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TV-Nachlese „Hart aber Fair“: „Nicht gleich wieder mit der Maximalkeule um ums schlagen“


TV-Nachlese „Hart aber Fair“
:
„Nicht gleich wieder mit der Maximalkeule um ums schlagen“



Frank Plasberg diskutiert bei „hart aber Fair“ mit seinen Gästen über Corona-Einschränkungen und steigende Infektionszahlen.
Foto: Screenshot ARD/screenshot ARD

Düsseldorf „Sind wir die Insel der Glückseligen oder sehen wir gerade nur unsere Zukunft, wenn wir nach Frankreich oder Österreich blicken?“ – Bei Frank Plasberg rät am Abend ein Experte dazu, im Umgang mit der Corona-Pandemie auch mal etwas zu wagen.

Die Gäste

  • Dieter Hallervorden, Kabarettist, Intendant vom Berliner „Schlosspark Theater“
  • Michael Preetz, Geschäftsführer von Hertha BSC, Ex-Profi-Fussballer
  • Karl Lauterbach, Gesundheitsökonom und Epidemiologe, SPD
  • Susanne Gaschke, Journalistin für „Die Welt“ und „Welt am Sonntat“
  • Andreas Gassen, Orthopäde und Unfallchirurg
  • Karoline Preisler, FDP-Politikerin, war an Corona erkrankt

Darum ging es

Die Infektionszahlen steigen wieder an, zugleich kehrt im Alltag wieder Normalität ein: Stadien werden für erste Fussballfans geöffnet, und auch einige Theater haben wieder Besucher. “Wie lange geht das gut?” will Frank Plasberg von seinen Gästen wissen und fragt außerdem: “Hat Deutschland im Vergleich mit den Nachbarn nur Dusel?”

Der Talkverlauf

In Dortmund, Berlin und einigen anderen Stadien wurde am Wochenende wieder vor Besuchern Fußball gespielt. Hertha-Chef Michael Preetz hofft, dass das “ein erster Schritt Richtung Normalität” war. Karl Lauterbach hält offene Stadien für das falsche Signal: Bei “Hart aber Fair” spielt der SPD-Abgeordnete wieder die Rolle des Mahners.

Nachdem es vergangene Woche in Deutschland wieder mehr Infektionsfälle gab – den höchsten Anstieg seit Mitte April – sagt der SPD-Politiker: “Mir geht’s nicht um den Fussball.” Ihm gehe es um Warnungen, auch aus den Nachbarländern: “Ältere sind wieder mehr gefährdet, in Spanien sind 60 Prozent der Intensivbetten wieder gefüllt.” Lauterbach hält es für “naiv zu glauben, dass uns das erspart bleibt. Es ist denkbar, aber es grenzt an magisches Denken”, sagt Lauterbach und prophezeit: “Wir werden ebenfalls Probleme bekommen.”

In der Runde hat er es an dem Abend mit dieser Position schwer. Dieter Hallervorden, inzwischen 85 Jahre alt, freut sich, auf einer seiner beiden Bühnen in Berlin wieder vor Zuschauern spielen zu können, wenn auch mit Einschränkungen und nur 22 Prozent der Plätze des “Schlosstheaters Berlin”. Falls Aerosole für brüllende Fans ein Problem seien, hat er ein Rezept parat: “Wir können die Zuschauer aus den Stadien ja ins Theater schicken, da schreit man sich nicht an, da hört man zu”, scherzt der Kabarettist. Auf Lauterbachs Warnung vor “7.000 Infektionen pro Tag in fünf Wochen” und dem Vorschlag, private Feiern wieder auf 25 Personen zu reduzieren, hat der Kabarettist eine klare Antwort: “Das sind ja keine Warnungen mehr, das ist Panikmache”, ruft er und sagt: “Die Leute brauchen doch Hoffnung.”

Auch Susanne Gaschke kritisiert Lauterbach immer wieder. “Wenn wir Grundrechte auf Vorrat einschränken, bekommen wir die Probleme”, sagt die Welt-Journalistin. “Coron ist ein Problem, aber nicht das einzige Problem unserer Gesellschaft.” Sie fordert, das Infektionsschutzgesetz täglich mit der epidemiologischen Lage abzustimmen. Was in Nachbarländern wie Spanien und den Niederlanden geschehe, müsse man ernst nehmen, aber “aber es ist auch wichtig und relevant, was im Moment in Deutschland passiert”, sagt sie. Gesundheitsminister Spahn werde ja “nicht müde zu erzählen, dass eigentlich alles ganz gut läuft. “Ich finde wir sind ein bisschen zu wenig stolz auf unser Gesundheitssystem.” Das habe die Situation “nach anfänglichem Hick-up” doch gut hinbekommen.

Karoline Preisler, die selbst an Covid 19 erkrankt war, ist ebenfalls nicht für eine Rücknahme der Lockerungen. Der Lockdown war nötig, aber “inzwischen wissen wir doch, dass es viele Maßnahmen gab, die so nicht hätten sein müssen”, sagt die FDP-Politikerin. In den letzten sechs Monaten habe die Bevölkerung viel gelernt. Warnrufe seien ja nicht zu übersehen, dennoch rät sie zu Vorsicht: “Als Mensch und Bürger möchte ich nicht Leine kriegen und Leine lassen”, sagt Preisler. Wenn Freiheitsrechte eingeschränkt würden, müsse das aufgrund von Tatsachen geschehen.

Für weniger radikale Eingriffe in den Alltag, dafür “mehr Augenmaß und Beinfreiheit” ist auch Andreas Gassen. “Wir haben derzeit fast 10.000 Intensivbetten frei und damit einen Riesenpuffer im Vergleich zu anderen Staaten”, sagt der Mediziner. Ihn stört “Lauterbachs vermeintlich absolute Wahrheit”. Auch er lobt das deutsche Gesundheitssystem: Die Praxen seien vorbereitet, es gebe ein breit übers Land verteiltes Netz an Praxen und starke Intensivstationen, “so dass ja nicht morgen das Armageddon kommt.” Man solle nicht leichtsinnig werden, aber solle gut abwägen, findet er und sagt: “Da muss man auch mal was wagen!”


“Unser Gesundheitssystem wäre selbst mit den Zahlen von Bergamo nicht ansatzweise überlastet gewesen”, sagt Gassen. “Wir haben da einen riesigen Faustpfand – der ermöglicht uns nicht, leichtsinnig zu sein, aber doch sehr viel gemessener mit Dingen umzugehen.” Seine Warnung klingt anders als Lauterbachs: “Wir müssen deshalb nicht gleich wieder mit der Maximalkeule um ums schlagen.”

Lauterbach verteidigt sich gegen den Vorwurf der Panikmache. Schließlich verlaufe in Deutschland die Pandemie auch deshalb relativ glimpflich gerade weil viele Maßnahmen gegriffen hätten. Aber Gassen gibt nicht auf: “Es geht ja nicht darum, mit der Gesundheit unserer Mitbürger zu spielen”, sagt er. Aber mit der Sicherheit, die unser Gesundheitssystem biete, könne man sich durchaus ein Stück weit in die Normalität wagen.” “Was wir brauchen sind intelligente, innovative Konzepte”, so der Mediziner. Wenn man Patienten Maßnahmen, die oft auch unangenehm seien vernünftig erklärte, machten die auch mit. Angst zu machen, schaffe andererseits “kein Vertrauen und führt selten zum Erfolg.”

Eine heiter-freundliche Botschaft gibt auch Dieter Hallervorden – als beruflich von von Coronavirus betroffener sowie altersbedingt gefährdeter Mensch – den Zuschauern noch mit auf den Weg: “Ich bin ja Optimist und spaziere auf den Wolken, unter denen Pessimisten Trübsal blasen”.