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Türkei-Tourismus in der Corona-Krise: Wie das Reiseland um Urlauber wirbt

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Am Konyaalti Beach gibt es jetzt kleine Strand-Separées: Jeweils vier Holzpflöcke wurden in den Sand gerammt und mit einer Kordel zum Quarrée verbunden, darin Platz für zwei Plastikliegen, drei Menschen und einen Sonnenschirm. Säuberlich aufgereiht und mit Sicherheitsabstand sollen sich die Urlauberinnen und Urlauber in Antalya sonnen im Sommer 2020 – dem Sommer, der so anders ist als alle anderen zuvor.

Es ist ein bisschen wie bei den Sieben Zwergen in diesem Jahr: Überall wird ganz genau abgezählt – in Restaurants, Geschäften, an Urlaubsorten. Die Protokolle zur Bekämpfung des Coronavirus wollen es so. Es dürfen nicht zu viele Menschen kommen (“Das Infektionsgeschehen!”), aber bitteschön auch auf keinen Fall zu wenig (“Die Wirtschaft!”).




Pool leer, Strand verwaist - der Türkei fehlen die Urlauber


Foto: OZAN KOSE/ AFP

Pool leer, Strand verwaist – der Türkei fehlen die Urlauber

Während sich Mitte Juni die ersten deutschen Urlauberinnen und Urlauber bereits in die Ferienflieger nach Mallorca gesetzt haben, herrscht in den Badeorten der Türkei immer noch Flaute. Und das mitten in der Hochsaison.

Zwar rät Großbritannien – nach Russland, Deutschland und Bulgarien die Nummer vier der wichtigsten Besuchernationen – inzwischen nicht mehr von nicht notwendigen Reisen in die Türkei ab. Doch die Bundesregierung hält an ihrer coronabedingten Reisewarnung für eines der Lieblingsurlaubsländer der Deutschen fest. Das sorgt für Streit: Die Türkei wittert eine politische Strafaktion gegen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan.

Anfang dieser Woche allerdings sagte Thomas Bareiß, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung, im Fernsehen einen Satz, der Touristikern – und sicher auch vielen Urlaubern – Hoffnung gemacht haben dürfte. Er sprach über wachsende Chancen für eine Aufhebung der coronabedingten Reisewarnung für die Türkei. “Wenn die Lage gut ist – und letzte Woche war die Lage gut -, können wir relativ schnell die Öffnungen vorbereiten”, sagte Bareiß.

Das Robert-Koch Institut stuft die Türkei derzeit als Corona-Risikogebiet ein. Daher gilt für das drittbeliebteste Urlaubsland der Deutschen – aktuell bis zum 31. August – eine Reisewarnung des Auswärtiges Amtes. Das Nicht-EU-Land hofft, dass diese bald aufgehoben wird.

Menschen, die aus einem Risikogebiet in Deutschland einreisen, müssen mit einer 14-tägigen Quarantäne rechnen. Allerdings können Urlauberinnen und Urlauber aus der Türkei von der Regelung befreit werden, wenn sie bei der Einreise nach Deutschland einen negativen Corona-Test vorweisen können, der nicht älter als 48 Stunden ist.

Nach der Einreise aus Deutschland in die Türkei gibt es keine Quarantänepflicht mehr. Am Flughafen wird aber die Temperatur gemessen. Bei Symptomen kann ein Corona-Test durchgeführt werden, das türkische Gesundheitsministerium entscheidet dann über das weitere Vorgehen.

Quelle: dpa

“Die Türkei hat viele Stammgäste, die sich wünschen, dass Urlaub dort wieder möglich ist”, sagt Anja Braun, Pressesprecherin von TUI Deutschland. Das Land zähle neben Spanien und Griechenland traditionell zu den beliebtesten Reisezielen deutscher TUI-Gäste, unter ihnen viele Familien und Paare. Warum das so ist? Braun nennt die “qualitativ gute Hotellerie mit ihren weitläufigen Anlagen”, ein “sehr attraktives Preis-Leistungsverhältnis” und die “herzliche Gastfreundschaft” als Gründe.

Mit zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zählt der Tourismus zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Türkei. “Entsprechend groß ist die Hoffnung der Hoteliers und aller Menschen, die in der Türkei vom Tourismus leben, dass Reisen bald wieder möglich sein werden”, sagt Braun. Die Verantwortlichen hätten zusammen mit den Hoteliers “viel in Sicherheits- und Hygienekonzepte investiert”.

Wie die Türkei den Urlaub sicher machen will

Tatsächlich versucht die Türkei bereits seit Wochen, das Land so urlaubstauglich wie immer darzustellen. Es wirbt offensiv mit hohen Sicherheitsvorkehrungen und einem Plan für den Fall, dass sich eben doch infizierte Urlauber in Antalya, Bodrum oder Istanbul aufhalten werden. Die konkreten Maßnahmen im Überblick:

  • Gewissheit bei der Anreise: In Flughäfen und Hotels kommen Wärmebildkameras zum Einsatz. So will man feststellen, ob Einreisende Fieber haben. Im Zweifel kann sofort ein Coronatest gemacht werden, dessen Ergebnis zwei Stunden später vorliegen soll. Im Falle einer Infektion entscheidet das Gesundheitsamt über alles weitere.

  • Corona positiv – und das Hotel zahlt den Urlaub: Wer das Pech hat, in der Türkei an Covid-19 zu erkranken, der kann in bestimmten Fällen wenigstens günstiger Urlaub machen. So lautet einem Bericht der britischen Zeitung “The Telegraph” zufolge das Versprechen gegenüber Reisenden. Sollte sich bei Einreise eine Infektion bestätigen, könnten sich die Infizierten für eine Isolation im Hotelzimmer entscheiden. Manche Hotels würden die Kosten für den Aufenthalt übernehmen – und selbst dann kein Geld verlangen, wenn die Quarantänezeit länger wäre als die Dauer des geplanten Urlaubs. “Die Extratage würden dann nicht in Rechnung gestellt”, heißt es in dem Zeitungsbericht. Nicht alle Hotels jedoch würden das so handhaben.

  • Versichert im Corona-Fall: Der Sorge, sich im Urlaub mit Sars-CoV-2 anzustecken, tritt die Türkei mit einer speziellen Versicherung entgegen – der Tourist Protection Health Insurance. Sie kann für 15, 19 oder 23 Euro online abgeschlossen werden, je nachdem, welche Summe sie abdecken soll. Versichert sind im Falle einer Covid-19-Diagnose alle Gesundheitsausgaben bis zu einer Höhe von 3000, 5000 oder 7000 Euro. Allerdings können nur Menschen bis 65 Jahre die Police abschließen.

  • Regeln für den Ferienalltag: Sicherheitsabstand an den Stränden, in Plastik verpackte Handtücher am Pool – mit Social Distancing und strengen Hygienevorschriften will die Branche zeigen, dass sie die Lage ernst nimmt. Die türkische Regierung vergibt Zertifikate an Gastronomen und Hotels, die die neuen Standards einhalten. Um das Zertifikat zu bekommen, müssen Betriebe lange Listen ausfüllen, in denen es auch um Details geht wie Wasserkocher (müssen desinfiziert werden), Handtrockner (müssen ausgeschaltet sein) und offene Buffets (der direkte Zugriff des Gastes ist “zu verhindern”). Überprüft wird das Zertifizierungsprogramm von Inspektoren, die unter anderem von deutschen Firmen gestellt werden. Auf der Website der türkischen Tourismusagentur, der Turkey Tourism, Promotion and Development Agency (TGA), sind alle Unterkünfte, Restaurants und Cafés verzeichnet, die das Siegel bereits bekommen haben.

“Wir stehen in den Startlöchern”

Die Partnerhotels der TUI erfüllten “ebenso hohe Standards wie Spanien, Griechenland oder andere Länder innerhalb der EU”, sagt Unternehmenssprecherin Braun.

“Der Türkeitourismus ist perfekt vorbereitet”, sagt Murat Kizilsac, Geschäftsführer von Anex Tour, zu dem auch der Türkeispezialist Öger Tours und Bucher Reisen gehören. Aufgrund der aktuell geltenden Reisewarnung haben zwar alle Veranstaltermarken des Düsseldorfer Konzerns Türkeireisen bis zum 15. Juli abgesagt. Doch dies sage nichts über die Situation vor Ort aus. “Die türkische Reisebranche setzt sämtliche Maßnahmen effektiv und sehr gewissenhaft um”, versichert Kizilsac. Über die Wiederaufnahme von Reisen hieß es in einer Pressemitteilung vorige Woche: “Wir stehen in den Startlöchern.” Türkei-Reisende sorgen bei Anex Tour für große Anteile des Geschäfts; bei Öger Tours machen sie im Sommer bis zu 80 Prozent des Umsatzes aus.

Trotz der Reisewarnung verzeichne die Marke derzeit “zahlreiche Last-Minute-Anfragen für die Sommer- und Herbstferien”, sagt Öger-Tours-Pressesprecherin Kathrin Rüter-Pantzke auf Anfrage des SPIEGEL. Außerdem gebe es “eine steigende Nachfrage von Stammkunden”. Ein Großteil der Hotels an der Türkischen Riveria – 350 von rund 400 Häuser – habe bereits geöffnet oder öffne bis zum 1. August. 

Es überrascht freilich nicht, dass die Reisekonzerne die Bemühungen der türkischen Touristiker als vorbildlich darstellen. Wie groß das Vertrauen der Kundinnen und Kunden ist, wird sich erst zeigen, wenn die Reisewarnung wirklich wegfallen sollte.

Offenbar rechnet zumindest Deutschlands größter Reiseveranstalter damit, dass sich die Kunden doch zögerlich verhalten könnten. TUI hat gerade eine “Welcome-back-Kampagne” gestartet und will mit einer Preisaktion locken: “Bis zu 150 Euro pro Person können Urlauber bei ausgewählten Flugpauschalreisen sparen”, sagt Pressesprecherin Anja Braun. “Sicher wird es auch für die Türkei attraktive Angebote für den Sommerurlaub geben.” Wie diese konkret aussehen könnten, teilt das Unternehmen nicht mit.

Ein Teil der Hotels habe bereits seit Ende Juni wieder geöffnet. “Weitere können mit einem Vorlauf von einigen Tagen öffnen”, sagt TUI-Sprecherin Braun. Schnell die Urlaubsmaschine wieder hochfahren, sollte die Bundesregierung von ihrer Reisewarnung abrücken – davon hängt die Rettung dessen ab, was von dieser Saison noch übrig ist.

Und dann gibt es da noch einen wichtigen Faktor: Die zweite Corona-Welle darf nicht ausgerechnet dann auf die Türkei zurollen, wenn die Deutschen wieder in Antalya am Strand liegen. “Dort, wo Infektionszahlen nach oben gehen, müssen wir auch reagieren”, sagte der Tourismusbeauftragter Bareiß am Montag. “Das heißt, dass dann auch Urlauberregionen wieder geschlossen werden, dass Maßnahmen eingeleitet werden.”

Dann wäre es ganz schnell wieder vorbei mit dem “super-duper außergewöhnlich wunderbaren” Urlaub in der Türkei, den ein englisch sprechender Junge in einem Werbevideo des türkischen Fremdenverkehrsamts beschwört.

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