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Venus: Was vom Hype um den Gas-Fund zu halten ist


Diskussion über mögliche Lebensspuren

Auf der Erde wäre es ein Nachweis für Leben: Forscher haben in der Atmosphäre der Venus ein Gas gefunden, dessen Existenz sie sich nicht erklären können. Was ist vom Hype darum zu halten?




Illustration der Venus: Ein Gas versetzt Forscher in Staunen


Illustration der Venus: Ein Gas versetzt Forscher in Staunen


Foto: Knut Niehus / CHROMORANGE / imago images

Ein seltenes, giftiges Gas versetzt gerade Planetenforscher weltweit in Aufregung. Es heißt Monophosphan, seine Moleküle bestehen aus einem Atom Phosphor und drei Atomen Wasserstoff. Auf der Erde kommt es nur als Stoffwechselprodukt winziger Bakterien vor, die zum Beispiel im Kot von Pinguinen leben. Außerdem existiert die Substanz als vom Menschen hergestellte Chemikalie und wird zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. 

Der Phosphor in der Verbindung ist äußerst reaktiv, das Molekül verschwindet daher schnell wieder. Und genau deswegen ist die Beobachtung so spannend, von der ein Team um Jane Greaves von der walisischen Cardiff University im Fachmagazin “Nature Astronomy” nun berichtet: Mit Radioteleskopen in Hawaii und Chile konnten die ForscherInnen Monophosphan in der Venus-Atmosphäre nachweisen.  

Die alles entscheidende Frage ist, wie es dort hinkommt. Bisher ist kein chemischer oder geologischer Mechanismus bekannt, bei dem die Verbindung auf dem Planeten immer wieder neu entstehen würde. So könnte sich theoretisch eine faszinierende Möglichkeit ergeben: Mikroorganismen könnten in 50 bis 70 Kilometer Höhe über der Venusoberfläche existieren und den Stoff produzieren.

Aber um es klar zu sagen: Die Forscher behaupten das in ihrem aktuellen Paper ausdrücklich nicht. Einen direkten Hinweis für Leben auf der Venus stellt die Entdeckung also keinesfalls dar – “sondern nur für anomale und unerklärliche Chemie”, wie es in der Forschungsarbeit heißt.  

Forscher sprechen trotzdem von einem “Schock” 

Mit den Messungen, so Greaves, habe man eigentlich das Gegenteil von dem erreichen wollen, worüber jetzt diskutiert wird: “Ich dachte, wir könnten einfach extreme Szenarien ausschließen, wie zum Beispiel, dass die Wolken mit Organismen vollgestopft sind. Als wir die ersten Hinweise auf Phosphin im Spektrum der Venus bekamen, war das ein Schock!” 

Das Monophosphan in der Venus-Atmosphäre kommt nach den Messungen einerseits nur in sehr geringen Mengen vor: Rund 20 Moleküle davon sind mit einer Milliarde Moleküle anderer vermischt. Andererseits ist die Gesamtmenge immer noch so groß, dass jemand eine gute Erklärung für die beständige Neubildung der Verbindung haben sollte. Greaves und Kollegen haben diese Erklärung aber nicht, wie sie freimütig zugeben. Sonnenlicht, Blitze, Vulkane oder Meteoriten schieden auf jeden Fall aus, berichten sie. 

An den großen Gasplaneten des Sonnensystems, Jupiter und Saturn, ist Monophosphan in der Vergangenheit ebenfalls nachgewiesen worden. In diesen Fällen ist jedoch klar, dass keine Lebewesen dafür verantwortlich sind – sondern die riesigen Energiemengen, die im Inneren der Himmelskörper für chemische Reaktionen zur Verfügung stehen. An der Venus ist das nicht der Fall, auch dieser Mechanismus scheidet also aus.

Es ist natürlich möglich, dass sich das Team schlicht vermessen hat. Fehler könnten auch bei der Aufbereitung der Daten passiert sein. Dass die Gruppe mit zwei verschiedenen Teleskopen zu zwei verschiedenen Zeitpunkten etwas gefunden haben will, ist aber ein belastbares Indiz, dass die Beobachtung tatsächlich echt ist. Hinzu kommt: Von sowjetischen Sonden ausgesetzte Ballons hatten in den Achtzigerjahren Phosphor in der Venusatmosphäre nachgewiesen – allerdings ohne direkt auf Monophosphan zu schließen. 

Massiver Treibhauseffekt am Boden, bessere Bedingungen in der Atmosphäre 

Einige Fakten über die Venus sind allerdings gesichert: Die Oberflächentemperatur liegt bei rund 500 Grad, manche Metalle wie Zink oder Zinn wären da bereits geschmolzen. Der Druck erreicht fast 100 bar, also 100 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Auf diesen Wert kommt man in den Erdozeanen in 1000 Meter Tiefe. Verantwortlich für die wahrhaft infernalische Umgebung ist eine dichte Atmosphäre, die vor allem aus Kohlendioxid besteht.

Die einzigen erfolgreichen Landungen absolvierten Forschungsroboter der Sowjetunion in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Und kein einziges der Geräte hielt den widrigen Bedingungen auf der Oberfläche des Planeten auch nur zwei Stunden lang stand. 

Die Venus war nicht immer so mörderisch. Vor rund vier Milliarden Jahren dürfte sie sich analog zur jungen Erde entwickelt haben. Doch nach und nach schlug ein unerbittlicher Treibhauseffekt zu und machte die Oberfläche des Planeten zu dem höllischen Platz, der er heute ist. Teile der Atmosphäre gelten dagegen bis heute als vergleichsweise lebensfreundlich. So sind die Temperatur- und Druckverhältnisse mit der Erdoberfläche vergleichbar. Gleichzeitig wird gefährliche, von der Sonne ausgehende Strahlung effektiv abgeschirmt. Seit Jahrzehnten spekulieren manche Experten darüber, ob es daher dort einfache Organismen geben könnte.

Denn auch hoch in der Erdatmosphäre gibt es Leben. So lassen sich mit Ballons oder Forschungsflugzeugen Bakterien bis hinauf in die Stratosphäre nachweisen. Die überwiegende Mehrheit der Experten geht davon aus, dass diese ursprünglich von der Erdoberfläche aufgewirbelt wurden. Weil die Mikroben aber so widerstandsfähig seien, könnten sie auch weitab ihrer eigentlichen Heimat überleben, in Kälte, extrem geringem Luftdruck und hartem UV-Licht. Eine kleine Minderheit von Forschern postuliert gar einen galaktischen Ursprung der Winzlinge.

Wolken aus konzentrierter Säure – was soll da überleben? 

Wäre es also tatsächlich möglich, dass hoch über der Venus ebenfalls Leben existiert, seit vielen Millionen, womöglich Milliarden von Jahren? Klar ist, dass auch die Atmosphäre mögliche Mikroorganismen mit harschen Bedingungen konfrontieren würde. Wasser würde schnellstmöglich entschwinden, vor allem aber wären die Wolken aus konzentrierter Schwefelsäure zumindest viel zu ungemütlich für all das Leben, das wir hier bei uns kennen.

“Auf der Erde können einige Mikroben bis zu etwa fünf Prozent Säure in ihrer Umgebung vertragen. Aber die Wolken der Venus bestehen fast vollständig aus Säure”, erklärt Clara Sousa Silva vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, eine der Autorinnen der aktuellen Studie. 

Vielleicht ist es auf der Venus ja anders. Vielleicht existieren dort tatsächlich winzige Organismen, denen all die Widrigkeiten nichts ausmachen. Entsprechende theoretische Konzepte gibt es, danach würden sich die Mikroben sogar zwischen verschiedenen Schichten der Atmosphäre hin und her bewegen.

Vielleicht aber auch nicht. Ein Höchstmaß an Skepsis scheint bei einer Entdeckung mit solch weitreichenden Implikationen angebracht. “Wenn Sie mir die Optionen unbekannte Chemie, unbekannte Geologie oder unbekannte Biologie nennen, dann wird die Biologie immer auf einem abgeschlagenen dritten Platz hinter den beiden anderen Optionen liegen”, kommentiert die nicht an der Studie beteiligte Planetenforscherin Jessie Christiansen vom California Institute of Technology in Pasadena.

Diskussionen um Forschungsmissionen zur Venus, wie sie in Deutschland der Chef des Raumfahrtkonzerns OHB, Marco Fuchs, ins Gespräch gebracht hat, werden mit der aktuellen Entdeckung aber wieder an Fahrt aufnehmen. Doch es wird noch viele Jahre dauern, bis solch eine Sonde erdacht, finanziert, gebaut und auf den Weg geschickt ist. Diese kann dann vor Ort nachmessen, am besten wieder mit Ballons wie es einst bereits die Sowjets taten.  

Bis es soweit ist, werden wir mit der Unsicherheit leben müssen, nicht genau zu wissen, was die aktuelle Entdeckung des Monophosphans tatsächlich bedeutet.

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