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Tour de France: Sören Kragh Andersen und Team Sunweb erzwingen das Glück




Sören Kragh Andersen:


Sören Kragh Andersen: “Man weiß nicht, dass man gut genug dafür ist, bis man es geschafft hat”


Foto: FRANCK FAUGERE / AFP

Das Finale: Lennard Kämna, Thomas de Gendt und Julian Alaphilippe hatten schon attackiert, aber jeden fing das Peloton in Lyon wieder ein. Etwa drei Kilometer vor dem Ziel löste sich dann Sören Kragh Andersen und sprintete davon. Die Verfolger setzten nicht schnell genug nach. Mit 63 Kilometern die Stunde schoss Andersen über die dreispurige Zielgerade, die am Ende nur ihm allein in seinem Jubel gehörte. “Ich habe keine Worte. Ich habe davon geträumt. Aber man weiß nicht, dass man gut genug dafür ist, bis man es geschafft hat”, sagte Kragh Andersen.

Teamwork: Der Sieg des 26-Jährigen war zu einem großen Teil auch ein Mannschaftserfolg. Denn bevor er in Lyon attackierte, hatten schon seine Teamkollegen Tiesj Benoot und Marc Hirschi das Feld mit Attacken genervt und müde gefahren. Es war nicht das erste Mal, dass Sunweb diese Taktik nutzte. Schon öfter schickte die Mannschaft mehrere Fahrer in Ausreißergruppen, sozusagen um das Glück zu erzwingen. Marc Hirschi beispielsweise war mit zwei Teamkollegen unterwegs gewesen, bevor er seine Solofahrt zum Tagessieg auf der 12. Etappe startete.

Das Etappenergebnis: Sören Kragh Andersen gewann die 14. Etappe, die über 194 Kilometer von Clermont-Ferrand nach Lyon führte. Hinter ihm sprinteten in der Spitzengruppe Luka Mezgec auf Platz zwei und Geburtstagskind Simone Consonni auf Rang drei. Primoz Roglic behält das Gelbe Trikot. Hier geht es zum Etappenbericht.

Gruß aus der Geschichte: Lyon hat als Ankunftsort von Tour-Etappen eine lange Historie – um genau zu sein: die Längste. 1903, bei der ersten Tour de France, führte die Premierenetape über 467 Kilometer von Montgeron nach Lyon. Nach 17 Stunden und 45 Minuten erreichte Maurice Garin damals als erster das Ziel. Auch die folgenden fünf Etappen gewann der italienisch-französische Pedaleur und holte damit den Gesamtsieg.

Ausreißfaulheit: Oft schon wurde vor Etappen in diesem Jahr vorhergesagt, eine große Fluchtgruppe werde sich absetzen. Doch tatsächlich war das bislang nur selten der Fall. Einmal, auf der fünften Etappe, gab es sogar keine Ausreißer. Am Samstag kam es dann sogar zu einer kuriosen Situation: Sunweb-Sprinter Cees Bol attackierte mit Stefan Küng und Edward Theuns. Kurz darauf setzte Bols Teamkollege Casper Pedersen dem Trio nach. Doch noch bevor Pedersen zur Gruppe aufschließen konnte, ließ sich Bol extra zurückfallen. Offenbar sah das Team doch keinen Sinn in einer vierköpfigen Ausreißergruppe. Küng wurde wenig später als letzter eingeholt.

Punktefahren: Bestimmt wurde die 14. Etappe vom Kampf um das Grüne Trikot. Bora-hansgrohe machte an der Spitze des Pelotons Tempo, um Sam Bennett, den Führenden der Punktewertung, abzuhängen. Der Plan: Peter Sagan sollte beim Zwischensprint und im Finale in Lyon möglichst viele Punkte auf den Iren aufholen. Doch das gelang nur halb, denn Chancen auf den Etappensieg hatte Sagan als Vierter am Ende nicht mehr. “Es ist saumäßig schade, dass es so geendet hat. Am Ende ist alles explodiert”, sagte Sagans Kollege Kämna: “Es ist schon echt scheiße gelaufen, wenn man ehrlich ist.”

Aufgabe: Romain Bardet erklärte nach der Etappe am Freitag seinen Ausstieg aus der Tour, der Franzose hatte sich bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen. Nach der Ankündigung gab es jedoch Diskussionen, warum Bardet die Etappe überhaupt noch zu Ende gefahren war. Im Fall eines Verdachts auf eine Gehirnerschütterung gibt es eigentlich ein spezielles Protokoll, das eingehalten werden soll. Die Tour-Ärzte erklärten jedoch, für eine eingehende Untersuchung sei in der Rennsituation nach einem Sturz kaum Zeit. Bardet habe zunächst keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung gezeigt, deswegen habe er weiterfahren dürfen. Nach der Ankunft im Ziel hatte Bardet allerdings erklärt, es gehe ihm schlecht. Eine Lösung, wie das Protokoll besser anwendbar gemacht werden könnte, scheint aktuell nicht in Sicht.

Und nun? Am Sonntag wird es wieder Kämpfe im Gesamtklassement geben. Die 174,5 Kilometer lange 15. Etappe führt über zwei Bergwertungen der ersten Kategorie – und endet auf dem Grand Colombier. An diesem Anstieg der höchsten Kategorie muss Primoz Roglic sein Gelbes Trikot gegen Tadej Pogacar verteidigen. Der erst 21 Jahre alte Fahrer vom UAE-Team ist Zweiter der Gesamtwertung und wirkte zuletzt als einziger Topfahrer stark genug, um Roglic gefährlich zu werden.

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