dasselbe – im Frühjahr werden sie gehätschelt, gegossen, gedüngt, an Stangen gebunden, sie blühen und wachsen – und wenn die Ernte ansteht, bin ich meist nicht da, sondern im Sommerurlaub. Gern in Italien, da sind die Tomaten auch nicht schlecht. Die zu Hause bekommt dann meine Nachbarin. 

Warum ich es trotzdem tue? Weil ich eine ziemlich emotionale Beziehung zum Tomatenzüchten habe. Mein Vater zieht die Setzlinge selbst. Manchmal aus gekauftem Saatgut, manchmal aus Samen, die er von seinen eigenen Tomaten gewinnt. Zu Weihnachten schenke ich ihm gern ein paar Tütchen Samen alter Sorten. 

Jahr für Jahr wird ab Februar ein Teil meines Elternhauses zur Tomatenzuchtanstalt. Meine Eltern hantieren mit Thermometern, tragen Schalen von einem Fenster zum anderen – manchmal mehrmals am Tag, damit die Sonneneinstrahlung optimal wirken kann. Sie pikieren, topfen um, tragen die Töpfe tagsüber an die frische Luft, abends wird alles wieder reingeschleppt. Ich gehe davon aus, dass mit den Pflanzen auch gesprochen wird. 

Tomaten sind anlehnungsbedürftig

Im Mai, nach den Eisheiligen, darf und soll der Tomatennachwuchs endgültig ins Freie. Drei Pflanzen reisen dann aus der Lüneburger Heide zu mir nach Hamburg, jede bekommt einen großen Topf und eine lange, gewundene Stange, denn Tomaten sind anlehnungsbedürftig. Essenziell ist das Dach überm Kopf, Wasser direkt aufs Blattwerk schätzen sie nicht, ansonsten wollen sie Wasser aber in rauen Mengen, ich gieße es immer in die Unterteller der Tontöpfe. Dünger ist auch notwendig, zum Beispiel eignet sich ein biologischer Universaldünger. Dann muss nur noch die Sonne scheinen, und die Miniplantage gedeiht.

Ab Anfang Juni zeigen sich die ersten zartgelben Blüten – und hoffentlich die ersten Hummeln, die bei der Bestäubung helfen. Tomaten können sich aber auch selbst – über den Wind – bestäuben, sie sind Zwitter.

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Die sogenannte Vibrationsbestäubung durch Hummeln gilt allerdings als effektiver, die Fruchtansätze werden besser.

Dann kommt der Augenblick der großen Freude, ein klein bisschen Stolz ist auch dabei, wenn die ersten winzigen Tomaten sich zeigen und täglich größer und langsam rot werden. Die erste wirklich reife Frucht kommt direkt in den Mund. Ja, das ist auch ein Grund, sich jedes Jahr wieder die Mühe zu machen: das Gefühl, tatsächlich etwas (mit) geschaffen zu haben, etwas Sinnvolles, Schmackhaftes, Schönes.

Am Anfang ihres europäischen Siegeszuges wurde die aus Südamerika stammende Tomate ausschließlich ihrer Ästhetik wegen geschätzt. Als Zierpflanze schmückte sie Gärten, die Früchte dienten auch im Haus der Dekoration. Sie galt als potenziell giftig. Tatsächlich enthalten die Blätter dieses Nachtschattengewächses, aber auch die unreifen Früchte Stoffe, die toxische Wirkung entfalten und zu Verdauungsstörungen führen können. Eine andere Wirkung, die den perfekt roten Früchten mancherorts zugeschrieben wurde, ist romantischer: der Verzehr sei aphrodisierend. Daher rühren wohl auch Namen wie “Paradeiser” (Österreich) oder “Pomme d’amour” (Frankreich).

In diesem Jahr hatte ich übrigens außer drei Rispentomaten auch zwei Gurkenpflanzen, nur mal so, als Experiment. Immerhin drei Gurken konnte ich ernten. Ach, ja, eine Peperoni gab es auch, voll mit erst zart bitteren, dann höllisch scharfen Schoten. Vielleicht finde ich im nächsten Frühjahr doch noch ein bisschen Platz für ein Gemüsebeet im Garten. Radieschen kann man schon ab Juni ernten, da bin ich noch nicht verreist.

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