Spiegel

USA: Bewaffnetes Paar in St. Louis – Mit dem Rücken zur Wand

usa:-bewaffnetes-paar-in-st.-louis-–-mit-dem-rucken-zur-wand




Patricia und Mark McCloskey vor ihrer Villa in St. Louis, Missouri


Patricia und Mark McCloskey vor ihrer Villa in St. Louis, Missouri

LAWRENCE BRYANT/ REUTERS

Eine Frau, ein Mann, beide weiß. In ihren Gesichtern Entschlossenheit und Angst. Die Frau hält eine kleine Pistole in der Hand, den Finger am Abzug, der Mann ein Sturmgewehr vom Typ AR-15 im Anschlag. Beide machen nicht den Eindruck, als könnten sie damit verantwortungsvoll umgehen.

Und beide stehen, so ist das ja oft in derartigen Situationen, mit dem Rücken zur Wand. Es könnte fast die Wand eines öffentlichen Gebäudes sein, mit seinen repräsentativen Säulen und Balustraden – aber es ist doch eine amerikanische Villa. Privateigentum. Und das gilt es ja bekanntlich zu schützen. Notfalls in Vorwärtsverteidigung. Besonders, wenn man ein halb automatisches Gewehr zur Hand hat.

Vielleicht liegt es an der für diesen Anlass eigentlich unpassend gediegenen Kleidung der beiden Protagonisten, vielleicht an ihrem Gesichtsausdruck, vielleicht auch an ihrer Pose – die Szene, aufgenommen in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, wirkt trotz der Waffen unfreiwillig komisch. Wie ein Standfoto aus einer Komödie, in der aufgrund allerlei heiterer Verwicklungen ein harmloser Nachbarschaftsstreit aufs Heftigste eskaliert.

Zugleich ist das Foto archetypisch amerikanisch: Der Besitzende, der seinen Besitz heiligt und verteidigt – mit dem Gewehr in der Hand und dem selbst geschriebenen Recht auf seiner Seite. Er ist latent bedrohlich und selbst stets bedroht. Weil sein Besitz das Ergebnis einer illegalen und gewalttätigen Landnahme ist, von der er nichts mehr wissen will.

So verstanden, illustriert das Bild die Vorstellung von einem weißen Amerika, das sich zum letzten Gefecht rüstet.

Vielleicht ist das der Grund, warum Donald Trump das Foto via Twitter in Umlauf gebracht (und bald darauf wieder gelöscht) hat. Denn hier kommt ein Kontext ins Spiel, den der US-Präsident bei seinem Publikum voraussetzen kann. Und von dem er profitiert, indem er folgende Interpretation empfiehlt: Sehr her, auf diese Weise wehren sich unbescholtene Weiße gegen den Anprall schwarzer Wut!

Dabei ist nicht das Foto an sich, sondern seine Verbreitung durch Trump ein deutlicher Aufruf, sich dem bewaffneten Paar anzuschließen. Wie überhaupt der Präsident bisher alles getan hat, um die Unruhen noch anzufeuern. Mit dem Ergebnis, dass – unter anderem in St. Louis – bereits auf Demonstrierende der Black-Lives-Matter-Bewegung geschossen worden ist.

Auf einem der bereits mehr als 14 Millionen Mal geklickten Videos des Vorfalls ist zu erkennen, dass die Frau ihre Pistole direkt auf eine Gruppe von (schwarzen wie weißen) Demonstranten richtet. Und das AR-15 des Mannes ist dafür konstruiert, den Feind durch gezieltes Dauerfeuer niederzuhalten und zu vernichten. Wir sind, so der Eindruck, nur eine Fingerkrümmung von einem Massaker entfernt.

Aber stimmt das?

Auf Videos ist auch zu sehen, wie Demonstrierende sich gewaltsam Zutritt zu einer “Gated Community” verschaffen, zu denen das Anwesen gehört. Auf der privaten Straße wird es turbulent. Die bewaffneten Anwohner werden für ihre Waffen beschimpft, die Protestierenden lautstark auf ihr unrechtmäßiges Eindringen hingewiesen. Es geht hin und hoch her. Vor allem Black-Lives-Matter-Aktivisten bemühen sich um Mäßigung.

Aufgenommen wurde das Bild am späten Sonntagabend in Portland Place, einem edlen Wohnviertel von St. Louis. Die Protestierenden hatten es nicht auf Plünderungen abgesehen, sondern wollten vor dem benachbarten Haus von Lyda Krewson, der Bürgermeisterin von St. Louis, deren Rücktritt fordern.

“Ein Mob von mindestens hundert Leuten brach durch die historischen Eisentore von Portland Place, zerstörte sie, stürmte auf mein Haus zu, wo meine Familie gerade zum Abendessen draußen saß, und versetzte uns in Angst um unser Leben”, gab Mark McCloskey zunächst zu Protokoll.

TV-Interview mit Mark McCloskey

McCloskey, 63, ist der Mann mit dem AR-15 und arbeitet, wie seine Frau Patricia, 61, als Rechtsanwalt. Beide gelten als Opfer dieses Vorfalls, nicht als Täter. Aus seiner und polizeilicher Sicht hatten sie es mit Eindringlingen auf Privatbesitz zu tun. Für ein liberales Publikum sind die Bewohner eines Palazzo in der Gated Community also andere als Sympathieträger. Was – aus europäischer Sicht – auch an ihrem paramilitärischen Waffenbesitz liegt.

Ob es bei dem brenzligen Vorfall auch Demonstrierende mit Waffen gab, ist umstritten. Ihr Besitz allerdings ist in den USA bekanntlich kulturell verankert und auch in Missouri keine Seltenheit. Überdies dürfte die alarmistische Berichterstattung über plündernde Habenichtse das Sicherheitsgefühl der Wohlhabenden inzwischen ein wenig in Mitleidenschaft gezogen haben.

Nun ist ein Bild nur ein Bild und damit Ausschnitt der Wirklichkeit, offen für Interpretationen. In aufgeheizter Atmosphäre kann es Brandbeschleuniger sein, in “sozialen” Netzwerken ein optischer Reiz mit politischen Folgen.

Wer ein Interesse an Eskalation der ethnischen Spannungen hat, wird die Szene schon entsprechend lesen und sich keines Besseren belehren lassen. Erst recht nicht von den Abgebildeten, denen offensichtlich nichts ferner liegt.

“Die McCloskeys wollen sicherstellen”, ließen sie über ihren Anwalt verkünden, dass niemand geringer über die BLM-Bewegung, deren Botschaft und Mittel denke, nur weil “einige weiße Personen”, nämlich sie selbst, “einen friedlichen Protest getrübt” haben.   

Das sind mildernde, aber nur wenige Worte. Sie sagen leider wirklich weniger als ein Bild.

Icon: Der Spiegel