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USA: Donald Trump und die Rassismusdebatte

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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL



Die Lage: USA 2020

Und raus bist du!

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute befassen wir uns mit einer neuen Welle moralischen Eiferertums in den USA. Und der Frage, wie lange die Republikaner noch zu Donald Trump halten.

Der Mord an George Floyd durch einen weißen Polizisten in Minneapolis hat nicht nur zu Protesten in fast allen großen amerikanischen Städten geführt und eine Debatte angestoßen, wie das Land – mehr als 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei – die immer noch eklatante Benachteiligung schwarzer Amerikaner bekämpfen kann.

Erstmals seit der Verabschiedung des Civil Rights Act im Jahre 1964 scheint es so, als folgten der Empörung über rassistische Gewalt nun endlich auch Taten:

  • Der Bundesstaat New York hat ein Verbot des Würgegriffs erlassen,

  • im US-Kongress haben die Demokraten ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Immunität von Polizisten gegen strafrechtliche Verfolgung einschränkt,

  • und das Parlament von Mississippi hat beschlossen, das blaue Kreuz auf rotem Grund aus der Staatsflagge zu entfernen – das Symbol der konföderierten Truppen also, die im amerikanischen Bürgerkrieg gegen den Norden und für die Sklaverei gekämpft haben.

“Diesmal fühlt es sich anders an”, schreibt die Autorin und Pulitzer-Preisträgerin Nikole Hannah-Jones in einem lesenswerten Essay für die “New York Times”.

Aber wie viele Revolutionen fördert auch der Umbruch in den USA einen moralischen Rigorismus zutage, indem schon die kleinste Abweichung von der reinen Lehre mit der maximalen Strafe geahndet wird. Die Ablösung des Meinungschefs der “New York Times” war für diese Entwicklung nur ein Menetekel: James Bennet musste gehen, weil ihm vorgeworfen worden war, mit dem Abdruck des Meinungsbeitrages eines republikanischen Senators, der den Einsatz von Streitkräften in US-Städten verlangt hatte, das Leben schwarzer Reporter aufs Spiel gesetzt zu haben.

Es nutzte Bennet nichts, dass er in seiner Zeit als Chefredakteur des Magazins “Atlantic” jene bahnbrechende Titelgeschichte des schwarzen Autors Ta-Nehisi Coates veröffentlicht hatte, die Reparationen für afroamerikanische US-Bürger erstmals ernsthaft auf die politische Agenda setzte. Die Fürsprecher Bennets in der “New York Times” meldeten sich erst nach seinem Abgang zu Wort.




Black-Lives-Matter-Demonstration in New York


Black-Lives-Matter-Demonstration in New York

Brian Branch Price/ imago images/ZUMA Wire

Yascha Mounk, Professor an der Johns-Hopkins-Universität, hat gerade eine verstörende Liste mit Fällen zusammengetragen, in denen eine Mischung aus Hysterie und Feigheit ganze Karrieren ruinierte:

  • Da ist Emmanuel Cafferty, ehemaliger Angestellter der Gas- und Elektrizitätswerke von San Diego. Wie viele Amerikaner wusste er womöglich nicht, dass die “White Supremacy”-Bewegung das OK-Zeichen, bei dem die Spitze des Zeigefingers den Daumen berührt, für sich gekapert hat. Als ein Foto Caffertys im Netz erschien, das ihn dabei zeigt, wie er das OK-Zeichen aus seinem Truck heraus macht, dauerte es nur noch ein paar Stunden, bis er gefeuert war.

  • Nicht viel besser erging es David Shor, einem ehemaligen Datenanalysten einer linken Beratungsfirma. Shor hatte es gewagt, die Zusammenfassung einer durch und durch seriösen Studie zu twittern, die zu dem Ergebnis kommt, dass gewaltsame Proteste gegen Rassismus eher den Republikanern nutzen. Das genügte offenbar schon als Kündigungsgrund.

Es ist kein Zufall, dass US-Firmen dazu neigen, Angestellte schon bei der kleinsten Aufregung im Netz fallen zu lassen. In den USA hat sich eine florierende Industrie etabliert, die Unternehmen in Sachen “diversity” berät und deren Geschäftsmodell darauf beruht, Rassismus von persönlicher Verantwortung zu lösen und auf das Kollektiv aller Weißen zu schieben.

 “Wenn sie schwimmt, ist sie eine Hexe”

Die Heldin dieser Szene heißt Robin DiAngelo, deren Buch “White Fragility” schon seit Wochen ganz oben auf der Bestellerliste der “New York Times” steht und das Mitte Juli auch auf Deutsch erscheint.

DiAngelo vertritt in dem Buch die These, dass jeder Weiße ein Rassist sei. Das Leugnen oder gar der Verweis auf das eigene Handeln, um das Gegenteil zu beweisen, seien nur Exkulpations- und Vermeidungsstrategien, um die rassistische Struktur der amerikanischen Gesellschaft weiter ignorieren zu können.

Das geistige Pendant zu DiAngelo, schreibt der amerikanische Autor Matt Taibbi in einer vernichtenden Kritik, sei die spanische Inquisition, die Frauen mit der lakonischen Bemerkung ins Wasser geschmissen habe: “Wenn sie schwimmt, ist sie eine Hexe.”

Was wichtig wird

Das politische Washington treibt gerade die Frage um, ob und wenn ja seit wann Donald Trump davon wusste, dass der russische Geheimdienst möglicherweise Kopfgeld für amerikanische Soldaten in Afghanistan bezahlt hat. Die Affäre wird schwerlich das Schicksal des Präsidenten beeinflussen: Was die Umfragen betrifft, kann es für Trump kaum noch schlechter laufen – was nicht weiter verwundert, wenn man sieht, mit welch rasender Geschwindigkeit sich das Coronavirus durch den gesamten Süden der Vereinigten Staaten frisst.

Anthony Fauci, oberster Seuchenbekämpfer der USA, warnte gerade davor, dass die Zahl der Neuinfektionen auf unvorstellbare 100.000 pro Tag hochschnellen könnte. Während des ersten Höhepunkts der Coronakrise im April lag der Spitzenwert noch bei rund 30.000 Fällen pro Tag. Allerdings hat der Kopfgeld-Skandal das Zeug, das Vertrauen zwischen den Republikanern im Kongress und dem Weißen Haus endgültig zu erschüttern.

Im Kongress rebellieren ohnehin schon etliche Senatoren und Abgeordnete, weil Trump plant, 9500 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Sollte sich nun auch noch herausstellen, dass Trump russisch finanzierte Tötungen von US-Soldaten bewusst ignoriert hat, wird es für Senatoren wie Lindsey Graham schwer, sich künftig noch mit dem Präsidenten bei einer entspannten Runde Golf fotografieren zu lassen.

Der Social-Media-Moment der Woche

Der gehörte zweifellos dem Ehepaar Patricia und Mark McCloskey, das barfuß, dafür aber bewaffnet mit Pistole und Sturmgewehr, ihre Villa in St. Louis bewachte, während auf der Straße eine Black-Lives-Matter-Demonstration vorbeizog.




Barfuß und bewaffnet: Patricia und Mark McCloskey vor ihrem Haus


Barfuß und bewaffnet: Patricia und Mark McCloskey vor ihrem Haus

LAWRENCE BRYANT/ REUTERS

Die Bilder gingen um die Welt, und ähnlich widersprüchlich wie die Optik des Paares (Mark McCloskey trug zu einem zartrosa Poloshirt eine schwarze AR-15) war dessen Kommunikationsstrategie: Nachdem es sich erst auf Notwehr berufen hatte, ließ es über einen Anwalt erklären, in Wahrheit empfinde man Sympathie für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Vielleicht aber war die Aktion nur eine subtile Methode, Waffenbesitz lächerlich zu machen. Das jedenfalls ist gelungen.  

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

  • Mein Kollege Roland Nelles über den Aufstieg des Trump-Herausforderers Joe Biden.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich

Ihr René Pfister