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Tour de France: Miguel Ángel López – Superman fliegt wieder




Miguel Ángel López:


Miguel Ángel López: “Wie Superman”


Foto: SEBASTIEN NOGIER/EPA-EFE/Shutterstock

Der Angriff: Es wirkte wie ein großes Missverständnis. Primoz Roglic nahm etwas Tempo raus, doch sein Helfer Sepp Kuss gab weiter Vollgas. Eine Lücke riss auf, Kuss schaute zurück. Doch der einzige, der schnell genug schaltete, war Miguel Ángel López. Der Kolumbianer schloss zu Kuss auf, setzte sich ab und fuhr auf den letzten Kilometern des brutalen Col de la Loze alleine zum Gipfel. Kurz vor der Ziellinie schaute er sich nochmal um, trat noch einmal in die Pedale und ballte dann die Faust. Da war er, sein erster Tour-Etappensieg.

Superman fliegt: López gehört zu einer Riege starker Radprofis aus Kolumbien. Doch der 26-Jährige ist wohl der einzige, der öfter bei seinem Spitznamen als seinem Geburtsnamen gerufen wird. Miguel Ángel López ist nämlich “Superman”. Wie er dazu kommt? Da gibt es folgende Geschichte: Der 16 Jahre alte López trainierte für ein Jugendrennen, als ihm zwei Diebe auflauerten, um sein Rad zu stehlen. López wehrte sich, ein Dieb stach ihm mit einem Messer ins Bein, doch der Teenager entkam. Kurz darauf startete López mit seinem von ihm persönlich verteidigten Rad bei einem Rennen und fuhr eine Attacke gegen seine Konkurrenten. Der Kommentator soll gesagt haben, López fliege den Berg hoch “wie Superman”. Und da war der neue Spitzname.

Etappenergebnis: Superman López flog am Mittwoch wieder. Der Astana-Profi gewann die 170 Kilometer lange 17. Etappe von Grenoble nach Méribel vor Primoz Roglic und Tadej Pogacar. “Das ist ein ganz besonderer Tag für mich”, sagte López, der Dritter des Gesamtklassements ist. Lesen Sie hier den Etappenbericht.

Königsetappe: Es war nicht irgendeine Etappe, es war die Etappe zum Dach der Tour. Nach dem 2000 Meter hohen Col de la Madeleine mussten die Fahrer noch den Col de la Loze erklimmen, ein 2304 Meter hohes Monster von einem Berg mit Steigungen bis zu 24 Prozent. Der Anstieg im Ort Méribel war zum ersten Mal Teil der Tour, doch einer kannte ihn schon ganz gut. Tadej Pogacar hatte an dieser Stelle 2018 das Gelbe Trikot der Tour de l’Avenir übernommen, einer Art Tour de France für Junioren.

Ende des Traums? Roglic gegen Pogacar – das ist das Duell um das Gelbe Trikot. Doch am Schlussanstieg zeigte der Führende seinem erst 21 Jahre alten Herausforderer die Grenzen auf. Roglic entkam Pogacar mit einem kraftvollen Antritt und baute seinen Vorsprung in der Gesamtwertung auf 57 Sekunden aus. “Ich habe zwar nicht gewonnen, aber Sekunden auf meinen schärfsten Kontrahenten herausgeholt”, sagte der Kapitän von Jumbo-Visma, “alles ist gut, ich bin zufrieden.” Pogacar gab sich aber nicht geschlagen. “Es ist noch nicht vorbei”, sagte der UAE-Profi.

Das Bergtrikot: Benoît Cosnefroy kommt aus einer Radsportfamilie, sein Vater und sein Großvater organisierten Radrennen. Mit 16 Jahren gewann Benoît zum ersten Mal einen Preis – den Prix Louis Cosnefroy, benannt nach seinem Ur-Ur-Großvater. Der wäre wohl sehr stolz gewesen, hätte er gewusst, dass einer seiner Nachfahren einmal das Bergtrikot der Tour de France sein eigen nennen würde. Das nämlich trug Benoît Cosnefroy für 15 Tage auf seinen Schultern, länger hat das in diesem Jahrtausend noch niemand geschafft. Nun musste der Franzose den Dress aber an den neuen Führenden Pogacar abgeben.

Überschätzt: Mit einem wahren Kraftakt gewann Lennard Kämna am Dienstag seine erste Tour-Etappe. Doch das reichte dem 24-Jährigen offenbar nicht. Mit einer Fluchtgruppe verabschiedete sich der Deutsche am Mittwoch erneut vom Peloton. Das Ziel: Bergpunkte. “Ich schiele auf das Bergtrikot”, hatte Kämna noch vor der Etappe gesagt. Doch daraus wurde nichts, seine Beine waren dann wohl doch zu müde. Am Col de la Madeleine fiel Kämna wieder zurück. Vielleicht hatten ihn zuvor noch die letzten Adrenalinreste des Vortags an die Spitze getrieben.

Der Weitermacher: Es gibt Sportler, die bringen Jahr für Jahr Höchstleistungen, fallen dabei aber kaum auf. Der Spanier Mikel Nieve vom Team Mitchelton-Scott ist so einer. Der 36-Jährige hat in seiner Karriere bei 18 Grand Tours in Folge das Ziel erreicht, immer in den Top 25. Bei seiner 19. Grand Tour war es nun soweit. Mikel Nieve musste erstmals aufgeben, die Königsetappe der Frankreichrundfahrt war zu viel für ihn.

Und morgen? Könnten weitere Aufgaben folgen. Es wird nämlich noch mal richtig schwer. Auf dem 175 Kilometer langen Weg von Méribel nach La Roche-sur-Foron warten insgesamt fünf Bergwertungen, davon zwei der ersten und eine der schwersten Kategorie. Für Pogacar könnte es die letzte Chance zur Attacke auf Roglic werden, denn nach der 18. Etappe stehen vor Paris nur noch ein etwas flacherer Tag sowie ein Einzelzeitfahren an. Dass Pogacar dort eine Minute auf den Gesamtführenden aufholt, ist unwahrscheinlich. Donnerstag scheint die letzte Chance zu sein.

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